1. Leben
  2. Familie

München: Glück mit Hindernissen: Pflegekinder brauchen viel Feingefühl

München : Glück mit Hindernissen: Pflegekinder brauchen viel Feingefühl

Familie gilt vielen als wichtigster Wert überhaupt. Wer im eigenen Leben zufrieden ist, möchte etwas von seinem Glück weitergeben - vielleicht an ein Pflegekind. Die schwierige Aufgabe lässt sich durchaus meistern, wenn man sich von vornherein auf Probleme und Krisen einstellt.

Kommunen, aber auch kirchliche oder private Träger bieten Anlaufstellen für Paare, Familien und Einzelpersonen, die ein Pflegekind aufnehmen möchten. Angehende Pflegeeltern sollten Freude an Kindern haben, geduldig und einfühlsam sein und ausreichend Zeit für ein Miteinander haben. Gesicherte finanzielle Verhältnisse und ausreichend Wohnraum werden ebenfalls vorausgesetzt. Pflegeeltern müssen außerdem ein polizeiliches Führungszeugnis, ein ärztliches Attest und in der Regel eine Verdienstbescheinigung vorlegen.

Leicht ist die selbst gewählte Aufgabe meist nicht. „Etwa 30 Prozent der Pflegekinder sind verhaltensauffällig. Sie und ihre Betreuungspersonen benötigen professionelle Hilfe”, sagt Elisabeth Helming vom Deutschen Jugendinstitut in München (DJI). An der Grenze zur Behandlungsbedürftigkeit seien etwa 43 Prozent der Kinder einzuschätzen. Aggressivität, Aufmerksamkeitsstörungen und gestörtes Sozialverhalten können selbst hochmotivierte Pflegeeltern an ihre Grenzen bringen. „Auch deshalb werden 42 Prozent der Pflegeverhältnisse abgebrochen. Zwei Drittel der Pflegekinder werden später stationär in Heimen aufgenommen”, erklärt die Expertin für Familienpflege. Dass Pflegekinder adoptiert werden, ist eher die Ausnahme.

Vor der Vermittlung steht ein sogenanntes Eignungsfeststellungsverfahren. Thomas Bärthlein, der beim Rummelsberger Pflegekinderdienst im Auftrag der Stadt Nürnberg Herkunftsfamilien, Pflegeeltern und Kinder betreut, erklärt: „Zurecht geben die Jugendämter strenge Auswahlkriterien vor. Wir wählen potenzielle Pflegeeltern sorgfältig aus und entscheiden uns auch einmal gegen Interessenten.” Meistens hat er allerdings positive Erfahrungen gesammelt, denn oft überwiegt der Wunsch nach einer sinnvollen sozialen Aufgabe. Oft übernehmen auch Verwandte oder Bekannte die Pflege.

Altersbeschränkungen werden meist flexibel gehandhabt, sodass auch Großmütter die Pflege ihrer Enkel übernehmen können. In der Regel aber sollen Pflegeeltern mit Blick auf ihr Alter zum Kind passen. Eigene Kinder können, müssen aber nicht in der Familie leben. Ganz wichtig: Sowohl das Kind wie die angehenden Pflegeeltern dürfen einen Vermittlungsvorschlag ablehnen, wenn die Chemie nicht stimmt.

Interessenten sollten sich klar machen, dass Pflegekinder die eigene Familie emotional stark belasten können. „Deshalb ist es uns wichtig, dass Paare oder Betreuungspersonen offen dafür sind, Unterstützung anzunehmen. Die Pflegefamilien werden im Erziehungsalltag und auch in Krisen durch regelmäßige Gespräche und Supervision begleitet”, sagt Thomas Bärthlein.

Irmela Wiemann, Psychotherapeutin und Pflegeelternberaterin, hat mehrere Bücher über Pflege- und Adoptivkinder verfasst. Die Diplom-Psychologin rät Familien, die Pflegekinder aufnehmen wollen, sich zwei Dinge klarzumachen: „Am wichtigsten ist, ob sie bereit sind, die Herkunftsfamilie zu akzeptieren.” Nur selten kommt diese Familie aus einer heilen Welt. Probleme sind die Regel, wenn ein Kind von seinen Eltern getrennt werden muss. „Trotzdem sollten Pflegeeltern den Herkunftseltern genug Respekt entgegenbringen, damit das Kind sich wertvoll fühlen kann.”

Armut, das hat eine Studie des Deutschen Jugendinstituts ergeben, spielt fast immer eine Rolle, warum Kinder nicht mehr bei ihren leiblichen Eltern leben. Aus freien Stücken geben Eltern ihre Kinder nur selten ab. „In unseren Interviews berichteten viele von Druck des Jugendamtes”, sagt Elisabeth Helming.

Der zweite zentrale Aspekt, den angehende Pflegeeltern berücksichtigen sollten, ist laut Wiemann, dass Pflegekinder oft seelisch verletzt sind. Dies kann den Alltag erschweren. „Die Kinder haben Verunsicherung und Beziehungsabbrüche erlebt, tolerieren Nähe oft nur schwer. Der Kontakt zu ihnen kann komplizierter sein als zu eigenen Kindern.”

Pflegeeltern sollten deshalb akzeptieren, wenn sie für das Pflegekind anders empfinden als für ihr eigenes Kind. Pflegeeltern ohne eigene Kinder tun sich hier manchmal leichter.

„Pflegekinder befinden sich häufig in einem inneren Bindungskampf. Sie haben Sehnsucht, sich anzulehnen und zu vertrauen, meiden aber aus Angst vor neuem Verlust, sich zu binden”, erläutert Irmela Wiemann. Angehende Pflegeeltern müssen damit rechnen, vom Pflegekind provoziert und weggestoßen zu werden. Oft wünschen Kinder sich auch, ihre Herkunftsfamilie könne sie wieder aufnehmen. Damit müssen Pflegeeltern zurechtkommen.

Pflegeeltern dürfen und sollen mit der Situation offen umgehen. Fingerspitzengefühl ist allerdings gefragt, damit das Pflegekind sich bei neugierigen Nachfragen etwa von Nachbarn, aber auch wenn es sich einmal danebenbenimmt, zugehörig empfinden kann.

Allen Problemen zum Trotz leisten Pflegefamilien viel. Experten sind sich einig, dass Pflegekinder einen großen Vorteil gegenüber Heimkindern haben - sie sind trotz schlechter Erfahrungen bindungsfähiger. Und das gilt als einer der wichtigsten Faktoren für ein gelingendes Leben.

(dpa)