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Bonn: Brennende Töpfe, erschöpfte Verwandte: Wann Heim-Pflege nötig wird

Bonn : Brennende Töpfe, erschöpfte Verwandte: Wann Heim-Pflege nötig wird

„Du musst nie ins Heim” - dieses Versprechen von Angehörigen ist gut gemeint. Ob sie es aber immer halten können, ist die Frage. Denn es gibt Situationen, in denen sie mit der Pflege ihrer Eltern oder Verwandten schlicht überfordert sind - wenn zum Beispiel der demenzkranke Vater in seiner Verwirrung immer wieder in die Zimmerecke pinkelt oder um sich schlägt.

Und manche Ältere kommen allein einfach nicht mehr zurecht, haben aber keine Angehörigen in der Nähe, die ihnen helfen können. Wann der Einzug in ein Heim notwendig ist, lässt sich pauschal nicht sagen. In jedem Fall gibt es vorher viele Möglichkeiten, anderweitig Hilfe zu organisieren.

Im Pflegeheim zu enden, ist für viele Menschen ein Alptraum. In einer repräsentativen Umfrage der GfK-Marktforschung vom Sommer 2008 erklärten sieben von zehn Bundesbürger, sie fänden die Vorstellung „grauenhaft”, in einem Pflegeheim zu wohnen. In einer weiteren GFK-Umfrage sagten mehr als 65 Prozent der Teilnehmer, sie wünschten sich, auch im Alter zu Hause wohnen bleiben zu können.

Doch bis wann geht das tatsächlich? Und was sind Zeichen dafür, dass Vater oder Mutter nicht mehr alleine zurechtkommen? „Der Betroffene erzählt das nicht am Telefon”, schildert die Pflegedozentin Christine Schmidt ihre Erfahrung. Es sind kleine Zeichen, die Angehörige hellhörig machen sollten. „Verweigerung, zum Beispiel die Ablehnung von spontanen Besuchen, weist auf Probleme hin”, erklärt Schmidt, die in Berlin Pflegekurse für Angehörige gibt.

Gleiches gilt, wenn Ältere plötzlich schlecht organisiert sind, sagt sie. „Die Person ist beispielsweise noch nicht vollständig angekleidet, wenn Besuch kommt, und findet eine Ausrede.” Aufhorchen sollten Angehörige ebenfalls, wenn Interessen nicht mehr verfolgt werden, also etwa bei einem Hobbygärtner der Garten verwildert.

„Problematisch wird es, wenn die Lebensführung nicht mehr sichergestellt ist”, ergänzt Heike Nordmann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Ein leerer, aber auch ein voller Kühlschrank, in dem nichts verbraucht wird, könnten Warnsignale sein. Aber auch eine vernachlässigte Wohnung, wenn jemand vorher ordentlich war. Das alles zeige, dass die Person Unterstützung braucht - aber nicht, dass sie ins Heim muss, erklärt die Pflegeexpertin. Und weder ein brennender Topf auf dem Herd noch ein Sturz bedeuteten zwangsläufig das Ende der Eigenständigkeit.

„Passiert so etwas, macht das Angehörigen große Angst”, erzählt Schmidt. Doch viele Situationen ließen sich mit Hilfsmitteln entschärfen. „Es gibt zum Beispiel gute Herdsicherungssysteme”, erklärt die Pflegedozentin. Und über einen Hausnotruf, der am Körper getragen wird, könne eine Person bei einem Sturz schnell Hilfe holen. Eine weitere Möglichkeit sei, eine Haushaltshilfe einzustellen, die für volle Kühlschränke und eine saubere Wohnung sorgt.

Ist die Mutter aber so verwirrt, dass sie bei Spaziergängen allein nicht mehr nach Hause findet, wird es schwieriger. „Gehen Sie zu einer Beratungsstelle und schildern Sie die Situation”, rät Nordmann. Die Berater könnten die Probleme besser einordnen und Lösungen vorschlagen. „Je früher man mit Unterstützungsangeboten anfängt, desto weniger eskaliert die Situation.” Vielleicht ist eine Wohngruppe oder Betreutes Wohnen eine Lösung, ergänzt Schmidt.

„Den Satz "Du musst nie ins Heim" sollte man aber nie sagen”, warnt Prof. Rolf Hirsch, Gerontopsychiater in den Rheinischen Kliniken Bonn. „Menschen, die das versprechen, gehen lieber selbst drauf, als ihr Versprechen zu brechen.” Tatsächlich werden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 68 Prozent aller Pflegebedürftigen in Deutschland zu Hause versorgt - ein großer Teil von ihnen ausschließlich von Angehörigen. Von einer leichtfertigen „Abschiebung ins Heim” kann also keine Rede sein. Doch manchmal ist die Pflege für Angehörige nicht mehr zu bewältigen, das gilt vor allem bei Demenz.

„Die Pflegenden wissen oft nicht, wie schwer die Erkrankung wirklich ist”, sagt Prof. Hirsch. Es mangele in hohem Maße an Aufklärung. Ein Angehöriger, der nur körperliche Beschwerden hat, könne sich ausdrücken und schlafe nachts. Bei einem Demenzkranken sei das anders. Angehörige hätten oft das Gefühl, ihn nie alleinlassen zu können.

Müssen sie ständig aufpassen, braucht der Pflegebedürftige nachts immer wieder Hilfe, und kommen noch Vorwürfe anderer Verwandte dazu, führt das zur Überlastung, hat Prof. Hirsch beobachtet. „Die Betroffenen können dann selbst nicht mehr schlafen, werden depressiv und wünschen, sich den Fuß zu brechen, damit sie in eine Klinik können und endlich einmal Ruhe haben.”

Weinkrämpfe, Erschöpfung, Niedergeschlagenheit und Spannungen mit dem eigenen Partner nennt auch Heike Nordmann als Warnzeichen dafür, dass es mit der Pflege zu Hause so nicht weitergeht. Die Alarmglocken sollten schrillen, wenn es zu körperlicher oder psychischer Gewalt kommt - etwa, wenn der Pflegebedürftige eingeschlossen wird. „Viele Pflegende nehmen selbst nicht wahr, dass sie nicht mehr können.”

In solchen Fällen brauchen sie Hilfe, und die gibt es auch jenseits eines Pflegeheims. „Das Heim ist nicht die einzige Lösung”, sagt Nordmann. Eine abgeschwächte Form sei die Tagespflege, erklärt Schmidt. Dann wird der Pflegebedürftige ein- oder mehrmals pro Woche tagsüber betreut, was eine große Entlastung sein kann.