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Köln: Feiern im Drei-Stunden-Takt: Weihnachten mit der Patchworkfamilie

Köln : Feiern im Drei-Stunden-Takt: Weihnachten mit der Patchworkfamilie

Wenn Anne Berger an Weihnachten denkt, kommen ihr nicht als Erstes Christstollen oder Geschenke in den Sinn. Berger denkt an Bahntickets und Sparpreise. Denn für die Studentin heißt es: drei Weihnachtstage, drei Bundesländer, drei Tannenbäume und viele hundert Kilometer. Sie lebt in einer Patchworkfamilie.

Und die besteht mittlerweile aus drei Vätern, zwei Müttern, einer Halbschwester und diversen Neffen und Nichten. „Weihnachten ist Stress“, sagt Berger. Denn die Diskussionen um das Fest der Liebe beginnen meist schon, bevor der erste Schokoweihnachtsmann im Laden steht.

„Schon in normalen Familien gibt es zu Weihnachten Konflikte“, sagt Christiane Wempe, Entwicklungspsychologin aus Ludwigshafen. „Die sind in der Patchworkfamilie vielfach potenziert.“ Das Fest wird zu einer logistischen Meisterleistung. Denn es ist schwierig, die Bedürfnisse aller Familienmitglieder unter einen Hut zu bekommen. Hinzu kommen weite Entfernungen - manch einer reist von einem Land ins andere, um die Verwandten abzuklappern. Damit das Weihnachtsfest mit der Patchworkfamilie nicht zum Desaster wird, müssen sich alle Beteiligten untereinander abstimmen.

Katharina Grünewald ist Diplompsychologin und berät Patchworkfamilien. Sie empfiehlt Eltern und Kindern, die wichtigsten Wünsche und Traditionen für das Fest auf verschiedene Zettel zu schreiben. „Am Ende hat man ein großes Puzzle mit den Bedürfnissen der Familienmitglieder“, erklärt Grünewald. Anschließend müssen alle gemeinsam versuchen, Kompromisse zu finden und herausfinden, welche Anliegen sich tatsächlich umsetzen lassen. Bleiben Wünsche auf der Strecke, müssen die Eltern darüber mit den Kindern sprechen und sagen, warum das so ist.

Wichtig sei, nicht den Kindern zuliebe aus dem Fest eine Mogelpackung zu machen. Wenn die unterschiedlichen Familienmitglieder sich nicht mehr verstehen, sollten sie auch nicht zusammen Weihnachten feiern. „Dann kommt nämlich kein Weihnachtsgefühl auf“, betont Grünewald. Auch Psychologin Wempe hat beobachtet, dass ein gemeinsames Fest inklusive der neuen Partner und Stiefgeschwister in den seltensten Fällen funktioniert. Das überfordere in der Regel alle Beteiligten. „Um alle unter ein Dach zu bekommen, müsste man ja dann schon fast die Stadthalle mieten“, scherzt sie.

Andreas Engel von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung rät Patchworkfamilien, das Fest zu entzerren: „Weihnachten ist ja nicht nur Heiligabend. Kinder können zum Beispiel jeden Tag woanders verbringen.“ Für diese Variante hat sich auch Anne Berger entschieden. In der Regel verbrachte sie den 24. Dezember mit ihrem Vater, am nächsten Tag ging es zu den Großeltern, und am zweiten Weihnachtstag besuchte sie ihre Mutter. Doch auch dieser Plan lässt sich nicht jedes Jahr so einfach umsetzen. „Man muss sich daran gewöhnen, auch mal am 22. oder 28. Dezember Weihnachten zu feiern“, erzählt sie. Und manchmal wurde der Heiligabend sogar auf mehre Familienkonstellationen aufgeteilt. Dann wurde im Drei-Stunden-Takt gefeiert.

Damit es unter dem Weihnachtsbaum nicht kracht, sind vorherige Absprachen nötig. Andreas Engel empfiehlt, circa sechs bis acht Wochen vor Weihnachten mit der Planung zu beginnen. Eltern klären am besten, was für Geschenke es für die Kinder geben soll. Denn die ziehen lange Gesichter, wenn es am Ende zwei Paar Skier gibt. Zwischen Stiefgeschwistern kommt außerdem schnell mal Neid auf. Dann reden am besten alle Beteiligten offen darüber und fassen die eigenen Gefühle in Worte. Wenn die Eltern in verschiedenen Städten leben, müssen sie Bahnreisen für die Kinder planen. „Mit 14 Jahren kann sich ein Kind auch schon mal allein in den Zug setzen, um jemanden zu besuchen“, sagt Engel.

Bei der Planung spielt auch das Alter der Kinder eine Rolle. Jugendliche wollen vermutlich viel eher über das Fest mitbestimmen als Kleinkinder, sagt die Psychologin Christiane Wempe. „Die haben ihren eigenen Kopf und müssen dementsprechend berücksichtigt werden.“ Jüngere Kinder können in die neue Situation leichter hineinwachsen. Gleichzeitig verstehen sie die Veränderungen gerade am Anfang aber weniger. Deshalb müssen Eltern erklären, warum Weihnachten in diesem Jahr anders gefeiert wird als im vorigen.

Aber nicht nur die Kinder haben Probleme, sich an ungewöhnliche Weihnachtskonstellationen zu gewöhnen. Auch für neue Partner kann es schwer sein, wenn die alte Familie sich entscheidet, das Fest gemeinsam zu verbringen. „Bei Stiefmüttern oder -vätern kann Eifersucht aufkommen“, sagt Psychologin Grünewald. Sie empfiehlt ihnen, diese freie Zeit am Heiligabend oder an einem der Weihnachtstage ganz bewusst für sich zu nutzen. Wichtig sei, dass alle Beteiligten verstehen, dass jede Konstellation ihre Berechtigung hat.

Für Anne Berger ist das Weihnachtsfest schon lange nicht mehr der Inbegriff von Besinnlichkeit und Liebe: „Alle haben an Weihnachten das Bedürfnis nach Harmonie und familiärem Zusammenhalt.“ Aber gleichzeitig werde einem zu keinem anderen Zeitpunkt im Jahr so deutlich vor Augen geführt, wie zerbrochen die Familie ist. Dennoch findet Berger: „Für ein Patchwork-Weihnachten braucht man auf jeden Fall Humor - der macht vieles leichter.“

(dpa)