Berlin/Köln: Gefahr für Super-Fans: WM-Ball ruht zwei Tage

Berlin/Köln: Gefahr für Super-Fans: WM-Ball ruht zwei Tage

Mit bangem Blick sehen Fußball-Junkies der trostlosen Zeit entgegen, wenn der WM-Ball Jabulani erstmals bei diesem Turnier nicht rollt und flattert. Mittwoch und Donnerstag dieser Woche sind Ruhetage in Südafrika - und Entzugserscheinungen in der Heimat dann nicht ausgeschlossen, meint Suchtexperte Michael Klein. Schließlich könne die WM suchtähnlichen Einfluss auf den Fußball-Fan ausüben.

„Bei vielen Fans sind während dieser vier Wochen die sonstigen Lebensaktivitäten sehr eingeschränkt”, sagte der Professor für Klinische und Sozialpsychologie an der Katholischen Hochschule Köln der Nachrichtenagentur dpa. „Das stellt ein Grundmerkmal einer Abhängigkeitserkrankung dar.”

Klein, selbst „kontrollierter” Fußball-Liebhaber, sieht Parallelen zwischen Ball- und Drogenabhängigkeit: Typisch sei die Fixierung auf die jeweilige Droge und ein exzessiv ausgeführtes Verhalten. „Das haben wir in diesen vier Wochen bei den begeisterten Fans auch.” Die so ausgelösten Glücksgefühle würden dann zumindest zeitweise einen Abschied von der „oft recht tristen Realität” ermöglichen.

Auslöser für den Lustgewinn ist das euphorische Gruppenerlebnis beim Public Viewing oder auch in kleiner Runde - so wie es auch im Fußballstadion auftritt. Dazu komme laut Klein die Begeisterung für die Unvorhersehbarkeit und Überraschungen im Sport, wenn beispielsweise Favoriten straucheln.

Die Identifikation mit der Mannschaft tue ihr Übriges, auch wenn die Truppe mittlerweile hochgradig multikulturell ist. Doch wenn neben Lahm, Özil und Co. auch die versammelte Konkurrenz für zwei Tage ruht, dann droht der triste Alltag wieder Einzug zu halten.

Doch Klein kennt Wege, mögliche Entzugserscheinungen zu überbrücken: „Am besten wäre es, selbst aktiv zu werden. Aber ich glaube, dass das nur die wenigsten machen werden. Vielleicht greifen eher noch die Jüngeren selbst zum Ball.” Ansonsten empfiehlt er die Flucht ins mediale Methadonprogramm - also die Spielwiederholungen und „unendlich vielen Berichte auf den verschiedenen Fernsehkanälen” anzuschauen und so bis zum nächsten Spiel auszuharren.

Auch für den Fall eines Ausscheidens einer Lieblingsmannschaft macht Klein Hoffnung. Zwar schwebe in diesem Fall immer die Gefahr des großen Katzenjammers über dem betroffenen Land, „aber das ist auch eine ganz zentrale Lebenserfahrung: Jeder, der hoch steigt in seiner Stimmung, der kann auch tief fallen”.

Bei der Heim-WM vor vier Jahren sei es den Millionen deutschen Fans nach dem Halbfinal-Aus gegen Italien schließlich auch gelungen, „ohne größere Blessuren” wieder auf den Boden zu kommen.

„Das bedeutet möglicherweise einige Tage depressive Stimmung und dann die allmähliche Konfrontation mit der Realität”, sagt Klein. Die heißt ab dem 20. August dann auch schon wieder: Fußball-Bundesliga. Aber nach den beiden schrecklichen spielfreien WM-Tagen von Südafrika steht ja am Samstag für die deutschen Fans mit dem Viertelfinalduell gegen Argentinien der nächste Adrenalinschub schon dicht bevor.