Bremen: Lernen ohne Grenzen: Auch im Alter ist das Gehirn offen für Neues

Bremen: Lernen ohne Grenzen: Auch im Alter ist das Gehirn offen für Neues

Die freie Zeit wäre da, die Neugier auch. Aber kann ich das noch? Noch mal eine Fremdsprache lernen - oder eine neue Sportart? Bin ich dafür nicht zu alt? „Das Gehirn ist plastisch, also durch Lernen veränderbar.

Diese Fähigkeit bleibt über die gesamte Lebensspanne erhalten”, sagt Ben Godde, Professor für Neurowissenschaften am Jacobs Center on Lifelong Learning in Bremen. Den grauen Zellen tut es sogar gut, mit Neuem gefüttert zu werden: „Denn das Gehirn ist faul. Es macht nur so viel, wie es muss. Wenn man es wieder fordert, passt es seine Ressourcen an und steigert seine Leistungsfähigkeit.”

Forscher der Universität Hamburg zum Beispiel baten vor einigen Jahren Senioren zum Jonglieren und stellten die gleichen Effekte auf die zuständigen Bereiche im Gehirn fest wie bei jüngeren Probanden. „Wie gut man als älterer Mensch lernt, hängt vor allem von den Lernerfahrungen in früheren Lebensphasen ab, von der Lernbiographie”, sagt Miriam Haller, Geschäftsführerin des Arbeitsbereichs Gasthörer- und Seniorenstudium an der Universität Köln. „Hat man positive Erfahrungen mit dem Lernen gemacht, hat man früher gern Neues gelernt?”

Rund 1600 Teilnehmer zählt das Programm, ein Drittel von ihnen absolviert klassische Studiengänge mit allen Prüfungen, zwei Drittel sind als Gasthörer eingeschrieben. Manches lerne sich nicht mehr ganz so schnell wie früher, berichtet Haller. Zugleich hätten die Älteren aufgrund ihrer Lebenserfahrung aber Vorteile, wenn es um Reflexion und Transfer geht. „Außerdem hilft es beim Lernen, wenn der Stoff in den Lebenszusammenhang eingebettet ist, wenn das Wissen direkt angewendet werden kann.”

Während das Studium ein Klassiker der Seniorenbildung ist, sind die Damen aus der Regensburger Übungsgruppe von Karatetrainerin Stefanie Nagl in ihrem Bekanntenkreis Exoten. Seit mehr als drei Jahren üben die sieben Frauen zwischen 73 und 84 Jahren die Techniken der japanischen Kampfsportart. Ursprünglich ging es um eine Universitätsstudie zum Nutzen von Bewegung im Alter, doch die Seniorinnen blieben auch danach dabei. Karateschüler zu trainieren, die erst in so hohem Alter anfangen, sei auch für sie eine interessante Erfahrung gewesen, sagt Nagl: „Aber die Übungen lassen sich gut anpassen: Da geht der Fußkick eben nicht mehr bis unters Kinn.” Dem Trainingseffekt tut das keinen Abbruch.

Die wissenschaftliche Studie erbrachte übrigens das Ergebnis, dass sich bei den Karate-Senioren im Vergleich zu zwei Kontrollgruppen sowohl die Merkleistung als auch die allgemeine Stimmungslage verbessert hatten. Für die sieben Seniorinnen ist das aber nur ein Aspekt des Trainings: „Sie schätzen die Gemeinschaft, und sie haben durchaus noch den Ehrgeiz, ihre Technik weiter zu verbessern”, erzählt Nagl. Wichtig für den Lernerfolg ist vor allem das persönliche Interesse. „Älteren wird oft nachgesagt, sie seien weniger motiviert zu lernen”, sagt Hirnforscher Ben Godde: „Die Motivation nimmt aber nicht ab, sondern sie wird spezifischer. Ältere lernen vor allem das, was sie interessiert.”

Das kann auch ein Musikinstrument sein. „Erwachsenen Schülern geht es nicht darum, Konzertpianist zu werden, sie wollen zum Beispiel endlich selbst ein ganz bestimmtes Stück spielen können”, sagt Claudia Wanner, Sprecherin des Verbandes deutscher Musikschulen. Der Anteil der über 60-Jährigen an den Schülern der öffentlichen Musikschulen ist mit knapp 15 800 oder 1,5 Prozent klein, hat sich innerhalb der vergangenen zehn Jahre aber mehr als verdoppelt. „Wir stellen ein zunehmendes Interesse älterer Wieder- und auch Neueinsteiger fest”, sagt Wanner.

Scheu vor einem Infogespräch an der Musikschule muss niemand haben, erwachsene Schüler seien ebenso willkommen wie Kinder. Die Schulen beraten auch, welches Instrument passen könnte: „Das Klavier zum Beispiel hat den Vorteil, dass man beim Musizieren immer sitzen kann.” Die Finger mögen manchmal schon etwas steifer sein, dafür sei die Motivation zum Üben oft größer als bei manchen jungen Schülern.

Auch die Kölner Seniorenstudenten beeindrucken Geschäftsführerin Miriam Haller immer wieder durch ihre Hartnäckigkeit und Ausdauer. Wenn Probleme auftreten, hängen sie meist mit der Studienorganisation zusammen: „Manche belegen zu viele Veranstaltungen und unterschätzen den Aufwand für die Vor- und Nachbereitung”, sagt Haller. „Oder kommen in Zeitprobleme, wenn es darum geht, das Studium mit den übrigen Aktivitäten unter einen Hut zu bringen.” Mit dem Alter habe das nichts zu tun: Das seien Schwierigkeiten, mit denen 19-jährige Erstsemester auch kämpfen.

(dpa)
Mehr von Aachener Zeitung