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Üttfeld: Unterwegs mit einer Rinderbesamerin

Üttfeld : Unterwegs mit einer Rinderbesamerin

Melissa Theis ist in ihrem Auto mit Millionen Spermien unterwegs. Sie stammen von Atlantic, Danno oder Stellando. Das sind allesamt begehrte Zuchtbullen. In Mini-Röhrchen bei knapp minus 200 Grad in flüssigem Stickstoff im Kofferraum gelagert, sind die Samenzellen nach fachgerechter Erwärmung jederzeit einsatzbereit.

Denn: „Wenn eine Kuh brünstig ist, muss es schnell gehen”, sagt die Besamungstechnikerin, die jeden Tag mehrere Kühe und Rinder im Eifelkreis Bitburg-Prüm in Rheinland-Pfalz künstlich besamt. „Es ist ein schöner Job, ich schenke jeden Tag Leben”, sagt Theis, die eine der wenigen Frauen in Deutschland ist, die das macht.Gerade hat Landwirt Klaus Peifer-Weihs in der Gemeinde Üttfeld Alarm geschlagen. Zwei seiner Tiere seien so weit. Theis fährt mit ihrem Auto mit der Aufschrift „Besamungsservice” auf den Hof.

Zuerst checkt die 25-Jährige am Computer, ob Kuh Viktoria tatsächlich Brunstsymptome gezeigt hat und somit kurz vor dem Eisprung steht. „Die Tiere sind deutlich aktiver als sonst”, erklärt Theis. Sie untersucht Viktoria, bevor sie sich entscheidet. Dann: „Der Brunstschleim ist klar und fadenziehend: Sie wird besamt.”

Hofherr Peifer-Weihs sagt: „Wir lassen fast alle unsere Kühe künstlich besamen.” Er habe 170 Kühe im Stall - und da sei es schwer, immer den richtigen Moment für eine natürliche Paarung zu erkennen. Wenn man diesen verpasse, dann gebe es kein Kalb und keine Milch. Mit der künstlichen Besamung könne man viel besser steuern, wie der Nachwuchs werde - etwa robuster und fitter. Ein Deckbulle berge die Gefahr, dass er Seuchen übertrage.

Neben der Gesundheit sei auch die Milchleistung wichtig, erklärt Nick Bergsieker, Verkaufsberater des Rinderzuchtunternehmens CRV für Rheinland-Pfalz und das südliche Nordrhein-Westfalen. Viele Landwirte wünschten sich daher für ihr Tier ein gutes, straffes Euter. In einem Katalog können sich die Bauern aussuchen, welcher Zuchtbulle es sein soll - und die Spermien bestellen. „Wir haben klare Renner”, sagt Bergsieker. Atlantic und Danno gehören dazu.

Dannos Spermien sind auch in dem Röhrchen, das Theis nun auf exakt 38,5 Grad erwärmt und rasch in die „Besamungspistole” steckt. Damit sich die Temperatur auf dem Weg vom Auto zum Stall nicht verändert, lässt sie die Pistole unter ihre Weste am Rücken gleiten. Die Spermien werden in die Gebärmutter eingeführt - Viktoria lässt alles ruhig über sich ergehen. „Wenn jetzt alles geklappt hat, dann gibt es in neun Monaten ein Kälbchen”, sagt Theis und lacht. Im Schnitt bekomme jede Kuh alle 400 Tage ein Kalb.

Künstliche Besamung im Kuhstall sei schon lange „Standard”, sagt der Sprecher des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau, Herbert Netter, in Koblenz. Die Milchbauern hätten weitgehend in den 60er, 70er Jahren darauf umgestellt - weil sie mit den Spermien von einem „Hochleistungszuchtbullen ganz andere Qualitäten erreichen” könnten, sagt Netter. Mit einem Deckbullen im Stall sei man nicht so flexibel. Die Besamungen von Rindern werde von verschiedenen Stellen und Firmen angeboten, manche Landwirte übernähmen es auch selbst.

Theis ist über Umwege zu ihrem Job gekommen. Zunächst hatte die Eifelerin eine Ausbildung zur Rechtsanwaltfachangestellten gemacht. Dann ging sie ein Jahr nach Australien, um zu reisen und zu jobben. „Und ich landete bei Perth auf einer Farm.” Sie entdeckte ihre Liebe zu Vieh und Stall. Zurück in der Eifel wurde sie Wirtschafterin für Landwirtschaft und setzte die Besamungstechnikerin obendrauf. Seit Anfang dieses Jahres ist sie bei der CRV für rund 30 Betriebe zuständig.

„Es ist schon was Besonderes, dass eine Frau diesen Job macht”, sagt Bergsieker, der regelmäßig aus Lennestadt im Sauerland in die Eifel kommt. Normalerweise werde er traditionell von Männern ausgeübt. Theis sei seines Wissens nach die einzige Frau in Rheinland-Pfalz.

CRV, nach eigenen Angaben eines der größten Rinderzuchtunternehmen weltweit mit Hauptsitz im niederländischen Arnheim, habe bundesweit knapp 70 Besamungstechniker im Einsatz, darunter etwa zehn Frauen, sagt Sprecher Steffen Schmottlach. Im Jahr verkauft die Firma rund um den Globus elf Millionen Sperma-Portionen.

Bei Theis sitzt jeder Handgriff. Dennoch sei keine Besamung wie die andere. „Bei jeder Kuh liegt die Gebärmutter anders. Man muss sehr vorsichtig sein”, sagt die 25-Jährige aus der Eifel-Gemeinde Nusbaum.

Dass sie mit ihrem „Besamungsservice”-Auto viele Blicke auf sich zieht, ist ihr klar. Vor allem im Stau müsse sie immer vielen grinsenden Autofahrern zurückwinken. „Ich nehme es mit Humor.” Die meisten aber wüssten gar nicht, was sie täte. „Deshalb habe ich mir jetzt eine Kuh hinten aufs Auto geklebt.”

(dpa)