1. Leben
  2. Familie

Berlin: Ein Viertel der Deutschen hat Zukunftsangst

Berlin : Ein Viertel der Deutschen hat Zukunftsangst

Ein Viertel der Deutschen blickt mit Sorge in die Zukunft. „Es gibt in unserem Land eine hohe soziale Verunsicherung”, sagte der Präsident des Sozialverbandes Volkssolidarität, Gunnar Winkler, bei der Vorstellung des „Sozialreports 2010” am Dienstag in Berlin.

Fast jeder vierte Deutsche äußere Zukunftsängste, gut die Hälfte der Befragten gingen davon aus, dass sich ihre eigene wirtschaftliche Lage in absehbarer Zeit verschlechtern werde und 75 Prozent äußerten die Angst vor Lücken bei der Altersvorsorge. Es sei daher offensichtlich, dass „die Mehrheit der Bürger weder vor noch nach der Finanzkrise an einem Wirtschaftsaufschwung teilgenommen hat und auch für die Zukunft keine leistungsgerechte Teilhabe sieht”, betonte Winkler.

Dennoch gebe es ”in Ost und West positive Aussagen mit steigender Tendenz zur Lebenszufriedenheit„, sagte Winkler. So gaben 62 Prozent der Westdeutschen und immerhin 51 Prozent der Ostdeutschen (insgesamt 59 Prozent) an, mit ihrer Lebenssituation zufrieden zu sein. Neben der allgemeinen Lebenszufriedenheit erhebt der Sozialreport auch Daten zu Lebensverhältnissen und politischen Einstellungen. ”Der Vereinigungsprozess wird, bei Anerkennung der erreichten Veränderungen seit 1990, als nicht abgeschlossen betrachtet„, sagte Winkler.

So sähen nur 47 Prozent der West- und 17 Prozent der Ostdeutschen die Wiedervereinigung als abgeschlossen an. Insgesamt sei nur eine kleine Minderheit von neun Prozent der Meinung, dass die beiden Landesteile zusammengewachsen seien. Besonders stark unterschieden sich die Ansichten über die wirtschaftlichen Verhältnisse im jeweils anderen Teil Deutschlands. So gingen 52 Prozent der Westdeutschen davon aus, dass es den neuen Bundesländern inzwischen wirtschaftlich besser gehe als den alten. Drei von vier Ostdeutschen sehen dies genau umgekehrt.

Winkler zeigte sich auch darüber besorgt, dass ein großer Teil der Westdeutschen (42 Prozent) die negative wirtschaftliche Entwicklung weitestgehend der Deutschen Einheit zuschrieben. ”Es hat sich hier eine keineswegs produktive Atmosphäre des gegenseitigen Aufrechnens entwickelt„, beklagte Winkler. Davon gehe eine Gefahr für das gesellschaftliche Miteinander aus. Dennoch wolle nur eine kleine Minderheit die DDR beziehungsweise die Mauer zurück.

Auch warnte Winkler vor einer steigenden Tendenz zur Armut. Nach der Erhebung lebte fast jeder fünfte Deutsche im Bereich des Armutsrisikos. Davon seien vor allem Arbeitslose, kinderreiche Familien, Alleinerziehende und Mini-Jobber betroffen. Die Gesellschaft müsse aufpassen, ”dass Armut nicht zum selbstverständlichen Element des sozialen Lebens wird„, mahnte Winkler. Es entwickle sich eine ”Kultur der Armut„, welcher die Politik entschieden entgegentreten müsse.

Gleichzeitig zeigten die Befragten ein geringes Vertrauen in die Politik und ihre Institutionen. Während die Demokratie als solches einen hohen Stellenwert besitze, ”wurde in den vergangenen Jahren das Vertrauen in die Politik und die repräsentative Demokratie erkennbar geschädigt", führte Winkler aus. Weniger als 20 Prozent der Bundesbürger brächten dem Bundestag und der Regierung noch Vertrauen entgegen. Während ebenfalls nur jeder fünfte Befragte Wahlen für ein geeignetes Instrument der Mitbestimmung hält, fordern 58 Prozent der Bürger die Einführung von Volksabstimmungen.

Der Sozialreport wird seit 1990 jährlich im Auftrag der Volkssolidarität erhoben. Für die vorgestellte 21. Auflage der Bevölkerungsumfrage wurden 2090 Bürger im gesamten Bundesgebiet postalisch befragt. Die 1945 in Ostdeutschland gegründete Volkssolidarität zählt heute 280.000 Mitglieder in 4300 Ortsgruppen und betätigt sich vorwiegend im Bereich der Sozial- und Pflegedienste.