Düsseldorf: Wischen statt Blättern: Hauptschulunterricht mit dem Tablet

Düsseldorf : Wischen statt Blättern: Hauptschulunterricht mit dem Tablet

Unterricht mit Tablets kommt in vielen Schulen Deutschlands selten vor. Doch gerade bei lernschwachen Schülern könnten die Geräte hilfreich sein. In einer Hauptschule in Düsseldorf kommt die neue Technik in überraschenden Bereichen zum Einsatz.

Zwischen Discounter, Döner-Imbiss und Handy-Shop lässt sich der digitale Aufbruch in der Hauptschule im Düsseldorfer Stadtteil Rath von außen nur schwer erahnen. Doch gerade hier lernen Schüler, wie sich mit modernen Geräten Aufgaben und Alltagsprobleme auf alternative Weise lösen lassen.

Die Wilhelm-Ferdinand-Schüßler-Tagesschule zählt zu den vergleichsweise wenigen Schulen in Deutschland, in denen Tablets zum Einsatz kommen. Von den digitalen Lernhelfern verspricht man sich hier viel.

Die Schüler einer achten Klasse stehen kurz vor dem Eintritt ins Berufsleben. Das Training für die entscheidenden Bewerbungsgespräche geht hier so: Im Deutsch-Unterricht filmen sich die Jugendlichen bei einem Rollenspiel.

Der eine ist der Bewerber, der andere spielt den Chef, der Dritte hält mit der Video-Funktion drauf. Jonas klopft zweimal in die Luft. „Hallo, ich wollte mich bewerben”, sagt er. „Guten Tag, mein Name ist Boss”, entgegnet Timo. In einer anderen Ecke endet das Gesprächs-Geplänkel bei drei Mädchen in einem Lachanfall. Irgendwie komisch. Klar, dass die Kurzfilme bei den meisten mehrmals wiederholt werden müssen.

Später sammelt Lehrerin Pouyeh Ansari die Vorstellungsfilme von den Tablets ein und wirft die selbst gedrehten Videos der simulierten Job-Gespräche an die Wand. Wie wirke ich auf andere Menschen? Wie verhalte ich mich? Wie komme ich an? Erst nach der Vorführung der Filme kommt die Klasse lebhaft ins Gespräch.

Beim Unterricht mit den flachen Computern bekommen die 14 und 15 Jahre alten Schüler nicht nur wichtige Verhaltensregeln gezeigt. In anderen Einheiten werde auf moderne Weise versucht, das Lernen zu verbessern, erklärt Ansari.

Etwa bei der Rechtschreibung. In der Freizeit greifen Ansaris 14- und 15-Jährige nur noch in Ausnahmefällen zu Stift und Papier. iMessage, Facebook Messenger oder Whatsapp - Chat-Programme sind ihre Kommunikationsmittel, berichtet die Lehrerin. Und Tablets und Smartphones damit nah an ihrer Lebenswirklichkeit.

Bei Schreibübungen nehmen die Hauptschüler statt einem Heft lieber das Tablet in die Hand. Auch wenn bei den Textverarbeitungsprogrammen die Autokorrektur aufploppt und entscheidende Hinweise gibt - Lehrerin Ansari schwört im Unterricht auf die modernen Geräte. „Die Schule ist der einzige Ort, wo noch richtig gelesen und geschrieben wird”, sagt sie. Die Rechtschreibkorrektur sei dann keine Schummelei, sondern eine wichtige Stütze.

In der Düsseldorfer Tagesschule steht das Lernen mit Tablets seit mehr als zwei Jahren auf dem Lehrplan. „Wir erreichen viel mehr Schüler, vor allem Leistungsschwächere und die mit geringerem Selbstbewusstsein”, berichtet Projektleiter Jürgen Hilger-Höltgen.

2013 hatte sich die Hauptschule zur digitalen Schule gewandelt: Das eschool-Förderprogramm der Stadt Düsseldorf brachte der Schule 30 Tablets. Die schmalen Computer in Buchform waren nicht nur für die Schüler, sondern auch für die Lehrer ein Segen, sagt Hilger-Höltgen.

Besserer Unterricht und höhere Motivation für alle? Die Auswirkungen des digitalen Wandels waren auch für den langjährigen Englisch-Lehrer eine neue Erfahrung. „Sie nehmen das Ding, sitzen still, fangen an zu arbeiten. Schüler, die sonst die Zähne nicht auseinander bekommen, machen plötzlich mit. Das haben wir so in der Hauptschule bisher nicht gekannt.”

Mal ersetzt das flache Multifunktionsgerät die Kamera, mal den Tageslichtprojektor oder Stift und Papier: Beim Sportunterricht analysieren Schüler Spielsituationen über Videoaufnahmen oder zeichnen physikalische Experimente auf.

In Geschichte erschließen sich Klassen historische Zusammenhänge durch Bildstrecken. Im Vergleich zur klassischen Geschichtsstunde könne sich das Ergebnis auf dem Tablet sehen lassen, sagt Schulleiter Uwe Schorscher. Mit dem „normalen” Buch schaffen seine Hauptschüler in einer Unterrichtsstunde gerade mal durchschnittlich sieben Sätze.

In der NRW-Landeshauptstadt kommen Tablets in rund 40 Schulen zum Einsatz. Für eine Vollausstattung mit iPads, Beamer, Laptop und Fortbildungen zahlen die Geldgeber - Schulverwaltung, Stiftungen oder Fördervereine - rund 15 000 Euro.

300 Kinder, 32 Nationalitäten, 20 Sprachen - in der Hauptschule in Rath ist die babylonische Sprachverwirrung Normalität. „Hier ist praktisch jeder Ausländer”, sagt Hilger-Höltgen. Allein um einen neuen Schüler ansatzweise verstehen zu können, seien Übersetzungsprogramme oder Aussprachefunktionen auf den Tablets Gold wert, fügt Schorscher hinzu. „Schließlich kann ein Lehrer nicht arabisch oder griechisch gleichzeitig sprechen.”

Bessere digitale Bildung ist erklärtes Ziel der großen Koalition in Berlin. Bei Computerfähigkeiten hinken deutsche Schüler im internationalen Vergleich hinterher. Oft fehlen die nötigen Werkzeuge - Breitbandanschluss und moderne Geräte.

Fast alle Lehrer stehen hinter dem digitalen Wandel: 95 Prozent von ihnen begrüßen den Einsatz elektronischer Medien, wie eine Studie des IT-Branchenverbands Bitkom unter 500 Lehrer an weiterführenden Schulen ergeben hat.

Ob Computer, Notebooks, Beamter, digitale Foto- oder Videokameras: Zwar gehört digitales Lernen in so gut wie allen Klassenzimmer dazu. Dennoch hält ein Drittel der Lehrer die vorhandene Ausstattung nur für mittelmäßig. Tablets etwa sind an wenigen Schulen verbreitet.

Anders als Zuhause: Jeder vierte Deutsche über 14 Jahren nutzt laut Bitkom die flachen Rechner. Doch nicht bei der Youtube-Generation, sondern gerade bei den 30- bis 49-Jährigen sind die Geräte am Beliebtesten.

Von Bayern bis Schleswig-Holstein erproben Schulen seit wenigen Jahren den digitalen Wandel in den Klassenzimmern - vom White-Board über Tablets bis zu Laptop-Klassen.

Die Zahlen ergeben kein klares Bild: Nach der Bitkom-Studie kommen Tablets in jeder fünften Schule in Deutschland zum Einsatz. Die Berliner E-Learning-Agentur geht hingegen von nur einigen hundert Schulen aus.

Fragt man Schüler in Nordrhein-Westfalen, geht in dem Bundesland, in dem die Landesregierung eine Digital-Offensive verkündet hat, nur wenig voran. Viele Kinder und Jugendliche klagen über schlechte Ausstattung an Internetzugängen und digitalen Geräten im Schulalltag.

„Was digitales Lernen angeht, mangelt es an allem. Die Internetanschlüsse in den Computerräumen sind furchtbar langsam und oft überlastet. Die Hardware der Rechner ist auf dem alten Stand”, sagt ein Sprecher der NRW-Landesschülervertretung in Köln.

Zudem fehle an so gut wie jeder Schule ein WLAN-Netz, mit dem Schüler ihre eigenen Geräte benutzen könnten. „Von den Schulträgern wird das nicht bereitgestellt, oft liegt es an Kostengründen. Landesweit ist das ein flächendeckendes Problem.”

Die Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE) teilt grundsätzlich die Ansichten der Schüler. Die Ausstattung in Schulen mit modernen IT-Geräten sei noch immer als rückständig zu bewerten, hatte der VBE nach einer Befragung unter mehreren hundert Lehrern Anfang März mitgeteilt.

Schulleitungen halten mit wohlklingenden Attributen dagegen: Von der „Tablet-Schule” oder dem „digitalen Klassenzimmer” ist dann zu lesen. Gerade Hauptschulen - die wegen der Schulreform in Nordrhein-Westfalen faktisch vor dem Aus stehen - versuchen, aus den Tablets einen Wettbewerbsvorteil zu ziehen. „Auch wir müssen an die Öffentlichkeit herantreten und so auf uns aufmerksam machen, um die Schülerzahlen konstant zu halten”, sagt Hilger-Höltgen.

Auch in der Gesamtschule im niedersächsischen Barßel bei Oldenburg lösen Hauptschüler Matheaufgaben mit Tablets oder recherchieren Referate online. Rektor Werner Sandmann fördert in seiner Schule moderne Lernansätze. „Hauptschüler brauchen eine vereinfachte, visuelle Darstellung”, sagt er.

Auf der anderen Seite gewinnt Sandmann dem digitalen Unterricht nicht nur positive Seiten ab. Gebe man Schülern ein Tablet in die Hand, münde die Suche nach einer einfachen Lösung auch oft in einem einfachen Ergebnis, sagt Sandmann. Das Problem: Statt eigenen ausgearbeiteten Gedanken würde Lehrern nur Bilder oder Videos aus dem Netz auf dem Tablet serviert.

Die Forschung erkennt für den Hauptschulunterricht generell einen Nutzen. Vor allem Schüler mit geringen Lernvoraussetzungen könnten durch besondere Darstellungsformen und Möglichkeiten zum Mitmachen schwierige Inhalte leichter verstehen, sagt Bardo Herzig von der Universität Paderborn.

Die Geräte könnten Motivation und Zusammenarbeit steigern. Ob Tablets das Lernen Fördern, sei jedoch nicht vom Gerät, sondern von dessen Einsatz in einem abwechslungsreichen Unterricht abhängig, so der Pädagogik-Professor.

„Tablets ersetzen aber um Himmels Willen nicht den normalen Unterricht”, sagt Schulleiter Sandmann, „mit größeren Textmengen kommen Hauptschüler nicht zurecht.” Da sei es völlig egal, ob der Text auf einer Buchseite oder einem Bildschirm stehe.

Lehrerin Ansari sieht in Tablets auch eine psychologische Unterstützung für ihre Schüler. „Es ist gut für ihr Selbstwertgefühl, gerade weil sie sich „nur” als Hauptschüler sehen”, sagt sie. „Denn viele haben sich hier eh schon abgeschrieben.”

(dpa)
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