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Stuttgart: Kinder behutsam über die Herkunft des Schnitzels aufklären

Stuttgart : Kinder behutsam über die Herkunft des Schnitzels aufklären

Kinder wissen selten, woher das Fleisch kommt, das als Schnitzel oder Hähnchennugget auf ihrem Teller liegt. Sie darüber aufzuklären, dass das Stück Fleisch einmal ein lebendes Tier war, ist für Eltern keine leichte Sache. „Es gibt immer das Argument: „Wir überfordern Kinder damit””, sagte Prof. Lotte Rose von der Kinderkommission der internationalen Genießervereinigung Slow Food dem dpa-Themendienst. „Ich würde dagegenhalten: Kinder können uns mitteilen, wann es ihnen zu viel wird.”

Um ein Kind an das Thema heranzuführen, sei womöglich eine Hausschlachtung auf dem Land ideal. Eltern könnten Kontakt zu einem Bauern suchen, der noch selbst schlachtet. Das dürfe aber nicht als Bildungsveranstaltung inszeniert werden, warnte Rose am Rande der Slow-Food-Messe in Stuttgart (noch bis 14. April).

„Es sollte vielmehr eine reale Verwertung damit verbunden sein”, ergänzte die Professorin für Pädagogik der Kinder- und Jugendarbeit von der Fachhochschule Frankfurt am Main. Essen Kinder hinterher einen Braten vom geschlachteten Tier, sehen sie, dass die Schlachtung einen Nutzen für den Menschen hat. Es müsse klar sein: „Jedes Stück, was wir wegschmeißen, ist eine Entwertung des Tieres.”

Es kommt aber stark darauf an, wie Eltern mit dem Thema umgehen. So müssten Erwachsene sensibel dafür sein, wann ihre Kinder überfordert sind. Wenn Eltern den Anblick einer Schlachtung ertragen könnten und ihren Kindern dabei Sicherheit vermittelten, sei auch der Nachwuchs nicht entsetzt. Wenn Eltern sich sorgen, ihrem Kind zu viel zuzumuten, ist das oft eine reine Erwachsenensicht.

„Ich würde zugespitzt sagen: Die Erwachsenen, die sich aufregen, sprechen im Grunde über sich selber. Es ist ein Thema der Erwachsenen, das dann auf Kinder projiziert wird.”

Oft wüssten auch Erwachsene nicht genau, was bei einer Schlachtung passiert - und wollten es auch gar nicht wissen. „Und dann ist klar, dass Kinder es auch nicht wissen”, sagte Rose.

„Vor zwei, drei Generationen war das noch anders, zumindest bei der ländlichen Bevölkerung, die die Tiere für ihre Fleischproduktion selbst produziert hat, da war klar, dass auch jedes Kind wusste, wo das Fleisch herkommt, das auf seinem Teller liegt oder in der Suppe schwimmt.”

Dass die Menschen heutzutage so wenig über die Herkunft von Fleisch wissen, hänge mit damit zusammen, dass die Strukturen der industriell organisierten Nahrungsmittelproduktion hochkompliziert und arbeitsteilig seien. „Das Stück Fleisch steht am Ende einer langen Produktionskette, und dann oft in Formen, die gar nicht mehr erkennen lassen, dass es mal ein Tier war.” Da sei es mühsam, Schritt für Schritt nachzuvollziehen, wo die Herstellung angefangen hat.

„Bei Fleisch kommt noch dazu, dass es anders als Gemüse ein moralisch brisantes Lebensmittel ist”, erläuterte Rose. „Das Fleisch war ein Lebewesen, dem jemand Gewalt angetan hat, damit ich es essen kann.” Mit der Tötung des Tieres nichts mehr zu tun zu haben, sei eine ungeheure psychische Entlastung. Kinder sollten aber mehr über die Erzeugung von Fleisch erfahren, um den Wert des Fleisches und den Wert der Arbeit anderer Menschen besser würdigen zu können.

(dpa)