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Berlin: Wann ein Studienfachwechsel sinnvoll ist

Berlin : Wann ein Studienfachwechsel sinnvoll ist

Ist das Studienfach das richtige für mich? Viele Erstsemester sind unsicher, ob sie ein Studium machen, das zu ihnen passt. Vor allem in den ersten Semestern, die häufig daraus bestehen, das System Uni zu durchblicken und sich durch Grundlagen-Module zu kämpfen.

Was passiert, wenn die Zweifel immer größer werden? Und ab wann sind sie nicht mehr unter dem Begriff Durststrecke zu verbuchen?

Entscheidend sei die Intensität der Gefühle, sagt Hans-Werner Rückert von der Studienberatung der Freien Universität (FU) Berlin. Bin ich überfordert? Fehlt mir der Antrieb, zur Uni zu gehen? Bekomme ich Bauchschmerzen, wenn ich nur an das Studium denke? Wer sich jeden Tag fragt, ob die Studienwahl die richtige ist, durchlebt nicht nur eine kleine Durststrecke.

Um die ersten Zweifel richtig zu deuten, ist es wichtig, seine eigene Persönlichkeit einzuschätzen. „Glaubt man, eine hohe Toleranzgrenze zu haben, oder ist man eher ungeduldig”, sagt Psychologie-Professor Stephan Dutke von der Universität Münster.

Christoph (22) hat sein Studium abgebrochen und vor einem Jahr den Neuanfang an der Leuphana Universität Lüneburg gewagt. Zwei Semester hat er gebraucht, um zu erkennen, dass der Studiengang wirtschaftspolitischer Journalismus an der Technischen Universität Dortmund nicht zu ihm passt. Er war schon immer der Typ, der etwas durchzieht und nicht direkt aufgibt. Also kam ihm ein Studienwechsel nicht in den Sinn. Er besuchte alle Mathe- und Statistikvorlesungen, obwohl schon in der Schule Mathe nicht sein Lieblingsfach war. Bauchschmerzen hatte er nie. Er traf in der Uni schließlich seine Freunde. Mit den ersten Klausuren kamen dann die Zweifel, aber eher an sich selbst und nicht an der richtigen Studienwahl.

Die Experten sind sich einig: Am wichtigsten ist in so einer Situation, mit anderen über seine Zweifel zu sprechen. Ansprechpartner können Eltern und Freunde sein, aber auch die Beratungsstellen an den Hochschulen oder die Bundesagentur für Arbeit. Vor allem sollte man seine Entscheidung nicht ganz alleine fällen und diese nach ein paar Wochen heroisch verkünden. „Wenn man schon früh Bedenken äußert, ist das Umfeld über eine Entscheidung nicht ganz so überrascht”, erklärt Prof. Dutke.

Wer sich unsicher ist, ob der Studiengang der richtige ist, kann Online-Self-Assessments machen. Das sind anonyme Tests, die bei der Studienwahl helfen. „Man kann diese Tests aber auch nutzen, um seine Wahl zu überprüfen”, sagt Prof. Dutke.

Christoph äußerte Bedenken, ließ aber den Gedanken, im falschen Studiengang zu sein, nicht zu. Aber seine Familie merkte es. Christoph fehlte die Begeisterung, die er sonst mit ihnen teilt. Er sprach nur darüber, was er machen muss und nicht was ihm gefällt. „Sie sagten, ich soll mal darüber nachdenken, ob ich das so weitermachen möchte.” Erst blockte er ab, wollte kein Versager sein. Aber ihm wurde schnell bewusst, dass alle hinter ihm standen. Also suchte er sich im Sommer 2014 Hilfe bei einer professionellen Studienberatung. Das Ergebnis: eine Auswahl an Studiengängen, die besser zu ihm passen.

Um einen klaren Kopf zu bekommen, helfen laut Experten folgende Fragen: Wie bin ich zu der Studienwahl gekommen? Bin ich eher der Studien- oder Ausbildungstyp? Ist das Studium das Problem oder etwas anderes? Quält der Gedanke ans Studium mich schon morgens, wenn ich aufwache und verfolgt mich abends wieder ins Bett? Sind meine Kommilitonen vom Studiengang begeistert und ich nicht? Liegt es an meinem Selbstmanagement?

Irgendwann müssen Studenten eine Entscheidung fällen. Es hilft nicht, sich monatelang im Kreis zu drehen. Fakt ist: Man weiß nie, was einen erwartet, wenn man einen Studiengang beendet. Aber es kann meistens nur besser als schlechter werden. Wichtig sei, vor dem Abbruch einen Plan B in der Tasche zu haben, erklärt Studienberater Rückert. Kommt nach dem Abbruch ein Leerlauf, kann dieser das Gefühl des Versagens bestärken.

Mancher fühlt sich durch den Studiengangswechsel auch stigmatisiert und empfindet den Studienabbruch als Versagen. Das hat zum Beispiel Christoph daran gehindert, sich die falsche Studienwahl einzugestehen. Das sei aber Irrsinn, sagen beide Experten. „Mit 19 oder 20 Jahren durchlebt man eine dynamische Entwicklung”, erklärt Rückert. Es gibt über 18 000 Studiengänge. Da ist die Wahrscheinlichkeit, eine falsche Wahl zu treffen, ziemlich groß. Es gehört zu der persönlichen Entwicklung, sich mit Zweifeln und Konflikten auseinanderzusetzten. „Wenn man sich selbst Misserfolge eingesteht, wächst man daran menschlich”, erklärt Rückert.

Auch Christoph ist an dieser Phase gewachsen. Er studiert nun mit Begeisterung Kulturwissenschaften und Wirtschaftspsychologie. Irgendwie ist er auch ein bisschen stolz darauf, die Entscheidung selbst getroffen zu haben. Der Preis: Jeder sieht in seinem Lebenslauf, dass er einen Studiengang nicht abgeschlossen hat. Andererseits gibt es keine Lücke. „Mit dem nicht ganz perfekten Lebenslauf auf dem Blatt muss ich leben.” Aus diesem Grund möchte er nur mit seinem Vornamen genannt werden. Im Endeffekt kann er nicht sagen, welche Arbeitgeber die Einstellung der Experten teilen. Unterm Strich geht er aber als Gewinner aus der Krise mit dem Studium hervor.

(dpa)