Bremen/Mainz: Kinder binationaler Familien sollten ohne Anpassungsdruck aufwachsen

Bremen/Mainz: Kinder binationaler Familien sollten ohne Anpassungsdruck aufwachsen

Manche Kinder werden mit britischem Frühstück geweckt, gehen in eine deutsche Kita und singen am Nachmittag mit ihrer Oma portugiesische Kinderlieder.

In multikulturellen Familien pendelt der Nachwuchs von klein auf zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen hin und her. „Kinder können sehr gut umschalten und erleben diese Vielfalt als etwas Selbstverständliches”, sagt Barbro Krüger, Leiterin der Geschäftsstelle Bremen des Verbands binationaler Familien und Partnerschaften.

Das Wandern zwischen den Welten bringt für Kinder außerdem zahlreiche Vorteile mit sich: „Sie entwickeln Offenheit, Flexibilität, Kreativität und Toleranz”, sagt Professor Otto Filtzinger, Vorsitzender des Mainzer Instituts für Interkulturelle Pädagogik im Elementarbereich. Das erleichtere es ihnen, sich in einer offenen und multikulturellen Gesellschaft sicher zu bewegen und wohlzufühlen.

Kommunikation in der Herzenssprache ist wichtig

Filtzinger rät Eltern mit unterschiedlichen Muttersprachen, ihre Kinder auf jeden Fall mehrsprachig zu erziehen. „Das ist nicht nur für die kognitive Entwicklung der Kinder gut”, sagt Filtzinger. Eltern könnten in ihrer Muttersprache, der „Sprache des Herzens”, mit ihren Kindern auch viel leichter spontan kommunizieren und sich ihnen emotional zuwenden. „Diese Chance sollte man den Eltern und den Kindern nicht nehmen.” Er empfiehlt Eltern, früh zu entscheiden, wie sie die mehrsprachige Erziehung gestalten möchten. Am besten lasse man sich beraten.

Während ihre Multikulturalität und die Zugehörigkeit zu verschiedenen Nationalitäten für die Kinder ganz normal ist, reagiert das Umfeld manchmal irritiert. Otto Filtzinger, der selbst in einer binationalen Ehe mit einer Italienerin lebt, berichtet: „Meine Söhne wurden von anderen Kindern beispielsweise gefragt: Was bist du denn jetzt? Deutscher oder Italiener? Darauf wussten sie erst einmal gar keine Antwort.”

Er habe dann versucht, seinen Kindern zu verdeutlichen, dass die Nationalität bei der Frage nach dem „Wer bin ich?” eine völlig untergeordnete Rolle spielt. „Es ist wichtig, dass sie verstehen, dass sie eben mehreren Gruppen angehören, und dass das kein Widerspruch ist”, sagt Filtzinger. Eltern sollten darauf achten, ihren Kindern diese Mehrfachzugehörigkeiten - etwa zur Gruppe „britische Verwandtschaft” und zur Gruppe „deutscher Kindergarten” - zu ermöglichen.

Multikulturalität als Bereicherung erleben

Barbro Krüger rät binationalen Paaren, ihren Kindern auch immer wieder den Kontakt zu anderen multikulturellen Familien zu ermöglichen. „So erleben sie, dass es auch andere gibt, die so sind wie sie, und dass sie nicht überall als anders auffallen”, sagt Krüger. Wichtig sei, dass Kinder ihre Multikulturalität als Bereicherung erleben dürften: „Schließlich gibt man ihnen einen großen Schatz mit”, betont die Expertin.

Auch religiöse Freiheit ermöglichen

Auch im religiösen Bereich sei es gut, wenn die Eltern verschiedener Konfessionen ihrem Kind kein Entweder/Oder vorschreiben, sagt Filtzinger. „Man sollte sich erst einmal über die Gemeinsamkeiten der jeweiligen Religiositäten klar werden und diese in den Vordergrund der religiösen Erziehung stellen”, sagt Filtzinger. Wichtig sei, dass man den Kindern die Freiheit lasse, ihre eigene religiöse Identität zu finden und sich möglicherweise später einmal für eine der beiden Konfessionen zu entscheiden.

Oft ist die Kultur eines Elternteils für Kinder besonders präsent, weil sie beispielsweise in dessen Heimatland aufwachsen. Um seinen Kindern auch die Traditionen aus dem zweiten Herkunftsland zu vermitteln, empfiehlt Barbro Krüger Eltern, sich an prägende Elemente aus ihrer eigenen Kindheit zu erinnern. „Man kann seinen Kindern beispielsweise Kinderlieder aus dem Heimatland vorsingen oder mit ihnen Bücher von dort lesen”, sagt Krüger. Auch Feste und Kulturtage, bei denen die Kultur des Heimatlandes kindgerecht präsentiert wird, könnten hilfreich sind.

„Wichtig ist allerdings, dass man Kinder nicht unter Druck setzt, etwas davon für sich zu übernehmen”, sagt Otto Filtzinger. Oft identifizierten sich die Kinder phasenweise stärker mit der einen oder der anderen Kultur. Eltern sollten das akzeptieren, betont der Experte. „Wenn Kinder etwas finden sollen, muss man sie auch selbst suchen lassen und Zeit und Ruhe geben, dabei auch Umwege zu machen und unbekannte Pfade zu begehen”, sagt Filtzinger.

Oft entstehe der Eindruck, multikulturelle Kinder säßen zwischen zwei Stühlen. „Ich bevorzuge stattdessen das Bild, dass das Kind auf einem dritten Stuhl sitzt, den es sich selbst gebaut hat”, sagt Filtzinger. Eltern sollten ihren Kindern ermöglichen, die verschiedenen Stühle in aller Ruhe probezusitzen und herauszufinden, welcher für sie am bequemsten ist.