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Kochbücher im Test: Das kleine Unkrautkochbuch

Kochbücher im Test : Das kleine Unkrautkochbuch

Von Brennnessel bis Spitzwegerich: Über 60 Rezepte mit „Gratis-Gemüse aus dem Garten“ liefern Janine Hissel und Elke Schwarzer.

Allerorten sprießt es gewaltig und lässt so manchen Hobbygärtner zu Hochtouren auffahren: Unkraut. Unter Hecken, im Beet, neben dem Kompost keimt, was in den meisten Fällen unerwünscht ist. Die Autorinnen Janine Hissel und Elke Schwarzer hingegen raten zum Perspektivwechsel, ganz nach dem Motto: Nicht ärgern, sondern aufessen. Denn „Unkräuter sind nicht nur lästig, sondern lecker!“
In ihrem neuesten Buch aus dem Ulmer-Verlag warten sie mit über 60 Rezepten für „Gratis-Gemüse aus dem Garten“ auf. Wer das 128 Seiten starke Büchlein durchblättert, stößt auf eine ganze Reihe an Pflanzen, die man beiläufig im Straßenbegleitgrün oder an Waldrändern wahrnimmt, mitunter im eigenen Garten entdeckt, ihnen aber nie größere Bedeutung zugemessen hat. Der Knoblauchsrauke etwa. Bis zu einem Meter hoch reckt sie sich an schattigen Standorten, gerne vor Hecken, in die Höhe. Ihre zierlichen weißen Blüten sind beliebte Nektarlieferanten für Schmetterlinge. Aber, dass die ganze Pflanze wegen ihres zarten Knoblaucharomas ein wahrer Leckerbissen für Menschen sein kann, wissen die wenigsten. Hissel und Schwarzer kennzeichnen Alliaria petiolata gar als „Universalgenie in der Küche“: Die jungen Blätter lassen sich wie Kresse verwenden oder zu Pesto verarbeiten. Die Blüten schmecken würzig und die Samen pfeffrig. Die Autorinnen liefern Rezepte für einen tatsächlich sehr leckeren mediterranen Brotsalat mit Blättern der Knoblauchrauke sowie ein „grünes Kartoffelpüree“, einen Feta-Dip - und für eine Soße, in der zwei Handvoll Blätter, zwei hartgekochte Eier, saure Sahne, Weißwein-Essig, Rapsöl mit frisch gepresstem Zitronensaft püriert und mit Salz und Pfeffer abgeschmeckt werden. Eine wunderbare Ergänzung zu Pellkartoffeln.

Gundermann ist noch so ein Pflänzchen, das meist in Abgeschiedenheit blüht. Ein Bodendecker mit hübschen Blättern und leuchtend blauvioletten Lippenblüten. Die Autorinnen Hissel und Schwarzer machen unter anderem Grillmarinade und Salat-Dressing daraus oder verleihen Erdbeermarmelade mit einer Handvoll der rund-gekerbten Blättchen ein besonderes Aroma.
 „Statt in den Supermarkt gehen wir einfach mal in den Garten und schauen, welches wilde Kraut uns von dort in die Küche begleitet“, fordern sie auf. Um dann die „Top Ten der lästigen Unkräuter“, denen sie „mit dem Kochlöffel den Kampf ansagen“, mit launigen Texten vorzustellen. Und zwar jedes mit einem Kurzporträt, ihren Erkennungsmerkmalen, den Verwechslungsmöglichkeiten mit grünen Doppelgängern sowie Tipps sowohl zum Jäten als auch zum Ernten. Und mit diversen Extrainfos – wussten Sie etwa, dass aus der Wurzel von Löwenzahn eine kautschukähnliche Substanz gewonnen werden kann, die nachhaltiger angebaut werden könnte, als „echter Kautschuk“ aus den Tropen? Und dass Spitzwegerich-Blätter nicht nur in einem leckeren Möhrensüppchen geschmackliche Akzente setzen, sondern auch in zerriebener Form bei Mückenstichen den Juckreiz lindern.

Einer des Gärtners größten Feinde ist der dank seiner leistungsstarken Rhizome nahezu unausrottbare Giersch. Der „wuchernde Gierschlund“, so schreiben Hissel und Schwarzer, reiße sich alles unter den Nagel, weswegen Sämlinge und Kulturpflanzen im Stauden- und Gemüsebeet kaum gegen ihn ankönnten. Doch der vorwitzige Doldenblüher schmeckt auch höchst passabel, etwa wie Möhre oder Petersilie. Im Unkrautkochbuch finden sich Rezepte, die aufgrund der Fotos bereits zum Nachmachen einladen. Ausprobiert und für superlecker befunden: Kürbisgratin, im Ofen gebacken mit Knoblauch, Sahne, Bergkäse und einer ordentlichen Portion des kosten- und mühelosen Gemüsepflänzchens.

Weiterer besonderer Tipp: ein sommerlich-erfrischendes Gurken-Joghurtsüppchen mit einem Kräutchen, das einst bestenfalls als willkommenes Grünfutter für Wellensittich und Co. diente: der Vogelmiere mit ihren herzförmigen Blättchen und zierlichen Blütchen: Gurkenwürfel werden zusammen mit saurer Sahne, Joghurt und etwas Milch püriert, die Vogelmiere gewaschen, trockengeschleudert und feingehackt unter die Suppe gehoben. Alles mit Salz, Pfeffer und Zitronensaft abschmecken und bis zum Servieren kaltstellen.

Über die beiden Autorinnen:
Janine Hissel ist Kräuterpädagogin, die in ihrer Freizeit gerne in ihrem Reihenhausgarten gärtnert. Sie bietet ein umfangreiches Repertoire an Kursen und Veranstaltungen zum Thema Produkte aus und mit Kräutern, darunter Kochevents und und Wildkräuterwanderungen. Info: https://www.wald-und-wiesenblumen.de/

Elke Schwarzer ist Diplom-Biologin und schildert ihre Erfahrungen mit dem Gärtnern in ihrem Reihenhausgarten mit Kompost, torffreier Erde und ohne Pestizide auf ihrem Blog www.guenstiggaertnern.blogspot.de. Zudem hält sie Vorträge über wildbienenfreundliche Gärten. Für den Ulmer-Verlag hat sie schon mehrere Bücher geschrieben, unter anderem die Bestseller „Der Giersch muss weg“ und „Meise mag Melisse“.

Das keine Unkrautkochbuch, Janine Hissel und Elke Schwarzer, Ulmer Verlag, 128 Seiten, 14,95 Euro.