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Landau: Das große Krabbeln: Kochen mit Insekten ist mehr als eine Mutprobe

Landau : Das große Krabbeln: Kochen mit Insekten ist mehr als eine Mutprobe

Es ist heiß und schwül, aus dem Lautsprecher tönen Geckorufe: beste Bedingungen, damit sich lebendige Heuschrecken und Co. heimisch fühlen. Doch im Reptilium in Landau (Pfalz) liegen die Insekten schockgefrostet in der Schale, um gleich von Menschen verspeist zu werden.

Dort, wo sonst Waran, Bartagame und Schlange als Exoten bestaunt werden, machen sich Fleischesser damit vertraut, Insekten zu essen. Als Erstes ziehen sie den Heuschrecken die vier Flügel und die sperrigen Hinterbeine, dann drehen sie ihnen den Kopfpanzer ab.

„Krabben pulen ist schwieriger”, sagt eine Kochkurs-Teilnehmerin, die sich noch nicht sicher ist, ob sie die Krabbeltiere überhaupt essen will: „Man muss den Ekel überwinden.” Im Kurs von Reptilium-Geschäftsführer Uwe Wünstel und Biologe Stephan Dreyer werden Heuschrecken, Waldschaben und Grillen kurz im Wok frittiert und dann als Fingerfood gegessen. In einer Mascarponezubereitung mit Zwiebeln, Knoblauch, Tomaten und Zucchini, die zu Pasta serviert wird, stecken Mehlwürmer. Als Nachspeise gibt es schokolierte Heuschrecken auf Eis mit Mehlwurmschokoladenstückchen.

Die beiden Hobbyköche haben erste Erfahrungen mit essbaren Krabbeltieren in Asien gemacht. Privat bevorzugen sie zwar eher Fleisch und Gemüse, aber im Kurs geht es um mehr. „Aus dem Stadium der Mutprobe sind wir längst hinaus, wir wollen auch informieren über Insekten als ein mögliches neues Schnitzel”, sagt Dreyer.

Da ist es gut, dass die Entscheidungsträger von morgen ihre Eltern begleiten. Die Kinder Theresa und Felix sind eifrig dabei, Flügel auszureißen, Tomaten zu schnibbeln und zu dekorieren. Doch als es ans Essen geht, stochert Theresa die Mehlwürmer aus der Soße heraus. Schmeckts nicht? Theresa verzieht ein wenig verschämt das Gesicht: „Da muss man so viel rumkauen”, sagt sie. Dabei hinterlassen Mehlwürmer nicht den strohigen Eindruck im Mund wie die knusprigen Chitinpanzer von Heuschrecken und Waldschaben.

An der Mehlwurmschokolade gibt es aber gar nichts auszusetzen. Sie erzeugt ein knusprig-schmelziges Mundgefühl wie eine Crispyschokolade und sieht auch so aus. Das Nussige der Mehlwürmer ergänzt das Schokoladige ideal. Doch für einige Teilnehmer ist nicht mehr als eine kleine Kostprobe drin. Sie bleiben skeptisch reserviert.

In den Filialen der Mongolian-Barbecue-Restaurantkette „Mongos” könnten Insekten dagegen der Renner unter den Vorspeisen werden. Mehlwürmer sind mit Koriander in Tempurateig eingehüllt und neben Heuschrecken und Grillen auf einem Bananenblatt angerichtet. Die Grillen sind mit einer Soße verfeinert und mit Curry abgeschmeckt, der fruchtige Whisky-Cola-BBQ-Dip harmoniert mit dem nussigen Aroma der Insekten. Aber nicht alle Gäste essen ihren Teller leer.

Den Lebensmitteltechnologe Kolja Knof von der Hochschule Bremerhaven wundert das nicht - auch wenn 80 Prozent der Weltbevölkerung Insekten essen und die Welternährungsorganisation FAO sie als Problemlöser der Welternährung empfiehlt. „Fest gefügte Ernährungsgewohnheiten können sich nur über Generationen ändern”, erläutert er.

Dabei spricht vieles für Insekten. Denn Heuschrecken, und Co. sind sehr eiweißreich. Sie enthalten außerdem viel Vitamine, Mineralien und Spurenelemente, besonders hoch ist ihr Eisengehalt. Etliche der mehr als 1900 weltweit verzehrten Insektenarten sind zudem reich an gesunden Fettsäuren. Mit anderen Worten: „Sie nicht zu essen, ist global gesehen ungewöhnlicher, als sie zu essen”, sagt Knof.

Es gibt aber noch mehr Argumente: Die Tiere vermehren sich rasch, ihr Futterbedarf ist vergleichsweise gering. Sie produzieren wenig klimaschädliche Gase und brauchen wenig Platz und Wasser. Während eine Kuh zum Beispiel acht Gramm Futter zu sich nehmen muss, um ein Gramm zuzulegen, sind es bei einem Insekt lediglich zwei Gramm. Für die Produktion von einem Kilogramm Protein aus Mehlwürmern braucht man weniger als 40 Prozent der Fläche für Hähnchen.

Einer der ersten Profiköche in Deutschland, der Insekten zubereitet, kennt die Ekelfaszination vom Eiweiß auf sechs Beinen bestens. Nach den ersten Folgen der RTL-Sendung „Dschungelcamp” habe es fast drei Jahre lang „einen richtigen Hype” gegeben, sagt Frank Ochmann. Damals hatte er als Küchenchef des Club-Restaurants „Soda” in Berlin Insekten auf der Speisekarte. Heute serviert der Insektenkoch, der auf Hawaii zum ersten Mal Tausendfüßler gegessen hat, bei Tagungen über Nachhaltigkeit kunstvolle Kostproben einer möglicher Zukunftsnahrung. Ein Insektenschnitzel hierzulande sieht er aber in weiter Ferne. Schon allein aus einem Grund: „Heuschrecken rangieren preislich auf dem Niveau von Trüffeln.”

Wer Insekten trotzdem daheim zubereiten will, dürfte sich aber schon bei der Beschaffung schwertun. Denn nach europäischer Rechtslage sei unklar, ob Insekten hierzulande überhaupt als Lebensmittel angeboten werden dürfen, erläutert die Lebensmittelexpertin Christina Rempe in der Fachzeitschrift „Ernährung im Fokus”. Privatleuten bleibt daher nur, entweder über das Internet im Ausland zu bestellen oder im Zoofachhandel lebende Insekten kaufen, zwei Wochen lang mit guter Nahrung zu füttern und dann schockzufrosten.

(dpa)