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München/Paris: Im Ausland Gründen lernen: Erasmus für Jungunternehmer

München/Paris : Im Ausland Gründen lernen: Erasmus für Jungunternehmer

Erasmus - die meisten denken dabei an wilde Studentenpartys. Was viele nicht wissen: Auch für Jungunternehmer gibt es das europäische Austauschprogramm. Gefördert werden Existenzgründer, die im Ausland von erfahrenen Partnern lernen wollen.

Visnadi hat sich dort zum Praktikum beworben und gleich dazu noch für ein EU-Programm, das „Erasmus for Young Entrepreneurs” heißt. Die Europäische Union fördert damit junge Leute, die sich selbstständig machen wollen oder bereits ein kleines Unternehmen haben. „Die Motivation, ins Ausland zu gehen, ist bei jedem Bewerber eine andere”, sagt Kate Hach, die das Programm für Süddeutschland koordiniert. Die einen wollen einen Markt sondieren, in den sie mit ihrer Firma expandieren möchten. Die anderen haben gerade die Uni abgeschlossen und wollen die Praxis als Unternehmer kennenlernen.

Wie alt die Lernwilligen sind, sei egal, erklärt Hach: „Von 18 bis 80 kann sich jeder bewerben - wenn er Unternehmer ist oder zumindest einen Businessplan verfasst hat.” Entscheidend sei, dass jemand begründen kann, warum er in einem anderen EU-Land arbeiten will.

Bei Dimitri Visnadi lag die Sache auf der Hand: www.yoopies.com ist ein Start-up-Unternehmen in Paris, das bereits in mehreren Ländern eine Internet-Plattform betreibt, die Eltern und Betreuer zusammenbringt. Er hat nun für yoopies.com eine Seite für den deutschen Markt entwickelt, die den Gegebenheiten hierzulande angepasst ist. „Weil die Firma hier ein junges Unternehmen ist, habe ich gleich eine Menge Verantwortung bekommen”, erzählt Visnadi.

In seinem Fall passten Idee und Partnerbetrieb perfekt zusammen. Eine Recherche im Netz hat den Treffer ergeben. Wer nicht soviel Glück hat, kann aus einem Pool an bereits registrierten teilnehmenden Gastfirmen in ganz Europa wählen. Voraussetzung für die Aufnahme in die Datenbank: „Gastgebende Unternehmer müssen über mindestens drei Jahre Erfahrung als Geschäftsführer eines Unternehmens verfügen”, erklärt Hach. Außerdem sollten sie bereit sein, Einsicht ins Management zu gewähren.

An verschiedenen Orten in Deutschland gibt es Kontaktstellen für „Erasmus for Young Entrepreneurs”. In München ist das die Unternehmertum GmbH, das Gründerzentrum der Technischen Universität. „Wir überprüfen Bewerbungen und begleiten Teilnehmer während der Vorbereitung und der Austauschphase”, erzählt Hach. Existenzgründer bewerben sich über die Webseite des Programms erasmus-entrepreneurs.eu. Sie füllen ein Profil aus, laden ihren Lebenslauf hoch und legen einen Businessplan vor. Für bereits gegründete Unternehmen ist zusätzlich eine Finanzplanung für die kommenden zwei Jahre erforderlich. Außerdem darf das Unternehmen noch nicht länger als drei Jahre am Markt sein.

Mehr als 8000 Bewerbungen habe es EU-weit seit dem Start des Programms 2009 gegeben, sagt Arnaldo Abruzzini. Er ist der Generalsekretär von Eurochambers in Brüssel, der Dachorganisation der Industrie- und Handelskammern in Europa. Daraus seien bislang etwa 1600 Austausche mit gut 3200 Teilnehmern in 37 Ländern entstanden. Lohnend sei das Programm für beide Seiten: 94 Prozent der Existenzgründer und 85 Prozent der bestehenden Firmen berichten, dass das Programm ihnen helfe, ihr Geschäft zu starten oder zu erweitern. „Die jungen Gründer bringen eine Reihe neuer Ideen mit, die helfen können, Probleme bestehender Firmen zu lösen”, sagt Abruzzini.

Besonders viele Anfragen bekomme das Programm aus dem Medien-, Marketing- und PR-Bereich, dem Tourismus, von Architekten oder der Computerindustrie. Etwa acht Wochen dauere es von der Bewerbung bis zur Reise eines jungen Unternehmers, erklärt Hach.

„Die Bewerbung war ganz unkompliziert”, berichtet Visnadi. „Ich dachte, das würde sich lange hinziehen. Aber es dauerte nur wenige Wochen, bis ich in Paris war.” Die Austausche sind unterschiedlich lang - von vier Wochen bis zu sechs Monaten. Eine Aufteilung in mehrere Abschnitte sei möglich, sagt Hach. Beide erarbeiten außerdem einen Aktivitätsplan, in dem Dauer, Ziele, und Tätigkeiten festgelegt sind.

Visnadi sieht sein halbjähriges Praktikum als Investition in seine Zukunft. Die EU zahlt jedem Teilnehmer für die Dauer des Austausches einen festen monatlichen Betrag. Für Frankreich sind das zum Beispiel 900 Euro - eine Summe, mit der man in Paris nicht den ganzen Monat über die Runden kommt. Reisekosten sind in diesem Stipendium bereits enthalten. Sprachkurse müssten aus eigener Tasche bezahlt werden. Die Landessprache des Partnerunternehmens zu beherrschen, ist keine Voraussetzung für Bewerber. „Die Teilnehmer müssen halt einen Modus finden, sich miteinander zu verständigen.” Bei Visnadi ist das Englisch. Französisch lernt er vor Ort. „Wir strengen uns alle an, damit wir uns verständigen können.”

(dpa)