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Berlin: Aus Opa wird iOpa: Den Großeltern das erste Smartphone aussuchen

Berlin : Aus Opa wird iOpa: Den Großeltern das erste Smartphone aussuchen

Lange hat er mit der digitalen Welt gefremdelt. So lange er noch eine Sekretärin hatte, diktierte er seine E-Mails. Doch jetzt, im Ruhestand, kommt es dicke: Zum 70. Geburtstag bekommt Opa ein Smartphone. Kein Seniorenhandy, sondern ein richtiges - wenn schon, denn schon. Schließlich soll er ja nicht außen vor bleiben, wenn im Kreis der Familie mobil Fotos geteilt oder Nachrichten verschickt werden. Ob das eine gute Idee ist? Immerhin, allein ist er nicht mit dem neuen Gerät. Immer mehr Senioren haben laut dem IT-Verband Bitkom ein Smartphone. Dennoch bleiben die Hürden beim Einstieg für den Einzelnen groß. Ein Erfahrungsbericht mit Tipps von Experten:

Im Laden: Tür auf, Bühne frei für den Handyverkäufer. Opa wird schnell zum Statisten. Und fühlt sich offenbar ein bisschen wie im falschen Film. Hier, das neueste Modell. Es hat 400 Funktionen, erklärt der Verkäufer. Es kann automatisch scrollen, wenn er nach unten guckt. Es erkennt, ob er den Blick abwendet. Opa macht große Augen. 400 Funktionen? Eigentlich will er ja nur telefonieren. Hätten wir uns das gemeinsame Aussuchen besser sparen sollen?

Der Tipp: Auch wenn es vielleicht länger dauert - das Smartphone sucht man am besten zusammen aus, rät Nicola Röhricht von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO). Denn probieren geht beim Kauf über studieren. Im Laden heißt es also, das Handy im Praxistest zu prüfen: Wie liegt es in der Hand? Ist das Display groß und hell genug? Die Entscheidung sollte man letztlich den Großeltern überlassen. „Nicht einfach eins vorsetzen”, sagt Röhricht. Denn auch vom Design her hätten Ältere andere Ansprüche. Sinnvoll ist es, in einen Laden in der Nähe zu gehen: So hat man bei Problemen immer eine Anlaufstelle vor Ort.

Auspacken und einschalten: Opa und das Smartphone - es ist wie eine Begegnung der dritten Art. Er hält das Handy in der Hand, als sei es die Laserkanone eines Außerirdischen und könnte gleich explodieren. Jetzt bloß nichts falsch machen, scheint er zu denken. Prompt passiert es. Ein falscher Griff, und schon öffnet sich eine App und fordert Zugriffsrechte ein. Oh Schreck, was habe ich jetzt gedrückt? Wo ist hier der Knopf zum Ausschalten?

Der Tipp: Solche Berührungsängste seien ganz typisch für Ältere ohne große Handyerfahrung, sagt Matthias Schroeder vom Berufsverband der Deutschen Usability und User Experience Professionals. Der Verband befasst sich mit dem Thema Nutzerfreundlichkeit. Und daran hapert es aus Sicht von Älteren bei Handys oft noch. „Für manche ist das so, als säßen sie plötzlich im Cockpit einer Boeing 737 und müssten versuchen, sie zu landen und die ganzen Hebel und Anzeigen zu verstehen.” Im ersten Schritt heißt es daher, zu zeigen, dass nichts kaputtgehen kann, wenn man mal den falschen Knopf drückt. Wichtig dabei: Nicht nur vormachen, wie es richtig geht, sondern selbst machen lassen und dabei geduldig über die Schulter schauen, rät Röhricht.

Erste Schritte: Fünf Knöpfe kennt Opa jetzt: Einschalten, Lautstärke ändern, „Zurück” und „Menü” - und im Zweifel immer „Home” drücken. „Home” drückt er ziemlich oft. Klingt wahrscheinlich irgendwie beruhigend. Bloß dieser Touchscreen. Wie nimmt man einen Anruf an? Aha, wischen. Mist, zu langsam. Der Anruf landet auf der Mailbox. Und die ersten Schritte enden gleich an der ersten Hürde.

Der Tipp: „Nicht zu viel erklären, einfach machen”, rät Erhard Hackler von der Deutschen Seniorenliga. Learning by Doing sei hier die Devise. Und wenn es beim ersten Mal nicht klappt, dann eben beim zweiten oder dritten Mal. Hierfür muss man sich also viel Zeit nehmen. „Das ist schon eine Geduldsprobe”, sagt Röhricht. „Jüngere sagen dann schnell: „Das hab ich Dir doch schon erklärt.”” Wichtig auch: Immer eins nach dem anderen üben, nicht zu viel auf einmal. Älteren liege diese Vorgehensweise eher.

Erste Erfolge: Nächstes Level, die Internetsuche mit Spracherkennung. Opa ist etwas genervt. „Du Blödmann” sagt er zu dem Handy. Richtige Freunde sind sie offenbar noch nicht geworden. Immerhin: Es funktioniert - das Handy sucht brav im Netz nach dem, was er sagt. Ergebnis: 181 000 Treffer mit dem Stichwort „Blödmann”. An erster Stelle ein Quiz mit dem Titel „Bist Du ein Blödmann?”. Opa ist erst etwas verwirrt: Will das Handy mich jetzt beleidigen? Dann begreift er und staunt: Das Handy versteht, was ich sage! Und ich muss nicht auf diesen kleinen Tasten herumtippen! Ein Segen für den 70-Jährigen.

Der Tipp: Kleine Erfolgserlebnisse sind immer gut. Am besten ködert man Oma oder Opa also mit etwas, das gut ankommt. Das kann die Spracheingabe sein - aber auch eine Rezepte-App für jemanden, der gerne kocht, sagt Röhricht. So etwas ist ein guter Anreiz, die technischen Hürden zu überwinden. Denn damit führen Enkel den Großeltern einmal ganz konkret den Nutzen des neuen Superhandys vor Augen. „Die sehen dann: „Mir erschließt sich da eine ganze Welt.”” Dieser Aha-Effekt ist also entscheidend, um Ältere von ihrem neuen Begleiter zu überzeugen.

Ich bin drin: Nach über zwei Stunden läuft Opa zur Hochform auf. Nachrichten schreiben per SMS, E-Mail und Messenger - kein Problem. Fotos machen und mit Kontakten verknüpfen? Klappt. Wenn seine Frau anruft, sieht man nun ihr Bild. Opa ist beeindruckt. Jetzt noch die Startseite einrichten. Welche Apps sollens denn sein? Nachrichten aufs Handy? Oder ein digitaler Reiseführer? „Das machen wir morgen”, sagt er. Für heute reicht es ihm.

Der Tipp: Beim Einrichten von Apps gilt: Weniger ist mehr, sagt Schroeder. „Es ist ja diese Masse an Funktionen, die einen überfordert.” Zum Einstieg sind Telefonieren, SMS und E-Mails genug - auch wenn Smartphones so viel mehr können. Auf der Startseite muss man daher erst einmal aufräumen und alles Unnötige entfernen. Kommen gleich Dutzende Apps aufs Handy, wirkt es schnell überfrachtet.

Zwei Wochen später: Eine Messenger-Nachricht von Opa: „Big Brother is watching you.” Na also - das mit dem Datenschutz hat er schon verstanden: Bloß nicht zu viel preisgeben. Als Antwort bekommt er ein paar Fotos aufs Handy geschickt. Seine Reaktion: Zwei leere SMS. Was will er uns damit wohl sagen? Offenbar gibt es beim praktischen Handywissen erste Erinnerungslücken.

Der Tipp: Nach dem Kauf ist es wichtig, am Ball zu bleiben, sagt Hackler. Sonst ist das neue Handywissen schnell vergessen. „Als Enkel schickt man also am besten immer wieder ein Foto oder eine SMS und fragt nach: „Hast Du meine Nachricht gesehen?”” Außerdem helfe es, die wichtigsten Dinge auf Klebezettelchen zu notieren. So kann Oma oder Opa hinterher schnell nachschauen: Wie rufe ich noch mal einen Kontakt an? Und wie antworte ich auf diese SMS von meinem Enkel?

Vier Wochen später: Eigentlich wäre es jetzt mal an der Zeit für das erste Videotelefonat mit Opa. Am PC hat das schon geklappt. Ja gerne, sagt er. Aber lieber ein andermal. Na gut, er braucht noch ein wenig Zeit, um sich an das neue Handy zu gewöhnen. Dennoch: Es scheint, bis Weihnachten sind die beiden gute Freunde. Dann gibt es als Geschenk eine App. Mal sehen, wie die ankommt.

(dpa)