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Kampf gegen Ärztemangel: Privatuni, Modellstudiengang und kein NC

Kampf gegen Ärztemangel : Privatuni, Modellstudiengang und Abschied vom NC

Dass Deutschland unter einem Fachkräftemangel leidet, ist auch im Gesundheitssektor nicht neu. Immer öfter müssen sich Pflegepersonal und Mediziner einer steigenden Arbeitsbelastung stellen. Damit sich diese Problematik in der Zukunft nicht noch weiter verschärft, arbeiten Verantwortliche eifrig an Lösungsmöglichkeiten. Auch rund um das Medizinstudium gibt es einige Neuerungen.

Medizinstudenten: Der Nachwuchs reicht nicht aus

Dass Medizinstudium gehört zu den wohl begehrtesten Studiengängen in Deutschland. Jahr für Jahr bewerben sich zahlreiche Schulabsolventen auf einen Studienplatz und landen dabei nicht selten auf langen Wartelisten. Wer über die Wartezeit in das Studium findet, hofft nicht selten schon jahrelang.

Dabei gibt es zum Wintersemester 20/21 in Deutschland laut Statistik insgesamt 101.712 Medizinstudierende. Dies entspricht einer Erhöhung von rund 25 Prozent im Vergleich zum Jahr 07/08. Jährlich schließen in der Bundesrepublik etwa 10.000 Menschen das Medizinstudium ab. Auf 100.000 Einwohner kommen folglich zwölf Absolventen. Damit unterschreitet Deutschland den OECD-Durchschnitt von 13,1 Absolvent*innen je 100.000 Einwohner.

Dass der Nachwuchs möglicherweise nicht ausreicht, um den Ärztemangel aufzufangen, liegt an einer Dynamik: Viele aktiv tätige Mediziner werden in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen. Sie hinterlassen dabei Lücken, welche sich mit den derzeitigen Zahlen nicht werden schließen lassen können. Folglich gibt es zusätzlich zu weiteren Maßnahmen wie der Beschäftigung von Medizinern aus dem Ausland auch geplante und bereits umgesetzte Änderungen im Bereich des Medizinstudiums.

Thüringen: Eine private Hochschule für Erfurt

Zum Sommersemester 2022 soll es in Erfurt losgehen: Eine neu gegründete private Medizinhochschule in Erfurt wird aller Voraussicht im ersten Semester 90 Studenten aufnehmen. Dies berichtete das Wissenschaftsministerium gemeinsam mit der Health and Medical University GmbH, welche die Einrichtung betreiben wird. Von der neuen Hochschule erwarten sich die Beteiligten ein deutliches Plus für die Studienplätze in Thüringen. Künftig sollen hier nicht nur Humanmediziner, sondern auch

  • Psychologen
  • Psychotherapeuten
  • und Hebammen

studieren. Doch die private Hochschule ist, wie es ihr Name bereits verrät, eine nichtstaatliche Einrichtung. Aus diesem Grund müssen Studenten im Fach Humanmedizin mit monatlichen Gebühren in Höhe von rund 1.500 Euro rechnen. Wie die Health and Medical University GmbH anmerkt, bestehen verschiedene Möglichkeiten, um diese Investition mit Förderung und Finanzierung zu stemmen.

Zusätzlichen Schub für die Medizin in Thüringen wird ein Ausbau der Studienplätze an der Universität Jena bieten. Hier bewerben sich derzeit rund 95 Menschen auf einen einzigen Studienplatz. Schon im Herbst 2021 nimmt die Universität statt 260 künftig 286 Medizinstudenten auf. Das entspricht mit 26 zusätzlichen Plätzen einem kleinen Plus, bedeutet jedoch einen Schritt in die richtige Richtung. Welche deutschen Universitäten ein Medizinstudium ebenfalls anbieten und alles, was rund um dieses Thema sonst noch wichtig ist, ist hier zusammengefasst.

Bielefeld: Gründung der Medizinischen Fakultät Ostwestfalen-Lippe

Bereits 2017 entschied sich die Nordrhein-Westfälische Landesregierung für die Gründung einer Einrichtung in Bielefeld. Die Medizinische Fakultät Ostwestfalen-Lippe, kurz Medizinische Fakultät OWL, entstand in enger Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld, welche das zugehörige Konzept entwickelte.

Eines der Hauptziele der Fakultät ist es, die Versorgung im Bereich Gesundheit auf dem Land zu optimieren. Zu diesem Zweck sehen die Verantwortlichen eine solide Vernetzung mit Lehrkrankenhäusern und Landarztpraxen vor. Das Konzept des Studiengangs ist dabei ein anderes als im sonst üblichen Regelstudium. Als Teilnehmer*in des Modellstudiengangs Humanmedizin erhalten Student*innen bereits ab dem ersten Semester direkten Einblick in die praktischen Aspekte des Medizinerberufs. Erfahrungen sammeln sie nicht nur in den drei Häusern

  • Klinikum Lippe,
  • Klinikum Bielefeld
  • und Evangelisches Klinikum Bethel,

sondern auch in den Praxen niedergelassener Ärzte.

Rund 60 Studenten werden schon am 11. Oktober 2021 ihr Studium an der Medizinischen Fakultät OWL aufnehmen. Insgesamt verfügt das Land Nordrhein-Westfalen nun über acht vom Staat getragene Universitäten, die einen Medizinstudiengang anbieten.

Bayern: Ohne Numerus Clausus zum Landarzt

Auch im Freistaat Bayern befürchten Experten die tendenzielle Verschlechterung medizinischer Versorgung auf dem Land durch den Ärztemangel. Es werden daher Überlegungen angestellt, welche Maßnahmen das Medizinstudium und die spätere Arbeit auf dem Land zusammenführen können. Dies Abschaffung des Numerus Clausus für bestimmte Studienplätze ist eine solche und tritt bereits zum Wintersemester in Kraft.

Doch nicht jeder kommt in den Genuss, die Abiturnoten bei der Bewerbung zum Studium links liegen lassen zu können: Voraussetzung ist eine Verpflichtung, nach dem Abschluss in einer bereits unterversorgten oder künftig unterversorgten ländlichen Region tätig zu werden. Grundlage ist ein Gesetz, das bereits 2019 verabschiedet wurde.

Dass dieses Konzept gut funktioniert und vor allem gut angenommen wird, bewies bereits die Einführung der Landarztquote in Nordrhein-Westfalen. Hier bewarben sich im Sommer 2020 auf einen Platz 16 Menschen. Im Winter zuvor kamen neun Bewerbungen auf einen Studienplatz.

Gänzlich ohne Zugangsprüfung kommen Bewerber aber auch bei dieser Option nicht an ihren Studienplatz. Die Experten der Universität Bayreuth und des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit legten fest, dass es sowohl Interviews als auch weitere Gespräche zur Prüfung praxisrelevanter Kompetenzen gibt. Hiermit soll sichergestellt werden, dass vor allem jene die Plätze erhalten, die sich persönlich besonders gut für den Arztberuf eignen. In diesem Jahr schafften es 130 Bewerber, sich einen Platz in Bayern zu sichern.

(vo)