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Dortmund: Zwischen Hörsaal und Wickeltisch: Studieren mit Kind

Dortmund : Zwischen Hörsaal und Wickeltisch: Studieren mit Kind

Mit Anfang 30 stand für Nagihan Atan fest: Jetzt möchte ich ein Kind. Ihr Studium der Erziehungswissenschaften und Soziologie an der Technischen Universität Dortmund konnte sie davon nicht abhalten. „Ich hatte ja schon eine Ausbildung, habe neben dem Studium immer gearbeitet und hatte auch nicht mehr alle Zeit der Welt für ein Kind”, erinnert sich die heute 37-Jährige.

Als Mutter war Atan an der Uni unter den Studenten eine Ausnahme. Gerade fünf Prozent der Studierenden hatten 2012 ein Kind. Das geht aus der 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks hervor. Von den Studenten mit Kind war rund jeder zweite (52 Prozent) über 30 Jahre alt und verheiratet (50 Prozent).

Unlängst hatte es eine öffentliche Debatte gegeben, dass ein Kind während des Studiums doch eigentlich optimal ist. Die Argumente: Wenn es mit der Karriere mit Anfang 30 richtig losgeht, sind die Kinder bereits aus dem Gröbsten heraus. Außerdem sind junge Eltern häufig gelassener.

„Den richtigen Zeitpunkt für ein Kind gibt es nie”, dachte sich Atan. Doch mit der Schwangerschaft stellten sich auch viele Fragen. Wie das Ganze finanzieren? Welche Hilfen bietet die Uni? Kann eine werdende Mutter sich vom Studium beurlauben lassen? Einer ihrer ersten Wege führte die Schwangere deshalb in das Campus Familienbüro. Das Projekt ist eine Kooperation von der Technischen Universität und der Fachhochschule Dortmund sowie der Stadt.

Die meisten Eltern hätten sehr praktische Anliegen, erzählt Jeannette Kratz, die dort Studenten berät. Oft gehe es aber auch um moralische Unterstützung. Im Mittelpunkt stehe in der Regel ein „Sortieren und Strukturieren”. Welche Schritte stehen als nächstes an? Und wie muss das Studium wegen des Kindes umorganisiert werden?

Werdende Eltern wenden sich zunächst am besten direkt an die Beratungsstelle der Universität oder des Studentenwerks, rät Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk. Von Wickeltischen über Stillräume bis hin zu Eltern-Cafés - viele praktische Informationen bekommen werdende Eltern dort. Häufig bieten Hochschulen auch eine eigene Kinderbetreuung an. Manche verfügen auch über günstige Familienwohnungen. Die Universität Heidelberg vermietet zum Beispiel einige Familienwohnungen mit drei bis vier Zimmern für eine monatliche Miete ab 380 Euro. In manchen Mensen dürfen Kinder von Studierenden außerdem kostenlos mitessen.

Unterstützung erhalten Studenten auch bei der Finanzierung ihres Lebensunterhalts mit Kind. Wer Bafög bekommt, kann beispielsweise mit einem formlosen Antrag eine Verlängerung über die Höchstdauer hinaus beantragen. „Wichtig ist, dass man sich so früh wie möglich beim jeweiligen Studentenwerk und beim Bafög-Amt informiert”, empfiehlt Grob. Häufig gebe es auch eine Möglichkeit, werdenden Eltern zinsgünstige Darlehen zu gewähren. Manche Unis bieten auch ein einmaliges „Begrüßungsgeld” für Kinder an. „Und natürlich erhalten auch Studierende Elterngeld und Kindergeld”, sagt Kratz. Darüber informieren die Städte und Gemeinden, bei denen die Unterstützung beantragt werden muss.

Schon einige Wochen nach der Geburt weiterzustudieren - das funktioniert in der Regel nicht. Deshalb gibt es die Möglichkeit, sich für die Erziehung und Betreuung eigener Kinder vom Studium beurlauben zu lassen. Trotzdem dürften junge Eltern häufig Seminare besuchen, Prüfungen ablegen und Hausarbeiten einreichen, erzählt Kratz. „Die Beurlaubung ermöglicht es außerdem, Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld II zu beantragen”, erklärt Marietta Fuhrmann-Koch, Sprecherin der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Ohne Beurlaubung haben Studenten darauf keinen Anspruch.

Auch die Dozenten sollten möglichst früh informiert werden, rät Kratz. Viele hätten großes Verständnis für die besondere Situation von Studierenden mit Kindern. Sie gewährten Fristverlängerungen bei Abgaben von Hausarbeiten und machten eine Ausnahme von der Anwesenheitspflicht, die es bei vielen Seminaren sowieso nicht gibt.

„Ich habe mich nur ein Semester beurlauben lassen und bei der Arbeit ein Jahr Elternzeit genommen”, erinnert sich Nagihan Atan. Ihre Tochter ist inzwischen vier Jahre alt. Da sie in den ersten Monaten keine Kinderbetreuung hatte, nahm sie das Kind einige Male mit in die Vorlesung. „Natürlich hatte ich das vorher mit der Professorin abgesprochen und mich bestens vorbereitet”, sagt sie. Sie habe ihre Tochter vorher gefüttert und sich immer nah an den Ausgang gesetzt, um den Seminarraum schnell verlassen zu können. „Natürlich ist es anstrengend, und ich werde mein Studium später abschließen, als ursprünglich geplant”, erzählt sie. Trotzdem: Im Studium ein Kind zu bekommen - unmöglich sei das nicht.

(dpa)