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Aachen: In den Himmel schauen und Wolken ziehen sehen

Aachen : In den Himmel schauen und Wolken ziehen sehen

Im Arbeitszimmer von Ulrich Lüke (58) ist man augenblicklich gefangen von einer Bilderserie des wie gnadenlos gezeigten Leidens und Sterbens Jesu.

So vergisst man das Ende nicht, wo es doch eher um den Anfang, vor allem aber um die Zeit dazwischen gehen soll. Über die kann man sich aber, wie sich bald herausstellt, ganz unbeschwert und irdisch mit dem Theologie-Professor und Priester unterhalten. Die Fragen stellte Axel Borrenkott (59).

Herr Professor Lüke, wieviel Zeit haben wir?

Ulrich Lüke: Eine Stunde.

Reicht das, um über Zeit zu reden?

Lüke: Nein, es reicht keine Zeit, um über Zeit zu reden.

Der Leser hat morgens ohnehin nur 23 Minuten Zeit für die ganze Tageszeitung. Wir haben also höchstens eine Chance für ein paar Momente an Aufmerksamkeit.

Lüke: Dann dürfen wir eben nur Wesentliches sagen.

Versuchen wir es. Wenn mir jemand etwas erzählt, was mich in dem Augenblick nicht so interessiert, erwische ich mich bei dem Gefühl, er stiehlt mir die Zeit. Darf man das fühlen?

Lüke: Ich glaube, das darf man fühlen. Manchmal ist es ja auch so. Und gelegentlich muss man sich gegenüber Dieben, die einem die Zeit stehlen, auch wehren. Wenn die ihre Zeit hinter sich bringen müssen, müssen sie es nicht auf meine Kosten tun. Aber natürlich gibt es manchmal auch die falsche Wahrnehmung meinerseits. Dass da doch das für den anderen Wichtige verhandelt wird. Und dann fehlt es mir offenbar am offenen Ohr, an der inneren Ruhe und an der Zuwendungsfähigkeit.

Aber es gibt immer mehr zu tun als man Zeit über hat.

Lüke: Ja, klar. Das ganze Leben ist zu kurz. Manche Projekte hat man ja nur angefangen in der jugendlichen Naivität, die nicht weiß, dass das immens viel Zeit beanspruchen oder gar unvollendbar sein wird.

Kennen Sie einen Menschen, der kein Problem mit der Zeit hat?

Lüke: Persönlich kenne ich keinen. Vielen ist sie zu kurz, manchen ist sie auch zu lang, denen wird´s halt langweilig. Beide sind nicht im Gleichklang mit der Zeit.

Das dürfte bei einem Dauerarbeiter wie Ihnen nicht das Problem sein. Wieviele Bücher haben Sie dieses Jahr nicht gelesen, die sie sich vorgenommen hatten?

Lüke: Ich hätte sicher ein Dutzend mehr Bücher lesen wollen und sollen als ich tatsächlich gelesen habe.

Diese Zeit-Ratgeber gipfeln in Sätzen wie: „Das ganze Geheimnis des Erfolgs ist der richtige Umgang mit der Zeit.” Als Zeitmanager sind wir doch fast alle Versager, oder?

Lüke: Ich glaube, dass wir phasenweise alle Versager im Zeitmanagement sind. Darum müssen wir uns vielleicht von Seneca, einem Zeitgenossen des Petrus und Paulus sagen lassen: „Es ist nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern viel Zeit, die wir nicht nutzen.” Für Seneca ist auch eine kurze Zeit eine gute Zeit, wenn man sie in angemessener Weise füllt und gestaltet.

Muss man Zeit immer nutzen? Gibt es keine ganz freie Zeit?

Lüke: Die nicht verzweckte Zeit meinen Sie. Die muss es geben. Vielleicht erlebt man sie mal im Urlaub, wenn man auf einer Wiese liegt und die Wolken über sich wegziehen sieht. In solchen Situationen kann ich ein Empfinden von Zeitlosigkeit entwickeln. Auch wenn ich sehe, dass sich die Wolken natürlich mit einer bestimmten Geschwindigkeit, also in Metern pro Zeiteinheit, bewegen.

Die Kirche hat doch damit angefangen, dass wir unter zeitlicher Beobachtung stehen, indem sie im Spätmittelalter die Turmuhren angebracht hat. Da wurde Zeit erst knapp - und dann Geld.

Lüke: Ich glaube, das war aber auch ein allgemein menschliches Bedürfnis, die Zeit einzuteilen und irgendwie zu strukturieren. Man musste sie ja sowieso einteilen, weil man in Bezug auf den Jahreszyklus wissen musste: Wann ist Zeit der Aussaat, wann ist Zeit der Ernte? Man durfte bestimmte Zeiten nicht verpassen.

Dazu brauchte man doch keine Uhr.

Lüke: Das nicht. Aber Zeit ist ja nicht nur die circadiane Rhythmik, die Tagesrhythmik, sondern auch die circalunare, also die Mondphasenrhythmik - man denke an die Gezeiten - und die circaanuale, die Jahresrhythmik. Große Uhren, wie zum Beispiel die im Dom zu Münster, zeigen alles zugleich an. Für die einfachen Leute war die Kirchturmuhr durch den Heiligenkalender ergänzt.

Was die Menschen damals wirklich gefühlt haben, können wir nicht wissen. Vom modernen Menschen wissen wir sicher, dass er Zeitdruck empfindet.

Lüke: Wir haben das Problem mit der Zeit in doppelter Richtung. Wir haben Zeitdruck durch zu viel und Zeitdruck durch zu wenig Zeit. Manche hängen herum, um ihre Zeit kleinzukriegen. Andere haben definitv zu wenig für das, was von ihnen zu tun verlangt wird. Entscheidend wäre, die Arbeit gerechter zu verteilen, um allen die wichtige menschliche Erfahrung des Gebrauchtwerdens zu vermitteln.

Als wir jung waren, sangen die Rolling Stones „Time is on my side”.

Lüke: Die Zeit spielt für mich, sollte das wohl heißen. Oder: Die Zeit ist auf meiner Seite; fragt sich nur ob noch vor mir, oder schon hinter mir.

Das hörte sich an, als gehörte einem die Zeit, als wäre es ein Besitz.

Lüke: Wir besitzen Zeit aber nicht. Wir sind Zeit. Wir sind zeitlich strukturiert, durch unsere materielle Gegebenheit. Wir können gar nicht ohne Zeit denken. Und selbst, wenn wir das versuchen, denken wir in Sprache, und die benutzt Zeitworte.

Wann fängt das an? Als Kind denkt man so nicht.

Lüke: Die Biologen sagen, es gibt diese cirkadiane (24-Stunden-) Rhythmik und die ist angeboren. Sie wird entsprechend dem Sonnengang im ersten halben Jahr geeicht und eingeübt. Danach halten wir Menschen uns sogar bei Versuchen im Bunker, ohne jeden Zeittaktgeber, an diese 24-Stunden-Rhythmik.

Wir denken Zeit meist negativ: Sie vergeht, sie zerrinnt, sie läuft uns davon. Ist das Positive, die schöne Zeit, auf die wir uns freuen, oder die wir mal gehabt haben, nur eine Illusion?

Lüke: Ja, ich glaube, wir haben die Zeit nie. Wir haben die Zeit als vergangene, und dann ist es Erinnerung. Oder wir haben die Zeit als zukünftige, dann ist es Erwartung. Und der Moment, in dem wir leben, ist der Moment, in dem das Noch-Nicht in das Nicht-Mehr unrettbar hinübergleitet. Wir haben im strengen Jetzt kein „Zeit-Atom” oder „Zeit-Quant” in Händen. Bisher sind auch alle physikalischen Versuche, ein Zeitquant zu finden, ein kleinstes Element von Zeit, das Urkörnchen von Zeit sozusagen, gescheitert.

Die Frage hat aber eigentlich schon Augustinus bearbeitet. Im elften Buch der Confessiones sagt er: Was messe ich, wenn ich Zeit messe? Nicht die Vergangenheit; denn die ist ja nicht mehr. Nicht die Zukunft; denn die ist noch nicht. Messen könnte ich ja nur die Gegenwart. Aber indem ich das versuche, ist sie schon weg. Und in der strengen Gegenwart habe ich mich nicht einmal selbst.

Dann haben wir uns ja nie.

Lüke: Ja, so ist es wohl. Nur in der Meditation, in tiefer Trauer oder in großer Freude, meinen wir, stehe die Zeit still.

Nehmen wir uns aber noch genug Zeit für solche Gefühle? Selbst für Trauer gibt es ja schon „Bewältigungsstrategien”, um darüber „schneller hinwegzukommen”.

Lüke: Ich glaube, wenn wir uns nicht genug Zeit nehmen, nimmt die Zeit uns. Wenn wir uns das nicht gestatten, einen Lebensabschnitt zu beenden - das Zeitliche zu segnen - dann schaden wir uns. Im Beenden des Zeitlichen steckt der Anruf des Ewigen.

Ein Jegliches hat seine Zeit, heißt es so schön in der Bibel.

Lüke: Ja, bei Kohelet, ein großartiger Text. Es wird alles gestattet, was da Zeit braucht. Steine sammeln und Steine werfen, säen und ernten, Gewänder nähen und zerreißen. Und dieser tolle Text endet dann: „Überdies hat Gott die Ewigkeit in alles hineingelegt.” Das finde ich besonders stark. Auf der horizontalen Zeit-Erstreckung, auf dem Zeitpfeil, der uns vorbei zu fliegen scheint, gibt es eine Vertikale: die Ewigkeit, die in die Zeit hineinragt, in sie eingelassen ist. Und das in jedem Moment, so dass alles, was ich tue, einen Ewigkeitswert hat. Ich kann es ja nicht noch einmal tun. Und weil man es nur einmal tun kann, ist der Moment so unendlich wichtig.

Das Christentum ist auf eine Endzeit orientiert, verlangt uns also ein lineares, ständig fortschreitendes Zeitempfinden ab. War es daher ein kluger Zug, das zyklische, kreisförmige Kirchenjahr zu erfinden, die „alle Jahre wieder”-kehrenden Rituale, wie eben Weihnachten?

Lüke: Ja, ich glaube, dahinter steckt eine ganz kluge Einsicht. Wenn die Zeit so durchläuft, ist sie manchmal zu schnell für unser Bewusstsein. Dann ist die Weihnachtszeit schon weg, dann ist schon wieder Ostern. Das Gefühl kennen wir ja, im „sausenden Webstuhl der Zeit”. Wenn man es aber jahreszyklisch wiederholt, dann kann man von Jahr zu Jahr tiefer in das Weihnachts- oder Ostergeheimnis eindringen. Das finde ich so genial am Kirchenjahr, dass es das Lineare mit dem Zyklischen verbindet. Ich selbst kann mich im Wiederholen vertiefen und zugleich fortschreiten.

Wie schaffen wir das, die Zeit „zwischen den Jahren” zu nutzen?

Lüke: Man muss sich sehr bewusst ausklinken. Sich nichts vornehmen. Damit man Zeit hat für das Miteinander, das sonst zu kurz kommt. Damit man sich auch selber nicht wegläuft, wie man das im Arbeitsleben so oft tut, weil man Angst hat, sich mit sich selbst zu konfrontieren.

Das kann ja auch hart sein. Eine Frage noch. Augustinus sagte auch, er könne gerade dann nicht erklären, was Zeit ist, wenn er danach gefragt werde. Können Sie jetzt erklären, was Zeit ist?

Lüke: Also, ich bin nicht schlauer als Augustinus. Aber wir arbeiten am selben Projekt. Meine Vorstellung ist, aus dem mir zufließenden Rohstoff Zeit im unfassbaren Jetzt christliche Wertarbeit zu machen. Vielleicht ist das ein Beitrag die heillose Zeit dem zeitlosen Heil näher zu bringen.