Krefeld: Antibiotika bei Kindern: Zu oft und zu schnell verschrieben

Krefeld: Antibiotika bei Kindern: Zu oft und zu schnell verschrieben

Ob Bronchitis, Mittelohr- oder Blasenentzündung: Nach einer Studie des „Deutsches Medizinischen Wochenblatts” bekommt jedes zweite Kind unter zehn Jahren beim Besuch in der Kinderarztpraxis ein Antibiotikum verschrieben.

Auch eine Stichprobe unter 47.000 Versicherten der Krankenkasse AOK ergab, dass in der Altersgruppe der Zwei- bis Vierjährigen mehr als jedes zweite Kind mindestens einmal pro Jahr ein Antibiotikum erhält.

Das ist nicht nur nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine gefährliche Tendenz, die sich zum diesjährigen Weltgesundheitstag am Donnerstag (7. April) dem Kampf gegen drohende Antibiotika-Resistenzen verschrieben hat. „Antibiotika werden oft und schnell verschrieben”, sagt Prof. Tim Niehues, Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin am Helios-Klinikum Krefeld. „In vielen Fällen sind diese Medikamente zunächst gar nicht angezeigt, da die Erkrankungen durch Viren ausgelöst werden und Antibiotika gegen Viren wirkungslos sind.” Im Verlauf von Infekten kann der Einsatz von Antibiotika aber erforderlich werden, weil sich Bakterien auf den Infekt draufsetzen.

„Antibiotisch” heißt übersetzt „gegen das Leben”. Das klingt beängstigend, beschreibt aber die grundsätzliche Wirkung. „Antibiotika vernichten Bakterien im Körper”, erklärt Frank Kipp, Mikrobiologe am Institut für Hygiene des Universitätsklinikums Münster. Leider erwischt es dabei nicht nur die bösen Bakterien, die krank machen, sondern auch viele gute und wichtige Bakterien. „Ein Antibiotikum ist immer ein großer Eingriff in das körpereigene bakterielle Gleichgewicht.” Das häufige Verabreichen von Antibiotika wird auch gesamtgesellschaftlich zum Problem: „Wir beobachten besorgt die Zunahme von Resistenzen, vor allem im Klinikalltag bei schwerwiegenden Erkrankungen.”

Im Normalfall müssen die Medikamente sieben bis zehn Tage genommen werden. Häufig kommt es dabei zu Nebenwirkungen wie Durchfall, Erbrechen, Übelkeit und Appetitlosigkeit. „Auch allergische Reaktionen wie ein Hautausschlag können auftreten”, sagt Niehues. Neuere Untersuchungen verdächtigen Wirkstoffe wie Amoxicillin sogar, Zähne und Knochen bei Kindern nachhaltig zu schädigen. Für Kipp keine Überraschung: „Antibiotika sind hochwirksame, aber auch sehr starke Medikamente, die man nicht verharmlosen darf.”

„Das Maß ist entscheidend”, sagt Niehues. Er betont, wie wertvoll Antibiotika für die Gesundheit sein können: „Diese Medikamente retten täglich Leben und können Kinder und Erwachsene bei Infektionen vor schwerwiegenden Folgeerkrankungen wie Nierenentzündungen oder Herzklappenentzündungen schützen.” Kein Wunder, dass Antibiotika heute von vielen Menschen als Allheilmittel betrachtet werden. Nach einer Untersuchung der PMV Forschungsgruppe der Uniklinik Köln erwarten viele Eltern sogar, dass der Arzt für ihr krankes Kind Antibiotika verordnet.

„Eltern wünschen sich natürlich, dass ihr Kind schnellstmöglich wieder gesund wird”, erklärt Niehues. Oft kämen Ärzte auch dem Wunsch der Eltern nach und gäben ein „Notfall-Rezept” fürs Wochenende mit. Niehues weiß um die Schwierigkeiten: „Die Entscheidung für oder gegen ein Antibiotikum liegt nicht immer klar auf der Hand, Ärzte müssen gut abwägen.”

Tatsächlich ist bei vielen Erkrankungen überhaupt kein Antibiotikum erforderlich: „Eine Grippe dauert sieben Tage, mit Medikamenten eine Woche”, sagt Mikrobiologe Kipp und verweist darauf, dass nicht immer Bakterien die Ursache für eine Erkrankung sind. „Erfahrungsgemäß sind sogar rund 80 Prozent aller Atemwegserkrankungen auf Viren zurückzuführen.”

Auch bei Durchfallerkrankungen oder Magen-Darm-Infekten sind Antibiotika in der Regel wirkungslos. „Sechs bis acht Infektionen beim Kind pro Jahr sind absolut normal”, sagt Niehues. „Die meisten gehen absolut komplikationslos vorüber.” Ob und wenn ja welches Antibiotikum einem Kind verschrieben werden muss, kann nur nach sorgfältiger Untersuchung durch den behandelnden Arzt festgestellt werden. Bakterielle Erkrankungen gingen dabei oft mit eitrigen Abszessen und Fieber einher, zum Beispiel bei Mandel-, Mittelohr-, Lungenentzündungen oder auch Scharlach.

Ein Schnelltest in der Arztpraxis kann Aufschluss über den Erreger geben. Dieser liefert Niehaus zufolge „aber leider auch häufig falsche Ergebnisse”. Exakt bestimmt nur ein Labortest mit Anzüchtung den Erreger - dafür braucht es aber circa zwei Tage Zeit. Solange könnten und dürften Ärzte zum Beispiel bei eitrigen Infektionen nicht warten.

Darmaufbau nach Antibiotika nicht erforderlich

Während einer Antibiotikatherapie bekommen viele Kinder Durchfall. Auch danach sei die Darmflora häufig noch einige Zeit in Mitleidenschaft gezogen, sagt der Mikrobiologe Frank Kipp aus Münster. Viele Eltern fordern deshalb vom zuständigen Kinderarzt darmaufbauende Medikamente oder verabreichen ihrem Kind in Eigenregie Probiotika, zum Beispiel in Form von speziellen Joghurtpräparaten.

Experten bemängeln, dass es bis heute keine gut durchgeführten Untersuchungen gibt, die den positiven Nutzen solcher Produkte belegen. Auch wenn es etwas dauert: „Im Normalfall erholt sich der kindliche Darm von alleine wieder”, sagt Kipp.