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Münster: Die ganze Nacht tanzen: Eltern vom ersten Konzertbesuch überzeugen

Münster : Die ganze Nacht tanzen: Eltern vom ersten Konzertbesuch überzeugen

Ricarda Hillmer erinnert sich noch gut an ihr erstes Konzert: 30 Seconds to Mars im November 2011 in der Lanxess Arena in Köln. Einfach war es für die damals 16-Jährige am Anfang nicht, ihre Eltern davon zu überzeugen.

„Zuerst waren meine Eltern etwas kritisch, weil es direkt ein großes Konzert und weiter weg war.” Ricarda und ihre beste Freundin haben ihren Eltern deshalb Lieder und Konzertausschnitte der Band gezeigt. „Wir haben uns mit unseren Familien zusammengesetzt und besprochen, wie wir uns das Konzert vorstellen”, sagt Ricarda. „Unsere Eltern fanden es schon ziemlich gut, wie wir uns da reingehängt haben.”

Für Ulrich Gerth, den Vorsitzenden der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke), ist das genau der richtige Weg, seine Eltern von dem ersten Konzertbesuch zu überzeugen: „Ich muss die Botschaft vermitteln: Das ist mir wichtig.” Jugendliche sollten schon im Vorfeld zuverlässig und selbstständig sein. Dazu gehört auch, dass sie das erste Konzert langfristig und alleine planen, Geld für eine Konzertkarte sparen und mit einer Gruppe von guten Freunden fahren, die die Eltern kennen.

„Optimal ist, wenn man das Konzert alleine mit dem Zug erreichen und an einem Tag wieder zurückfahren kann”, erklärt Gerth eine Faustregel für die passende Entfernung. „Man muss nicht klein anfangen - aber ein großes Konzert ist auch ein großer Schritt.” Ist das Konzert weiter weg, sollten Jugendliche und Eltern keine Kompromisse machen, sagt Gerth: „Es gibt Schulpflicht, und die muss man einhalten.” Allerdings kann man versuchen, von den Lehrern für die erste oder die letzte Schulstunde beurlaubt zu werden.

Die ersten Konzertkarten haben Ricardas Eltern bezahlt, danach hat sie selbst Geld dazugegeben. Weil das Konzert in Köln war, hat ihr Vater die Mädchen hingebracht. Er hatte eine Karte für die Sitztribüne, sie standen direkt vor der Bühne. Doch Eltern müssen nicht zwingend mitgehen: „Am Anfang kann es sinnvoll sein, aber wenn man sich nicht für die Musik interessiert, muss man es nicht künstlich versuchen”, sagt Gerth. Ricarda hatte Glück: Ihr Vater mag die Band 30 Seconds to Mars. Wer erst elf oder zwölf Jahre alt ist, wird es allerdings schwer haben, ganz alleine aufs Konzert gehen zu dürfen.

Rechtlich ist es schwierig, einzustufen, wann Jugendliche ohne Begleitung auf ein Konzert gehen dürfen und wann nicht. „Die Frage ist, was eine Tanzveranstaltung ist”, erklärt Undine Krebs, Anwältin für Familienrecht im Deutschen Anwaltverein (DAV). Bei einer Tanzveranstaltung müssen Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren zwingend in Begleitung von Erziehungsberechtigten sein.

Jugendliche unter 18 Jahre können sich bei der Veranstaltung alleine aufhalten, allerdings nur bis Mitternacht. Wenn Erziehungsberechtigte anwesend sind, gibt es keine zeitliche Beschränkung für Kinder und Jugendliche. „Bei einer Tanzveranstaltung ist die Musik Mittel zum Zweck, zum Tanzen, wie die Loveparade”, sagt Krebs.

Für ein klassisches Konzert gelten andere Regeln: „Der Gesetzgeber stuft es anders ein, es ist nicht so kindeswohlgefährdend wie Tanzveranstaltungen.” Hier dürften Jugendliche ab 16 Jahren auch nach Mitternacht ohne Erziehungsberechtigte sein.

In welche Kategorie nun Rock- und Popkonzerte fallen, ist reine Definitionssache. Veranstalter achten jedoch bewusst darauf, dass Konzerte vor Mitternacht enden.

Für Festivals gilt das Gleiche: Jugendliche sollte sie langfristig planen. Beweisen sie ihren Eltern schon im Vorfeld, dass sie zuverlässig und selbstständig sind, spielt es laut Erziehungsberater Gerth keine Rolle, ob es ein Konzert oder ein mehrtägiges Festival mit Übernachtung ist.

Und auch von der rechtlichen Seite gibt es keine Unterschiede zum Konzert. Es kommt nach wie vor darauf an, ob das Konzert mehr eine Tanzveranstaltung oder mehr ein Konzert zum Zuhören ist. Übernachtungen sind laut Anwältin Krebs kein Problem.

Mittlerweile war die 19-jährige Ricarda schon auf vier Konzerten. Ihre Überzeugungsarbeit hat bei ihren Eltern gewirkt: „Sie machen sich jetzt keine Sorgen mehr, wenn ich auf ein Konzert gehe.”

(dpa)