Flensburg: Kisten packen und weg: Im Alter in eine neue Stadt ziehen

Flensburg: Kisten packen und weg: Im Alter in eine neue Stadt ziehen

Der Plan war gut: Marianne Weid (Name geändert), frisch in Rente und alleinstehend, packte in München ihre Koffer und zog zurück in die Stadt ihrer Kindheit - nach Flensburg. Dort lebte eine gute Schulfreundin.

Als WG wollten die Frauen zusammenleben. Aber auch gute Pläne können scheitern. Die Frauen-WG funktionierte nicht, Marianne Weid zog in eine eigene Wohnung und fühlte sich erstmal ziemlich allein. Den Umzug hat sie trotzdem nicht bereut: „Es war die richtige Entscheidung.” Aber sie sagt auch: „Man braucht Mut.”

Umzug im Alter - bei diesen Worten denken viele Menschen an Heim, Verlust der Selbstständigkeit, Verkleinerung der Wohnung, Gebrechen. Doch das betrifft vor allem die Hochaltrigen, also Menschen über 80 Jahre. Die Jüngeren ziehen dagegen häufig um, weil sie Lust dazu haben, sagt Prof. Frank Oswald von der Universität Frankfurt/Main. In einer Studie aus dem Jahr 1999 fragten er und Kollegen 219 Menschen im Alter zwischen 65 bis 93 Jahren, warum sie nach Heidelberg zogen oder dort ihren Wohnstandort wechselten.

Das überraschende Ergebnis für die Forscher: Nur rund 50 Prozent zogen um, weil sie das Gefühl hatten, dass es im alten Zuhause „nicht mehr so gut geht”. Die andere Hälfte packte die Kisten, um sich Wohnwünsche zu erfüllen - und das bis ins hohe Alter.

„Ein weiterer Mythos ist, dass sich ältere Menschen bei einem Umzug immer verkleinern. Das ist aber oft nicht der Fall”, schildert Prof. Oswald ein weiteres Ergebnis. Ziehen sie von der alten, vor 30 Jahren bezogenen Wohnung in eine neue, sei diese meist automatisch besser ausgestattet und größer. Zur Verkleinerung komme es vor allem bei denjenigen, die vom Eigenheim auf dem Land in die Stadt ziehen, weil sie sich mehr Kultur oder eine bessere Infrastruktur wünschen.

Ein häufiger Umzugsgrund ist mehr Nähe zu den Kindern. „Doch dann geht es nur in der Hälfte der Fälle darum, selbst Hilfe zu bekommen, zur anderen Hälfte aber darum, sich einzubringen, zum Beispiel, die Enkel häufiger sehen zu können”, sagt Oswald. Sein Fazit: Viele Menschen ziehen im Alter nicht um, weil sie müssen. Sie wollen es so.

Doch auch solch ein Umzug braucht Planung und Vorlauf. „Mein Kardinalfehler war, dass ich gleichzeitig aufgehört habe zu arbeiten und umgezogen bin”, erzählt Marianne Weid. Sie fiel in das oft beschriebene Loch beim Renteneintritt: „Ich hätte meine Zeit in München erst ausklingen lassen sollen.”

Ein häufiger Fehler ist, dass Menschen ein völlig falsches Bild vom künftigen Wohnort haben. Sie ziehen in Gegenden, die sie im Urlaub schön fanden. „Es ist aber etwas anderes, ob man irgendwo im Sommerurlaub ist oder das ganze Jahr dort lebt”, sagt Holger Stolarz, Experte für Wohnen im Alter beim Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) in Köln. Er rät, sich den künftigen Wohnort genau anzuschauen und ihn auf seine Alltagstauglichkeit hin zu prüfen.

Dabei stellen sich viele praktische Fragen: Wie gut ist die Infrastruktur? Gibt es Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe, Ärzte, eine Post, eine Bücherei oder was man sonst für den Alltag braucht? Und kommt man im Zweifelsfall auch ohne Auto dorthin? „Es kann schließlich passieren, dass man irgendwann nicht mehr selbst fahren kann”, sagt Stolarz. Und ein Haus am Hang mag zwar seinen Reiz haben. Muss man aber für jede Erledigung den Anstieg bewältigen, kann das auf Dauer beschwerlich werden.

Beim Umzug von der Stadt aufs Land sind diese Fragen besonders wichtig. Wer dagegen vom Land in die Großstadt zieht, ist meist besser angebunden. Dafür ist eine Stadt stressiger. Wie gut kommt man damit zurecht, plötzlich viele Nachbarn auf engem Raum zu haben?, fragt Stolarz. „Und kann ich mir vorstellen, dauerhaft in einem Hinterhof zu wohnen, statt die Kuhweide vor der Tür zu haben?”

Wie sieht die Nachbarschaft aus? Gibt es interessante Veranstaltungen in der Nähe oder Vereine und Gruppen, in denen man das eigene Hobby pflegen kann? Leben am neuen Wohnort Bekannte? Marianne Weid hatte nur ihre Freundin. „Man muss damit rechnen, erstmal ziemlich einsam zu sein”, sagt sie. Weid spielte in einem Theater mit und engagierte sich ehrenamtlich, um Leute kennenzulernen. Trotzdem dauerte es rund drei Jahre, bis sie einen neuen Bekanntenkreis aufgebaut hatte.

Nach Jahren am gleichen Ort gibt es dort viele informelle Kontakte - eine nette Nachbarin, mit der man ab und zu plauscht, oder eine Verkäuferin, die schon weiß, welche Brötchen man kauft. Am neuen Wohnort müssen sie erst wachsen.

Wer noch überlegt, ob er umziehen möchte, sollte eine Pro- und Contra-Liste zum alten und neuen Wohnort erstellen, rät Prof. Oswald. „Alle Enttäuschungen lassen sich nicht vorwegnehmen”, sagt Stolarz. Aber so kennt man die jeweiligen Vor- und Nachteile. Marianne Weid ist froh, dass sie nach Flensburg gezogen ist: „Ich kann anderen nur raten, Mut zu fassen und sich selbst zu vertrauen.”

Nicht alles Alte einpacken

Zu einem Umzug gehört das Ausmisten. „Man sollte nicht den Fehler machen, möglichst viel von seinen Sachen mitzunehmen. Sonst kann man auch beim Alten bleiben”, empfiehlt Holger Stolarz vom Kuratorium Deutsche Altershilfe. Er rät, nur ein paar Dinge einzupacken, die einem wirklich wichtig sind.

Literatur:

Stiftung Warentest, Leben und Wohnen im Alter, ISBN: 978-3-937-88026-6, 19,90 Euro;

Kostenlose Broschüre: „Leben und Wohnen für alle Lebensalter” vom Bundesseniorenministerium (http://dpaq.de/wohnen_im_alter);

Studie: Oswald Frank u.a.: Umzug im Alter: Eine ökogerontologische Studie zum Wohnungswechsel privatwohnender Älterer in Heidelberg, Zeitschrift für Gerontopsychologie und -psychiatrie, 12(1), 1-19.

Mehr von Aachener Zeitung