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Mechernich/Düsseldorf: Kinderspielzeug: Unsichtbare Gefahren

Mechernich/Düsseldorf : Kinderspielzeug: Unsichtbare Gefahren

Kleine Kinder sind echte Abenteurer. Es ist schon erstaunlich, wie viel Energie sie entwickeln, wenn sie an das Mobile über der Wiege oder das Kuscheltier im obersten Regalfach herankommen wollen. Furcht kennen sie dabei selten: Das Regal ist zu hoch?

Egal, die Einlegeböden sind doch eine prima Leiter. Keine Ahnung, wie Seife schmeckt? Na dann, ab damit in den Mund. Angst und Bange wird bei diesen Experimenten allerdings Mama und Papa, die im Gegensatz zu den kleinen Entdeckern um die damit verbundenen Gefahren wissen. Doch selbst, wenn alle Tischkanten abgeklebt, alle Treppen mit Gittern gesichert und alle Putzmittel weggeschlossen sind: Die größten Risiken lauern oft im Kinderzimmer selbst - in Form von Spielzeug.

Eine Puppe mit Sprachfunktion etwa birgt gleich mehrere Gefahrenquellen: Teile des Puppenkörpers, eine lose gebundene Schleife oder die Kassette. „Bei den häufigsten Unfällen mit Spielzeug haben die Kinder Kleinteile davon verschluckt”, weiß der Kinder- und Jugendarzt Jörg Schriever aus Mechernich: „Das passiert oft unbemerkt, geht aber meist glimpflich aus und der Fremdkörper gelangt auf natürlichem Wege wieder ans Tageslicht.”

Manchmal allerdings kann das Kleinteil auch im Magen oder in der Speiseröhre hängenbleiben und zu ernsthaften Komplikationen führen. „Haben Eltern gerade noch etwas im Mund ihres Nachwuchses verschwinden sehen, waren aber nicht schnell genug, um es zu retten, sollten sie in jedem Fall zum Arzt gehen”, betont Schriever. Insbesondere, wenn man nicht weiß, was genau verschluckt wurde.

Vorbeugen können Eltern, indem sie bei Kindern unter drei Jahren auf Spielzeuge mit Kleinteilen ganz verzichten oder zumindest regelmäßig kontrollieren, ob diese noch fest angebracht sind. „Wo Kinder unterschiedlichen Alters zusammen spielen, sollte man den Schulkindern erklären, dass die Jüngeren Kleinteile nicht in die Finger bekommen dürfen. Die Großen übernehmen gerne diese Verantwortung, insbesondere, wenn sie sich in der Rolle des Beschützers sehen.” Als Faustregel gilt nach Schrievers Erfahrung: Verschluckt werden kann alles, was durch eine Toilettenpapierrolle passt.

Wesentlich schlimmer kann die Sache ausgehen, wenn Kleinteile nicht in die Speise-, sondern in oder vor die Luftröhre gelangen. „Wenn akute Luftnot besteht, müssen die Eltern sofort versuchen, mit den Fingern, notfalls aber auch mit einem kleinen Löffel oder Ähnlichem, den Fremdkörper aus dem Rachen zu hebeln. Der Notarzt kommt in solchen Fällen sonst oft zu spät”, erklärt Schriever, der auch Beauftragter für Kinderunfälle beim Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte ist. „Aber auch, wenn das Kind den Fremdkörper heraushusten konnte und kein Hustenreiz mehr besteht, sollte man sicherheitshalber zur endoskopischen Kontrolle gehen.”

Tod durch Ersticken kann auch eintreten, wenn Hals- oder Schnullerketten im Spiel sind. Der Experte rät darum, auf derartige Gefahrenquellen ganz zu verzichten. An Baby- oder Puppenkleidung sollten die Eltern Kordeln und Ähnliches konsequent abschneiden und durch Knopf- oder Klettverschlüsse ersetzen.

Gefahr droht auch durch Lauflernhilfen: „Bereits Säuglinge können darin aufrecht stehen und so beispielsweise Tischdecken mitsamt den darauf platzierten Gegenständen herunterziehen.” Durch Strampelbewegungen könne die mit Rollen versehenen Laufhilfe zudem bis zu zehn Kilometer pro Stunde schnell werden und über Teppichkanten oder die Treppe hinunter stürzen, warnt Schriever, an dessen Arbeitsplatz am Mechernicher Krankenhaus etwa jeder fünfzigste Notfall ein durch oder mit Spielzeug verunfalltes Kind ist.

Die Verletzungen in den genannten Beispielen sind in der Regel sichtbar oder das Kind äußert Schmerzen. Doch es gibt auch schleichende Gefahren, die bleibende Schäden anrichten können: Immer wieder gerieten Spielzeuge in die Schlagzeilen, weil sie giftige Inhaltsstoffe enthielten, sagt Rolf Buschmann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf: „Berüchtigt sind vor allem Weichmacher, die Kunststoffen ihre Biegsamkeit verleihen, nach einiger Zeit aber aus dem Material entweichen.”

Die sogenannten Phthalate stehen unter anderem im Verdacht, Leber und Nieren zu schädigen sowie Unfruchtbarkeit zu verursachen. „In der Folge wurde zwar eine Reihe solcher Inhaltsstoffe EU-weit verboten, aber über Billig-Importe besonders aus dem asiatischen Raum gelangen sie nach wie vor in die Kinderzimmer”, erklärt der Chemiker. Andere Stoffe wie die polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe seien in zu hohen Mengen erlaubt, obwohl sie im Verdacht stehen, Krebs zu erregen.

„Eine grobe Orientierung beim Spielzeugkauf bietet der Preis: Hersteller von Markenware haben einen Ruf zu verlieren und kontrollieren ihre Produkte genauer. Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es aber auch hier nicht, wie Beispiele aus der Vergangenheit gezeigt haben”, sagt Buschmann. Das gleiche gilt nach Ansicht des Verbraucherschützers für Kontrollzeichen wie das gesetzlich vorgeschriebene CE-Zeichen oder das freiwillige GS-Siegel. „Auch in Holzschutzmitteln und Lacken können toxische Stoffe stecken. Allerdings gibt es Holzspielzeug auch mit dem Blauen Engel, einem sehr verlässlichen Zeichen mit strengen Prüfkriterien.”

Einen Test können die Eltern sowohl bei Holz- als auch bei Plastikspielzeug machen: „Einfach mal an dem Produkt schnuppern. Riecht es unangenehm chemisch, sollte man es besser ins Regal zurückstellen.” Ähnliches empfiehlt Buschmann für Spieluhren, tönende Spielstationen oder sprechende Puppen: „Halten Sie sich das Gerät direkt ans Ohr: Wenn es Ihnen dann schon zu laut ist, sollten Sie es Ihrem Kind erst recht nicht zumuten.”