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Berlin: Kulturschock zu Hause: Einleben nach dem Austauschjahr

Berlin : Kulturschock zu Hause: Einleben nach dem Austauschjahr

Der Kulturschock zu Hause kommt unerwarteter als der im Ausland. Immerhin ist man hier aufgewachsen, kennt Land und Leute. Denkt man zumindest - bis der Auslandsaufenthalt den Blick auf die Eigenarten der Landsleute verändert. „In Deutschland sind alle so direkt”, erkannte Nina Liebe, als sie von einem zehnmonatigen Schüleraustausch in Japan wiederkam. „Irgendwie erschreckt einen das ein bisschen.”

Dieser sogenannte Reverse Culture Shock ist bei den Austauschorganisationen schon lange kein Geheimnis mehr. „Im Prinzip ist das Wiedereinleben in Deutschland genauso schwierig wie das Einleben im Gastland”, erklärt Constanze Baarlage von Travelworks. Die Organisation aus Münster gehört dem Dachverband Highschool an. Der 18-jährigen Nina fiel es sogar schwerer: „Ich fand in Japan anzukommen irgendwie leichter, weil ich wollte ja dahin. Und nach Deutschland musste ich zurück.”

In der Schule gibt es zwei Szenarien, die sich auf das Wiedereinleben unterschiedlich auswirken können. Im ersten kommen die Austauschschüler zurück in ihren alten Klassenverbund. „Sie kommen dann mit dem Gefühl der weiten Welt zurück, diesem vielen Input, und sind erst einmal überrascht, dass zu Hause viel weniger passiert ist, als bei ihnen selbst”, beschreibt Uta Julia Schüler, Repräsentantin des Arbeitskreises gemeinnütziger Austauschorganisationen (AJA), diese Erfahrung.

Wenn die Schüler mit etwa 16 Jahren ein Jahr in einem fremden Land verbringen, sind sie sehr empfänglich für die neue Kultur, lernen viel dazu und verändern sich. „Und dann kommen sie zurück, und die Schulfreunde reden immer noch über die gleichen Themen, die beim Austauschschüler selbst natürlich keine unmittelbare Rolle mehr spielen”, sagt Schüler. „Da stoßen teilweise schon Welten aufeinander.” Viele Austauschschüler fragen sich in diesem Moment: Wohin mit meinen ganzen Erfahrungen?

Auch beim zweiten Szenario, in dem die Schüler in einen neuen Klassenverband zurückkommen, stehen sie vor der Frage: Wie teile ich meine Eindrücke mit, ohne mich aufzuspielen? Im Idealfall sehen Lehrer und Schüler die Erfahrungen als Mehrwert an und ermutigen den Heimkehrer, erläutert Schüler. Oft stoßen die Austauschschüler aber auch auf Neid oder Unverständnis.

Oder einfach auf Unwissen, erzählt Nina. „Bei Japan ist es so, dass die meisten Leute nicht so viel darüber wissen.” Erzählte sie von ihrem Trip nach Hiroshima, kam oft die erstaunte Frage: „Da kann man hinfahren?” Denn die meisten glaubten, dass nach dem Abwurf der Atombombe dort alles zerstört sei. Das mache das Erzählen anstrengend.

Deshalb kann es den Heimkehrern helfen, mit Gleichgesinnten zu reden. In Nachbereitungskursen der Austauschorganisationen haben sie dazu Gelegenheit. Oder wenn sie als Ehrenamtliche angehende Austauschschüler auf deren Auslandsaufenthalt vorbereiten: Denn bei ihnen stoßen sie statt auf Desinteresse und Unverständnis auf große Neugier.

Beim Voltaire-Programm des Deutsch-Französischen-Jugendwerks (DFJW) haben die Teilnehmer quasi einen ganz individuellen Erzählpartner: Denn dort werden ein deutscher und ein französischer Schüler zusammengebracht und verbringen je sechs Monate in Deutschland und in Frankreich. So können sich die Partner sehr intensiv über die Erfahrungen austauschen, erzählt Yoann Joly-Müller vom DFJW.

Mit den Gleichgesinnten können sie sich auch darüber unterhalten, wenn alte Freundschaften plötzlich nicht mehr passen. Denn durch den Blick auf die weite Welt haben Austauschschüler zum Teil reifere und selbstbewusstere Ansichten bekommen, haben sich vielleicht schneller entwickelt als die Freunde in Deutschland, berichtet Baarlage. „Wir sagen dann: „Keine Panik! Ihr habt in dem einen Jahr gelernt, neue Freunde zu finden.”” So sollte das auch zu Hause kein Problem sein.

Zu Hause in der Familie kann es in der ersten Zeit nach der Rückkehr ebenfalls ungewohnt sein. „Manche Kinder sagen: „Ich will wieder zurück ins Gastland””, beschreibt Baarlage, was Eltern manchmal zu hören bekommen. Oder: „Das Essen meiner Gastmutter hat mir viel besser geschmeckt”, gibt Baarlage ein weiteres Beispiel. „Es wird verglichen, und das kann wehtun.”

Baarlage rät in solchen Fällen, dass sich Eltern und Kinder Zeit geben, sich wieder aneinander zu gewöhnen. „Lassen Sie Ihr Kind reden und erzählen vom Gastland”, rät sie den Eltern. Beobachteten sie bei ihrem Kind aber eine Anti-Haltung - nach dem Motto „Hier ist alles doof, im Gastland war es besser” - sollten sie es an alles Positive zu Hause erinnern.

In vielen Fällen verläuft das Einleben in der Familie aber weniger problematisch: „Viele genießen, dass sie sich komplett wieder fallen lassen können”, sagt Baarlage. Denn wie wohl sich die Schüler in der Familie im Ausland auch gefühlt haben - ein bisschen Gast sind sie dort trotzdem immer geblieben. Für Nina ist es etwas schwieriger, sich wieder fallen lassen: „In japanischen Gastfamilien wird man sehr umsorgt”, erzählt sie. „Hier muss man ziemlich erwachsen sein mit 17, 18. Man muss sich daran gewöhnen, wieder mehr selber zu machen.”

Zum Reverse Culture Schock gesellt sich dann oft noch ein anderer schon bekannter Faktor aus dem Ausland: Heimweh - nach der Gastfamilie. „Ich habe es immer noch”, sagt Nina, die schon seit mehreren Monaten wieder in Deutschland ist. Und Constanze Baarlage, die selbst ein Jahr in den USA verbracht hat, erzählt: „Ich bin im Juni wiedergekommen und im Dezember direkt wieder hin”. Da hatten auch die Eltern keine Chance, sie aufzuhalten. Denn wer einmal weg war, der packt wahrscheinlich auch in Zukunft noch häufiger die Koffer.

(dpa)