Leinfelden: Geschlechterverhalten: Einfluss von Hormonen wird überschätzt

Leinfelden: Geschlechterverhalten: Einfluss von Hormonen wird überschätzt

„Wann ist ein Mann ein Mann?” - Diese Frage stellt sich nicht nur Herbert Grönemeyer in seiner Männer-Hymne, auch die Wissenschaft interessiert sich neuerdings wieder sehr dafür. Noch vor wenigen Jahren sah das anders aus, glaubte man doch, die entscheidenden Geschlechter-Macher längst identifiziert zu haben: die Sexualhormone, allen voran das Testosteron.

Sie prägen, so der allgemeine Tenor, sowohl Körper als auch Hirn - und legen damit anatomische ebenso wie intellektuelle Stärken und typisch männliche Verhaltensweisen sozusagen schon in der Hardware an.

Mittlerweile häufen sich jedoch die Hinweise, dass diese Hormone zwar ungemein wirkungsvoll sind, ihr Einfluss auf die Identität der Geschlechter aber möglicherweise trotzdem überschätzt wurde, berichtet das Magazin „bild der wissenschaft” in seiner August-Ausgabe.

Einer dieser Hinweise stammt aus einer Studie an Mäusen, durchgeführt an der Harvard-Universität. Sie zeigte: Durch einen einfachen Eingriff in der Nase kann man erwachsene Weibchen dazu bringen, typisch männliches Verhalten zu zeigen, wie etwa den Versuch, Artgenossen zu begatten oder den eigenen Nachwuchs zu ignorieren.

Dieses und andere, ähnliche Ergebnisse rütteln heftig an der Vorstellung eines komplett hormongeformten männlichen Hirns, das völlig anders strukturiert ist als das weibliche. Sie legen vielmehr ein ganz anderes Modell nahe: Im Gehirn der Tiere scheint es alle Module für das jeweils andere Geschlecht zu geben - sie sind lediglich stillgelegt, lassen sich aber durchaus aktivieren, wenn man den richtigen Schalter umlegt.

Im Fall der Mäuse ist das offensichtlich durch eine Nasenoperation machbar. Und beim Menschen?

Hier ist die Situation natürlich deutlich komplizierter - und die Macht der Hormone zu gut belegt, als dass man sie völlig ignorieren könnte. So entwickeln genetisch männliche Kinder beispielsweise eine eindeutig weibliche Identität, wenn ihnen die Rezeptoren für Testosteron fehlen. Und unter Jungen, denen im Kindesalter wegen Krankheit die Hoden entfernt und die dann als Mädchen aufgezogen wurden, korrigiert ein Teil den „Fehler” später und entscheidet sich dafür, als Mann zu leben.

Dennoch gibt es auch bei Homo sapiens ausreichend Anzeichen dafür, dass die Hormone das Gehirn zwar prägen, es aber nicht umbauen. Denn die Hardware in Männer- und Frauenköpfen ist offenbar gar nicht so unterschiedlich wie angenommen: Es ist bisher kaum gelungen, Regionen oder Netzwerke zu identifizieren, die bei den beiden Geschlechtern unterschiedlich groß oder verschieden geformt sind. Und überhaupt nicht fündig geworden sind die Hirnforscher bei der Suche nach Hirnarealen, die nur bei einem Geschlecht vorhanden sind - einem Männlichkeitszentrum, beispielsweise.

Insgesamt, so ist zumindest der aktuelle Wissensstand, reichen die gefundenen Abweichungen kaum aus, um die zum Teil extremen Verhaltensunterschiede zwischen beiden Geschlechtern zu erklären. „bild der wissenschaft” nennt ein paar Zahlen dazu: Männer stellen 75 Prozent aller Selbstmörder, 80 Prozent der Suchtkranken und über 90 Prozent der Häftlinge in Strafanstalten. Frauen wiederum bekommen doppelt so häufig Depressionen wie Männer und bilden die Mehrzahl der Schmerzpatienten.

Wenn es jedoch nicht oder nur zum Teil die Hormone sind, die aus dem Gehirn ein Geschlechtsorgan machen, was ist es dann? Vollständig beantworten lässt sich die Frage bisher nicht. Eine Ahnung, in welche Richtung es gehen könnte, haben die Hirnforscher aber bereits - dank einiger Magnetresonanztomographie-Studien. Die zeigen nämlich, dass Männer und Frauen Teile ihres Gehirns tatsächlich unterschiedlich nutzen, wenn sie Sprach- oder Orientierungsaufgaben lösen sollen. Die Unterschiede sind jedoch exakt die, die man erhält, wenn Fähigkeiten unterschiedlich intensiv trainiert oder geübt wurden. Schlussfolgerung: Es scheinen vor allem die Umwelt, die Erwartungen der Gesellschaft und die Lebenserfahrungen zu sein, die Männer zu Männern und Frauen zu Frauen machen.

In die gleiche Richtung deuten die Ergebnisse eines Versuchs amerikanischer Psychologen mit elf Monate alten Kindern: Die Kleinen sollten eine schräge „Böschung” - bestehend aus einem verstellbaren gepolsterten Brett - hinunterkrabbeln, und die Mütter bekamen die Aufgabe, zu schätzen, welche Steigung ihr Sprössling wohl meistert. Resultat: Zwar waren Jungen und Mädchen in etwa gleich behände und mutig, die Mütter erwarteten jedoch, dass ihre Töchter deutlich weniger schaffen würden als ihre Söhne.

Diese Erwartungen sind es wohl auch, die andere angeblich typische Unterschiede zwischen Männern und Frauen erklären. So gelten Frauen als musikalischer und kreativer - was vermutlich vor allem dadurch zustande kommt, dass sie als Kinder eher dazu angehalten werden, ein Instrument zu erlernen, als Fußball zu spielen. Darauf stellt sich ihr Gehirn ein: Sie entwickeln ein Musiker- und nicht ein Fußballergehirn.

Offenbar hat Herbert Grönemeyer seine Frage „Wann ist ein Mann ein Mann” also schon selbst beantwortet - singt er doch „Männer werden als Kind schon auf Mann geeicht”.