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Coventry: Coming-out ist in Großbritannien nicht immer einfach

Coventry : Coming-out ist in Großbritannien nicht immer einfach

Auf den ersten Blick wirkt Jay Singh wie ein selbstbewusster schwuler junger Mann von heute. Das hochgestylte Haar, die Sonnenbrille und das betont legere T-Shirt weisen auf seine Arbeit in der Modebranche hin. Der Sohn indischer Einwanderer aus der ehemaligen Autostadt Coventry in der Mitte Englands hat schon als Schüler in der Modebranche gejobbt.

Schon vor dem Abitur hat er sich als Stylist einen Namen gemacht und bekam schon Angebote aus London. In der Modebranche sei sein Schwulsein sogar förderlich, sagt Jay. Richtig glücklich sei er darüber aber nicht. In Großbritannien werden viele Jugendliche wegen ihrer Homosexualität noch immer gemobbt.

Jays Coming-out etwa war entgegen der landläufigen Meinung, dass Schwule und Lesben nicht mehr stigmatisiert werden, alles andere als einfach. Mit dazu beigetragen habe auch sein indischer Hintergrund. „Meine Eltern sind sehr westlich und sehr vorwärtsdenkend. Aber da kommen sie einfach nicht mit”, sagt der 19-Jährige nachdenklich. „Insgeheim hoffen sie auf eine Art, dass es nur eine Phase ist. Sie wollen den vielen Verwandten natürlich nicht sagen müssen, dass ihr einziger Sohn Männer liebt und keine Frauen.”

Auf der Schule war es nicht leichter. „Ich habe es eigentlich so lange wie möglich geheim gehalten, um mir Ärger an der Schule zu ersparen”, sagt Jay. Er habe miterlebt, wie ein Freund, der sich outete, gnadenlos gemobbt wurde. Dies habe ihn abgeschreckt. Lehrer und Schulleitung seien nicht eingeschritten. „Da überlegt man es sich schon zweimal.”

Nach der jüngsten Studie der britischen Schwulen- und Lesbenorganisation Stonewall aus dem vergangenen Jahr werden 55 Prozent der jungen homosexuellen Jugendlichen in Großbritannien gemobbt. „Das sind 10 Prozent weniger als bei der letzten Studie 2007, aber immer noch bedenklich hohe Zahlen”, sagt Stonewall-Sprecher James Lawrence. Und während die gesellschaftliche Toleranz zunehme, bleibe „schwul” auf dem Schulhof nach wie vor ein Schimpfwort. Und an Schulen, an denen Ausdrücke wie „Schwuchtel” oder „Kampflesbe” die Runde machen, steige der Anteil der gemobbten homosexuellen Schülerinnen und Schüler auf 68 Prozent. Mehr als die Hälfte wage es nicht, sich bei Lehrern oder der Schulleitung zu beschweren, auch aus Angst, alles noch schlimmer zu machen.

Dabei bemüht sich die Regierung um mehr Toleranz im Alltag. Bildungsminister Michael Gove will Mobbing energisch entgegentreten. „Mobbing von schwulen und lesbischen Jugendlichen ist unzumutbar. Kein Kind sollte damit leben müssen, weder in der Schule noch außerhalb”, sagt ein Sprecher des Bildungsministeriums in London auf Anfrage. Jede Schule müsse Maßnahmen ergreifen, um jede Form von Mobbing auszuschließen. Das Bildungsministerium arbeitet mit Stonewall und der Anti-Mobbing-Organisation EACH (Educational Action Challenging Homophobia) zusammen, um in Zusammenarbeit mit Rektoren und Lehrern gegen Mobbing an Schulen anzugehen.

Dabei bekommen Lehrer Trainingsunterlagen und üben Strategien, mit denen sie im Klassenzimmer und auf den Fluren direkt gegen Vorurteile gegen Schwulen und Lesben angehen können. Bei den Programmen von Stonewall und EACH geht es unter anderem darum, Jugendlichen die Angst vor dem Fremden zu nehmen und aufzuzeigen, dass ihre schwulen und lesbischen Mitschüler ähnliche Wünsche und Träume haben. In einer Übung werden große Schilder mit den Wörtern „schwul”, „lesbisch” oder „bi” hochgehalten, während über diese Begriffe diskutiert wird. „Da fällt bei so manchem schon mal der Groschen. Für einen Moment haben sie eine Vorstellung davon, was es heißt, anders zu sein”, sagt EACH-Direktor Jonathan Charlesworth im Interview.

Der Regierung geht es darum, dass sich alle Schüler sicher fühlen und der Unterstützung ihrer Schulleitung sicher sein können. Organisationen wie Stonewall und EACH entwerfen ihre Programme in Zusammenarbeit mit den Schulen. „Wichtig ist, dass die ganze Schule mitzieht. Wir appellieren da an moralische und ethische Grundsätze, und bringen Lehrern wie Schülern bei, ihren Mitmenschen mit Respekt zu begegnen”, betont Charlesworth.

Für Jay kam das Outing Stück für Stück. Erst sagte er es einem Freund, dann einem anderen. An der Schule fand er auch in einer lesbischen Mitschülerin eine Stütze. Nach und nach fand er eine neue Clique, in der er sich aufgehoben fühlte, wie er sagt. Und irgendwann auf einem Schulfest vergaß er sich und küsste einen Freund. „Die Welt ist nicht untergegangen. Aber ich war nun auch so weit, damit umzugehen”, sagt Jay lächelnd. Nun zieht er zu einem Studium des Modemarketing nach London und freut sich auf die Herausforderung. Er möchte Erfolg haben - auch um jungen schwulen Männern indischen Ursprungs in Zukunft ihr Coming-out zu erleichtern.

(dpa)