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Berlin: Justitias Helfer: Ohne Fachangestellte geht im Gericht nichts

Berlin : Justitias Helfer: Ohne Fachangestellte geht im Gericht nichts

Wenn Dennis Schuck bei der Arbeit eine freie Minute hat, schmökert er in den Akten. Zuweilen sind die Urteile Dutzende Seiten lang, die er an seinem Arbeitsplatz, dem Berliner Kammergericht, auf den Tisch bekommt.

„Für den Laien sind viele Sachverhalte ganz eindeutig, für den Juristen aber nicht. Das fasziniert mich”, sagt der 26-Jährige. Schuck ist Justizfachangestellter. Paragrafen, Gesetze und Beschlüsse bestimmen seinen Arbeitsalltag. Er führt bei Verhandlungen Protokoll, telefoniert mit Bürgern, berechnet Gerichtskosten, verschickt Beschlüsse und kontrolliert die Einhaltung von Fristen.

„Ohne Justizfachangestellte würde die Arbeit an den Gerichten und Staatsanwaltschaften nicht funktionieren”, erklärt Nicole Helmer. Sie ist Ausbildungsleiterin am Amtsgericht in Frankfurt am Main. Die Mitarbeiter sorgen dafür, dass die Organisation im Gericht reibungslos klappt. Der Bedarf an Justizfachangestellten ist groß. Später arbeiten sie im Gericht oder bei Staatsanwaltschaften. Sie können aber auch bei Notaren, Rechtsanwälten, Banken und Versicherungen anheuern.

Wer sich für den Beruf interessiert, sollte mindestens über eine gute mittlere Reife verfügen, erläutert Werner Zock. Er ist Leiter des Fachbereichs der Justizfachangestellten am Oberstufenzentrum Recht in Berlin. Viele Auszubildende hätten aber auch Abitur. Bewerber brauchen gute Deutsch- und Mathekenntnisse. Außerdem sei Kontaktfreudigkeit gefragt. Die Fachkräfte sind in einem Verfahren die ersten Ansprechpartner für die Bürger. Und sie müssen sich häufig mit Staatsanwälten und Richtern absprechen.

Gerade der Kontakt mit den Bürgern ist laut Helmer das, was vielen Auszubildenden Spaß mache. Doch nicht immer sei der Umgang mit ihnen einfach. Geht es um Nachlässe, seien die Betroffenen oft sehr emotional, bei Strafprozessen teils wütend über die Urteile. „Ein Vater, der gerade sein Sorgerecht verloren hatte, rief einmal bei mir an und begann laut zu werden. Ihn musste ich erst mal beruhigen”, erzählt Schuck.

Neben solchen Soft Skills kommt es bei Justizfachangestellten vor allem auf Gewissenhaftigkeit an. Um ihre Arbeit richtig zu machen, müssen sie mit Gesetzestexten umgehen und die Vorschriften zur Berechnung von Gerichtskosten oder Fristen genau kennen. An der Berufsschule lernen sie die Grundlagen dafür. Sie werden weiter in das Zivil- und Strafrecht sowie in das Wirtschaftsrecht eingeführt, erläutert Zock. So setzen sie sich zum Beispiel mit Vertragsarten und Unternehmensformen auseinander. Außerdem lernten sie, wie sie Schriftstücke wie Vorladungen verfassen.

Im praktischen Teil der Ausbildung wechseln die Auszubildenden zwischen verschiedenen Sachgebieten und Gerichten. Später sind sie dann zum Beispiel mit Familienrecht genauso vertraut wie mit Nachlassrecht. „Ich war im ersten Lehrjahr in der Strafabteilung, konnte bei Verhandlungen dabei sein und mir Mordakten durchlesen. Das war natürlich etwas spannender als Mietstreitigkeiten im Zivilgericht”, erzählt die 22-jährige Katharina Krist. Sie ist am Amtsgericht in Frankfurt im dritten Lehrjahr. Anfangs sei es für sie schwer gewesen, die Gesetzestexte zu verstehen. Heute lese sie die Paragrafen fast wie ein Buch. „Man muss die Gesetze aber natürlich nicht auswendig kennen, nur wissen, wo was steht”, erklärt sie.

Während der Ausbildung bekommen Auszubildende laut der Bundesagentur für Arbeit im ersten Jahr etwa 807 Euro Vergütung, im zweiten rund 860 Euro und im dritten rund 910 Euro. Später richtet sich das Gehalt häufig nach den Tarifverträgen für den öffentlichen Dienst - in Berlin etwa können Justizfachangestellte je nach Vergütungsgruppe bis zu 2524 Euro im Monat verdienen.

Nach dem Abschluss gibt es viele Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln. Wer mit Abitur oder Fachabitur in die Ausbildung gegangen ist, könne ein Studium zum Rechtspfleger anschließen. Sie dürfen gerichtliche Entscheidungen etwa im Nachlass-, Betreuungs- oder Vormundschaftsrecht treffen. Viele Justizfachangestellte lassen sich auch zum Gerichtsvollzieher weiterbilden. Außerdem ist es möglich, in die Beamtenlaufbahn zu wechseln - dazu können Fachkräfte mit einem Jahr Berufserfahrung die verkürzte Ausbildung zum Justizfachwirt antreten.

Der Justizfachangestellte Schuck kann sich vorstellen, später eine Laufbahn zum Rechtspfleger und Gerichtsvollzieher einzuschlagen. „Momentan bin ich aber sehr zufrieden mit meinem Job”, sagt er. Ab und an brauche er zwar ein dickes Fell, wenn er etwa von einem schlecht gelaunten Richter angezählt werde. Doch im Gerichtssaal bei Verhandlungen das Protokoll zu führen und mitzuerleben, wie Zeugen und Beklagte reagieren, das sei einfach spannend.

(dpa)