Dortmund: Brummt, schreit, glitzert: Die Schultüte 2011

Dortmund: Brummt, schreit, glitzert: Die Schultüte 2011

Strasssteine, blinkende Lichter und Soundeffekte: Wenn es um die Tüte geht, kommt für viele Kinder von heute nur das Beste und Aufwendigste in die Tüte.

„Kinder von heute wollen mehr Action”, sagt Unternehmer Klaus Roth. Er wird es wohl wissen, denn seine Firma aus dem sächsischen Lichtentanne ist die zweitgrößte in Deutschland bei der Produktion von Schultüten.

Die Bandbreite ist bemerkenswert. Bei Jungen seien gerade Schultüten mit Dinosaurier beliebt - der per Knopfdruck sogar brüllen kann. Und bei den Mädchen? „Ein süßer Dalmatiner mit einem Halsband aus Glitzersteinchen”, sagt Roth.

Dass Markenprodukte A und O sind, denken heute schon i-Dötzchen. Die knallbunten Mini-Einhörner und geflügelten Pferdchen, die sie von morgens bis abends in der Fernsehwerbung sehen, wollen kleine Mädchen auch auf ihrer Tüte haben.

Comic-Helden aus „Cars” oder wie „SpongeBob” sind als Aufdruck ebenso beliebt. Auch Bettina Nestler, Designerin bei dem anderen Schultüten-Riesen mit Sitz im Erzgebirge, sagt: „An diesen Motiven führt kein Weg vorbei.” Märchenfiguren von früher seien längst Vergangenheit.

Und was soll hinein? Marie aus Essen denkt praktisch. „Ich brauche für die Schule noch ein paar Stifte”, sagt die Sechsjährige. Süßigkeiten sollen aber auch in die Tüte. Gummibärchen. „Schokolade nicht so gerne, weil die ja schmelzen kann”, sagt Marie.

Etwas gewagter sind die Wünsche ihrer Freundin Jule, die sich einen kompletten Spielzeug-Pferdehof wünscht. „Und ein paar Geschenke und Süßigkeiten - aber ohne Lakritz bitte.”

Auch was das Spielzeug im Inneren angeht, sind geflügelte Pferde offensichtlich der Renner. In den Kaufhäusern von Dortmund wiehern und springen sie in Rosa und Hellblau - wohin das Auge reicht. „Da gibt es sogar welche mit Krone und Prinzessinnen”, sagt die siebenjährige Franziska.

Die Ansprüche der Kinder an den Inhalt der Schultüte seien gewachsen, sagt Klaus Roth. „Mit reinen Zuckertüten kommen die Eltern nicht mehr weit.” Es brauche schon das Sporttrikot oder den Fotoapparat, meint der Unternehmer. Roth empfiehlt, die Tüten „gut zu stopfen”, weil die Kinder sie eher waagrecht hielten. „Ein Vorteil für die Kleinen, denn so ist auch mehr drin.”

Aber Vorsicht beim Naschzeug, warnen Experten. „Höchstens zehn Prozent der täglichen Energiemenge”, empfiehlt Kerstin Clausen vom Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund. 160 Kalorien also. Das entspricht etwa zwei Kugeln Eis. In die Schultüte würde Clausen aber „eher einen bunten Trinkbecher und eine hübsche Brotbox” stecken. „Essen soll den Kindern schließlich Spaß machen.”

Auch der Leiter des Gesundheitsamts des Rhein-Sieg-Kreises, Erich Klemme, appelliert an die Vernunft. „Dass in die Schultüte keine großen Mengen Süßigkeiten gehören, die neben den Zähnen auch der allgemeinen Gesundheit schaden können, sollte selbstverständlich sein.” Er empfiehlt stattdessen Luftballons, Seifenblasen, Frisbees, Hüpfseile und Spiele. „Mikado zum Beispiel fördert die Feinmotorik.”

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland rund fünf Millionen Schultüten verkauft. Gut die Hälfte stammt von den beiden Betrieben Nestler und Roth aus Sachsen. Die Schultüte ist ein deutscher Brauch aus dem 19. Jahrhundert, den es sonst nur noch in einigen Orten in Österreich und der Schweiz gibt. Fünf Millionen Schultüten bei bundesweit nur rund 700 000 eingeschulten Kindern? „Der Trend geht zur Zweit- und Dritttüte. Eine von den Eltern und die anderen von den Großeltern”, sagt Roth. „Außerdem sollen auch die Geschwister nicht leer ausgehen.”

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