Bonn: Outing im Job: Worauf homosexuelle Mitarbeiter achten sollten

Bonn : Outing im Job: Worauf homosexuelle Mitarbeiter achten sollten

Aus seiner sexuellen Identität macht Guido Hunstig kein Geheimnis - auch nicht im Büro. „Wenn mich ein Kollege in der Kantine fragt, was ich am Wochenende gemacht habe, sage ich ihm einfach: Ich war mit meinem Mann unterwegs”, erzählt der 43-Jährige, der bei der Telekom als Teamleiter arbeitet.

Ab und an gebe es neugierige Nachfragen, aber negative Reaktionen habe er im Job persönlich noch nicht erlebt. 1998 hat sich Hunstig das erste Mal bei der Arbeit geoutet. Hat er es nun mit neuen Kollegen zu tun, erwähnt er in Gesprächen einfach einmal nebenbei, dass er schwul ist.

So entspannt wie Hunstig ist längst nicht jeder. Viele Berufstätige trauten sich immer noch nicht, mit ihrer Homosexualität am Arbeitsplatz offen umzugehen, sagt Bernd Schachtsiek. Er ist Vorsitzender des Völklinger Kreises, einem Zusammenschluss schwuler Führungskräfte in Deutschland. Laut einer Umfrage des Psychologischen Instituts Köln verschweigt jeder zehnte Homosexuelle (10,1 Prozent) am Arbeitsplatz, dass er schwul oder lesbisch ist. Die Mehrheit (41,8 Prozent) redet nur mit einigen wenigen Kollegen darüber. Für die Studie wurden 2006 rund 2700 Homosexuelle befragt.

Angst vor Diskriminierung oder die Sorge, den Kollegen eine Angriffsfläche zu bieten - die Gründe, warum Homosexuelle ihre sexuelle Identität im Job verschweigen, sind vielfältig. Dabei sind die Ängste Schachtsiek zufolge oft unnötig. Die Reaktionen nach einem Outing seien meist weniger schlimm als erwartet. Das bestätigt auch die Studie: Von denen, die sich outeten, sagten 92 Prozent, dass die Kollegen überwiegend positiv reagierten. Über den Chef sagten das immerhin 85 Prozent.

Trotzdem ist Homosexualität nach wie vor ein Tabu-Thema in vielen Unternehmen - und Diskriminierungen sind nicht auszuschließen. Bewerber fahren deshalb gut, wenn sie sich die Firmen heraussuchen, für die Toleranz gegenüber Homosexuellen fest zur Firmenkultur gehört. Welche Firmen das sind, können Bewerber etwa auf der Karrieremesse „Sticks & Stones” erfahren, die früher „Milk” hieß. Von Adidas bis Coca-Cola präsentieren sich dort jedes Jahr Unternehmen, die offen mit dem Thema Homosexualität umgehen. „Die Firmen wollen mit ihrer Teilnahme ein Zeichen für ihre eigenen Mitarbeiter setzen und eine offene Geisteshaltung demonstrieren”, sagt der Gründer Stuart Cameron.

Vor allem in großen international ausgerichteten Unternehmen - etwa Banken - finden homosexuelle Mitarbeiter in der Regel ein tolerantes Betriebsklima vor. „Wir legen Wert darauf, dass sich unsere Teams unterschiedlich zusammensetzen”, erzählt zum Beispiel Kerstin Pramberger, die bei der Deutschen Bank das Diversity Management leitet. Alle Beschäftigten sollen unabhängig etwa von Geschlecht, Alter oder eben der sexuellen Orientierung in einem respektvollen Umfeld arbeiten können. Gleichgeschlechtliche Paare sind in Unternehmen bei betrieblichen Zusatzleistungen seit mehr als zehn Jahren den heterosexuellen Paaren gleichgestellt.

Ganz anders sehe es manchmal in kleineren Unternehmen aus, sagt Schachtsiek. Je nach Firmenkultur hätten es homosexuelle Mitarbeiter dort mitunter schwer. Auch Mitarbeiter in männlich dominierten Branchen oder in technischen Betrieben müssten sich häufig mit Vorurteilen herumschlagen.

Sind Berufstätige unsicher, ob der Arbeitgeber ihnen wegen ihrer sexuellen Identität Probleme macht, sprechen sie das Thema am besten schon im Bewerbungsgespräch an, rät Schachtsiek. Das müsse kein offensives „Und übrigens, ich bin schwul” sein. Oft reiche es, kurz zu erzählen, dass man einen Partner habe. Wenn die Personaler dann schon empfindlich reagierten, sei es oft besser, den Job nicht anzunehmen. Die Chance, dann in der Firma wertgeschätzt zu werden, sei eher klein.

Entscheidet man sich für ein Outing, lassen Firmenneulinge am besten im Gespräch mit Kollegen nebenbei die Wochenendausflüge mit dem Partner einfließen. Wer schon jahrelang in dem Unternehmen tätig ist, kann es sich so leicht meist nicht machen. Ob Berufstätige dann zuerst mit dem Vorgesetzten oder den Kollegen sprechen oder einfach den Partner zu einer Firmenveranstaltung mitbringen - das sind heikle Fragen. Ein Patentrezept gebe es dafür nicht, sagt Schachtsiek.

Wichtig sei bei einem Outing, Verständnis für Reaktionen zu haben, die zunächst einmal unerwartet sind. Kommt zunächst ein blöder Kommentar, ist der zwar ärgerlich - häufig lässt er sich aber mit der Verunsicherung der Kollegen erklären. Arten die Bemerkungen jedoch in Mobbing oder Diskriminierung aus, sollten Mitarbeiter sich an den Vorgesetzten oder den Betriebsrat wenden. Hilfreich sind auch firmeninterne Netzwerke für schwule und lesbische Mitarbeiter, wenn es sie gibt. Innerhalb der Telekom ist das „queerbeet”, „dbPride” heißt das Pendant der Deutschen Bank.

Bleibt die Frage, ob Homosexuelle sich gegenüber Kunden und Geschäftspartnern outen sollen. Schachtsiek hält das in der Regel für unnötig. „Es geht ja schließlich um die Sache und nicht um das Privatleben.” Wer von einem Geschäftspartner zu einem Firmen-Event mit Begleitung eingeladen wird, sollte abwägen. „Wenn man unsicher ist, wie darauf reagiert wird, entschuldigt man den Partner aus Zeitgründen. Da würde ich das Geschäft nicht gefährden wollen.”

(dpa)
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