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Weinanbau in den Niederlanden: Niederländische Weine sind bemerkenswerte Raritäten

Weinanbau in den Niederlanden : Niederländische Weine sind bemerkenswerte Raritäten

Wer hätte gedacht, dass auch in den Niederlanden mit Hingabe Wein produziert wird? Der Mergelboden in Südlimburg lässt verschiedene Rebsorten gut gedeihen, wie unser Autor Rudi Zins fesetstellen konnte.

„Te koud, te nat, te plat“ (zu kalt, zu nass, zu flach), so hieß es noch vor gar nicht langer Zeit, auf die Frage, ob Weinbau in den Niederlanden möglich sei. Käse aus den Niederlanden kennt man, Tulpen auch, aber Wein? Wein aus einem Land, das so platt ist wie ein Pannekoeken? Wo unsere Vorstellung von Weinbau doch eher geprägt ist von romantischen Steillagen an Rhein und Mosel, was ja schon im Wort „Weinberg“ zum Ausdruck kommt?

Wer in Südeuropa, aber auch in Rheinhessen oder der Pfalz schon einmal durch die riesigen Weinfelder gefahren ist, der weiß, dass Wein auch im Flachland gedeiht. Tatsächlich bauten die Römer schon vor 2000 Jahren im südlichen Limburg Wein an. Die „kleine Eiszeit“ zwischen 1450 und 1850 brachte den Weinbau in den Niederlanden aber gänzlich zum Erliegen. Heute hat Maastricht ein sehr ähnliches Klima wie die Gegend um Beaune, aus der die besten Burgunder kommen. Mittlerweile wird von Südlimburg bis Friesland wieder Wein produziert, die gesamte Fläche wuchs allein in den letzten 15 Jahren von 30 auf 270 Hektar. Verglichen mit rund 100.000 Hektar Anbaufläche in Deutschland oder einer Million in Spanien sind die Niederlande natürlich immer noch ein Zwerg.

Die Qualität ist deutlich gestiegen

Niederländische Weine sind also nach wie vor eine Rarität, aber im Zuge einer immer größeren Wertschätzung regionaler Produkte durchaus bemerkenswert. Während in den ersten Jahren die Limburger Weine wohl eher selten als gut waren, steigerte sich ihre Qualität über die Jahre kontinuierlich. Die renommierte englische Weinautorin Jancis Robinson schrieb schon 2010 über eine Probe von 16 niederländischen Weinen unter dem Titel „My most surprising tasting ever“: „I had the most modest of hopes for them but the more I tasted the more surprised and delighted I was.“

In diesem Artikel sollen nun zwei besonders interessante Weingüter unserer Region vorgestellt werde:

1. Wijndomein St. Martinus, Vijlen

Ein sonniger, warmer Oktobertag. Kurz hinter Vaals liegt das Dorf Vijlen, das sich mit seiner Lage in 200 Metern Höhe stolz „Het Bergdorpje van Nederland“ nennt. Ein wenig außerhalb des Dorfs zwischen Wiesen und Maisfeldern ist am Rande eines Weinfelds ein Partyzelt aufgebaut. An langen Tischen genießen rund zwei Dutzend Menschen ihre Mittagspause mit Suppe, belegten Broten und einem Glas Wein. Dann geht es wieder an die Arbeit, bezahlte Erntehelfer sind dabei, aber auch Weinliebhaber, die einmal eine Weinlese selbst miterleben wollen.

Alle Trauben werden sorgfältig von Hand geschnitten, Faules wird aussortiert und die Körbe füllen sich schnell. Nur wenige hundert Meter entfernt steht das Haus der Familie Beurskens, dort schuf Vater Hans im Jahr 1988 die Basis für „St. Martinus“, eins der erfolgreichsten Weingüter der Niederlande, indem er beschloss, als begeisterter Weintrinker fortan im kleinen Garten hinter dem Haus seine eigenen Rebstöcke anzupflanzen. Der Weingarten wuchs schnell, irgendwann wurde auch Sohn Stan Beurskens vom Weinvirus infiziert und studierte Weinbau an den Universitäten Stellenbosch und Geisenheim. Als Berater betreut er inzwischen über 60 Weinbaubetriebe im In- und Ausland, in Vijlen erzeugt er seine eigenen Weine auf mittlerweile 16 Hektar.

Seit 2011 ist Wiebke Neddermann Betriebsleiterin im Weingut „St. Martinus“, eine junge ebenso zupackende wie kompetente Deutsche, die in Geisenheim Weinbau studiert hat und in perfektem Niederländisch fließend mit Besuchern, Kunden und Mitarbeitern kommuniziert.

Stan Beurskens hatte anfangs ein Problem: Er liebt schwere kräftige Rotweine, wie sie beispielsweise in Chile oder Südafrika produziert werden. Solche Weine sind aber im kühlen Limburger Klima nicht machbar, hier kann man von den klassischen Rotweintrauben allenfalls Spätburgunder oder Dornfelder anbauen. Auf der Suche nach einer Möglichkeit, Rotweine nach seinem Geschmack herzustellen, wurde er beim Weinbauinstitut Freiburg fündig, wo man seit vielen Jahren (ohne Gentechnik natürlich) neue Rebsorten züchtet. Diese unter dem Namen PIWI (=pilzwiderstandsfähig) bekannten Sorten brauchen weniger Sonne, sind früher reif und aufgrund der geringeren Anfälligkeit für Pilzerkrankungen müssen weniger Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, was dem Ziel, auf St. Martinus möglichst ökologisch/biologisch zu arbeiten, entgegen kommt.

Beurskens schafft es tatsächlich, mit Cuvées aus Rebsorten wie Monarch, Cabernet Cortis oder Pinotin mit 12-18 monatiger Reifung im Barriquefass kräftige Rotweine mit Anklängen an schwarze Früchte zu erzeugen. Auch die bei Weintrinkern nahezu unbekannten Weißwein-Neuzüchtungen wie Johanniter, Muscaris oder Solaris werden in Cuvées, die dann zum Beispiel „Bergdorpje“ oder „Drielandenwijn“ heißen, zu frischen, fruchtigen und trockenen Weinen verarbeitet.

Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein sind wichtig für Beurskens und so hat er 2014 seine Kellerei komplett neu gebaut. Unter einem sich unauffällig in die Landschaft schmiegenden Flachbau mit Verkaufs- und Probierraum erstrecken sich drei Etagen unter der Erde, so angeordnet, dass im Produktionsprozess auf Pumpen verzichtet werden kann, das Umfüllen besorgt die Schwerkraft. Der ganze Komplex ist durch die Nutzung von Erdwärme, natürliche Reinigung von Abwasser und Rückgewinnung von Wärme und Wasser weitgehend energieneutral.

www.wijngaardmartinus.nl

2. Apostelhoeve, Maastricht

Es ist Anfang Februar und es ist kalt. Mathieu Hulst zeigt mir mit dem zurückhaltenden Stolz des erfolgreichen Winzers die Südosthänge vom Gut Apostelhoeve hinunter ins Jekertal, wo die edlen Riesling- und Grauburgunderstöcke in Reih und Glied stehen. Die kalten Nordwestwinde werden hier am Stadtrand von Maastricht vom Louwberg abgehalten und es ist immer 2-3° Grad wärmer als im Tal. Vor anderthalb Jahren haben wir hier noch an langen weiß gedeckten Tischen zwischen den Reben in der Sonne gesessen und zu den herrlichen gekühlten Weißweinen von Apostelhoeve die phantastischen Kreationen von Christof Lang und seinen Kollegen der „Crossing-Borders“-Restaurants gegessen. Jetzt allerdings stehen die Weinstöcke kahl und mit Raureif bedeckt.

Auch im Weinkeller ist es kühl zwischen den langen Reihen der riesigen Edelstahltanks, in denen der Jahrgang 2016 reift. Ein paar Wochen noch, dann kann er filtriert und abgefüllt werden, probieren kann man ihn allerdings jetzt schon und das tun wir auch. Schon in diesem Stadium zeigt sich deutlich die Klasse dieser Weißweine, die hier noch gar nicht so lange angebaut werden. Traditionell waren die Hulsts Obstbauern, die hauptsächlich Äpfel und Birnen ernteten.

Hugo Hulst, der Vater von Mathieu, begann im Jahr 1970 als Erster in den Niederlanden, auf einem kleinen Stück Land kommerziell Wein anzubauen. Von Anfang an hat man sich bei Apostelhoeve auf vier klassische weiße Rebsorten beschränkt, die besonders geeignet sind für dieses Klima und den Boden, in dem unter einer humusreichen Lössschicht mehrere Lagen Kalk und Silex liegen: Riesling, Grauburgunder, Auxerrois und Müller-Thurgau.

Mathieu Hulst hat den Ehrgeiz elegante, fruchtige Weine zu erzeugen und das gelingt ihm in hohem Maße. Neben den sortenreinen Weinen gibt es noch eine Cuvée XII (wegen der 12 Apostel) aus Müller Thurgau, Auxerrois und Grauburgunder sowie einen Rieslingsekt und einen Sekt Cuvée XII Brut.

Hulst hat keine Scheu vor Technik: Vom Einsatz eines hochmodernen gigantischen Vollernters über eine computergesteuerte pneumatische Presse bis hin zu den exakt temperierten Edelstahltanks bleibt hier nichts dem Zufall überlassen. Reinzuchthefen sorgen für einen klar definierten, sauberen Geschmack, ein kleiner Teil des Grauburgunders bekommt durch Barriquelagerung einen leichten Holzton. Apostelhoeve-Weine wurden bereits in der Businessclass der KLM und bei Staatsempfängen des Königshauses serviert und stehen auf den Weinkarten der niederländischen Toprestaurants. Mathieu Hulst hat heute nicht mehr nur den Anspruch, zur Spitze der Limburger oder niederländischen Winzer zu gehören, sondern sich auch im internationalen Vergleich behaupten zu können.

www.apostelhoeve.nl

Wein probieren und kaufen

Zwei Winzer habe ich in unserer Region besucht, die sehr unterschiedliche Konzepte, aber auch eine Gemeinsamkeit haben: Beide sind Qualitätsfanatiker und Perfektionisten, die auf unterschiedliche Weise sehr gute Weine produzieren und dafür viele Auszeichnungen erhalten haben. Außer St. Martinus und Apostelhoeve gibt es natürlich noch eine ganze Reihe weiterer Weingüter, die interessante Weine machen.

Wer sich selbst ein Bild machen will vom Wein aus Zuid-Limburg, besucht am besten einmal das eine oder andere Weingut, das lässt sich sehr schön verbinden mit einer kleinen Wanderung durch diese wirklich reizvolle Gegend. Die Weine sind kaum im normalen Handel zu bekommen, aber fast alle Weingüter bieten Weinproben, Führungen und Einkaufsmöglichkeit an.