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Berlin: Absturz nach dem Auszug: Jugendliche in der Schuldenfalle

Berlin : Absturz nach dem Auszug: Jugendliche in der Schuldenfalle

Könnte Kevin Muxfeldt die Zeit für ein paar Jahre zurückdrehen, würde er wahrscheinlich vieles anders machen. Vielleicht würde er nicht so früh in eine eigene Wohnung ziehen. Sicherlich würde er keinen Handyvertrag für 90 Euro im Monat mit zweijähriger Laufzeit abschließen. Und ganz bestimmt würde er besser auf seine Post achten.

Kevin Muxfeldt kann die Zeit nicht zurückdrehen. Stattdessen bereitet er seine Privatinsolvenz vor - er ist pleite mit 23 Jahren. Zwischenzeitlich hatte er mehr als 10 000 Euro Schulden. „Es hätte auch die Hälfte sein können, wenn ich mich rechtzeitig gekümmert hätte”, erzählt Muxfeldt. Aber er kümmerte sich nicht.

So wie Muxfeldt geht es vielen Jugendlichen in Deutschland. Der „Schuldenatlas 2012”, eine Untersuchung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, geht von 216 000 Schuldnern unter 20 Jahren aus. Das Statistische Bundesamt wertete Daten von Beratungsstellen über knapp 74 000 verschuldete Menschen in Deutschland aus. Mehr als 5.000 von ihnen waren 2011 unter 25 Jahre alt, etwa jeder Fünfte dieser Gruppe hatte mehr als 10.000 Euro Schulden.

„Das Hauptproblem ist, dass viele junge Menschen kaum in der Lage sind, ihre finanziellen Möglichkeiten realistisch einzuschätzen”, sagt Alis Rohlf, Leiterin der Koordinierungsstelle Schuldnerberatung in Schleswig-Holstein. Dies habe zum einen mit überzogenen Gehaltsvorstellungen zu tun. Zum anderen hätten viele Jugendliche kein Gefühl für ihre Finanzen.

Wie viel Geld habe ich im Monat zur Verfügung? Wie teuer ist die Miete? Wie viel brauche ich für meinen täglichen Bedarf? Diese Fragen müsse man sich regelmäßig stellen. Für den besseren Überblick rät Rohlf zu einem Haushaltsplan: Einnahmen auf die eine, Ausgaben auf die andere Seite. Im Internet gibt es für solche Finanzplaner gleich mehrere Seiten.

Solange die Jugendlichen noch zu Hause leben, springen oft Eltern oder Verwandte ein, wenn am Ende des Monats kein Geld mehr übrig ist. „Wenn junge Menschen einen Haushalt gründen, verrennen sie sich oft”, sagt Rohlf. So ging es auch Muxfeldt, als er mit 18 Jahren in seine erste eigene Wohnung zog. „Die erste Zeit lief es eigentlich noch ganz gut”, berichtet er. Doch als er seine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker abbrach, sei es steil bergab gegangen.

„Ich habe mir leider ein paar Verträge zu viel angelacht”, sagt Muxfeldt. Mit 18 Jahren dürfen junge Erwachsene eigene Verträge abschließen. Das ist verlockend, kann aber teuer werden. „Gerade bei wichtigen Entscheidungen sollte man wirklich noch mal eine Nacht drüber schlafen”, sagt Rohlf. Auf der Straße oder an der Wohnungstür sollten Jugendliche grundsätzlich nichts unterschreiben. Stattdessen sollten sie interessante Verträge erstmal mit nach Hause nehmen und sich in Ruhe angucken.

Eine weitere Schuldenfalle sind Dispo-Kredite bei der Bank. Kevin Muxfeldt legte sich gleich zwei Konten zu. Irgendwann war das eine um 500 Euro, das andere um 800 Euro überzogen. „Man kommt da einfach nicht mehr raus”, erzählt Muxfeldt. Hinzu kommen die hohen Zinsen, die man der Bank zahlen muss.

Auch Christina Huber, Schuldnerberaterin in München, berät viele junge Menschen, die Probleme mit Dispo-Krediten haben. Sie rät dazu, statt mit Karte lieber bar zu zahlen. „Wenn man relativ viel mit der EC-Karte zahlt, verliert man den Überblick.” Die Banken sind jedoch nicht die einzigen, denen ihre Klienten Geld schulden. Vermieter, Telefonanbieter, Behörden: Rechnungen und Mahnungen kommen von vielen verschiedenen Absendern.

Bei Kevin Muxfeldt landete die Post irgendwann nur noch auf der Ablage - oder im Mülleimer. „Ich hab die Rechnungen erstmal beiseite gepackt”, sagt er. Nach einem Umzug sei die Post weiter an die alte Adresse gegangen, weil er keinen Nachsendeauftrag einrichtet hatte. Schließlich wurden seine Konten gepfändet. Huber rät in solchen Fällen, sich sofort mit den Gläubigern in Verbindung zu setzen. So ließe sich unter Umständen eine Ratenzahlung vereinbaren.

Kann man selbst die Miete nicht mehr bezahlen, droht man sogar das Dach über dem Kopf zu verlieren. „Wenn kein Kontakt mehr zu den Eltern besteht, muss man bei Freunden unterkommen”, sagt Huber, die die Betroffenen ermutigt, offen mit Freunden und Verwandten über ihre Geldprobleme zu sprechen. Im Notfall könne man sich an Fachstellen zur Vermeidung von Obdachlosigkeit wenden.

Zumindest das blieb Kevin Muxfeldt bislang erspart. Vor zwei Jahren lernte er seine heutige Freundin kennen. Ein Wendepunkt, sagt der 23-Jährige. Muxfeldt ließ sich helfen und wandte sich an eine Schuldnerberatung. Zusammen mit seiner Beraterin habe er einen Plan aufgestellt. Sie habe ihm Tipps gegeben, „wo ich welche Auskünfte bekomme”.

Trotz professioneller Hilfe wird Muxfeldt noch mehrere Jahre gegen den bedrohlichen Schuldenberg ankämpfen müssen. Immerhin hat er jetzt wieder eine Perspektive, für die es sich zu kämpfen lohnt. Im April erwartet seine Freundin Zwillinge.

(dpa)