1. Leben
  2. Bildung und Beruf

Recklinghausen: Ein Talentscout sucht in Schulklassen die Zukunft der Republik

Recklinghausen : Ein Talentscout sucht in Schulklassen die Zukunft der Republik

Zur Bundeswehr möchte sie, bei der Marine studieren, am liebsten ein technisches Fach. Svenja Schwering, 18 Jahre alt, sitzt im Kuniberg-Berufskolleg in Recklinghausen bei Suat Yilmaz. Wirklich enthusiastisch wirkt sie noch nicht. Ob es wirklich ihr Traum ist, ob darin ihr Talent liegt, das möchte der 39-Jährige herausfinden. Denn Suat Yilmaz ist als Talentscout an den Schulen Nordrhein-Westfalens unterwegs.

Wer studiert, dessen Eltern haben meist auch studiert. 77 Prozent aller Akademikerkinder gehen zur Uni. Bei Kindern von Nichtakademikern sind es laut NRW-Wissenschaftsministerium nur 23 Prozent.

Damit sich das ändert, besuchen Suat Yilmaz und seine Kollegin Stefanie Strozyk von der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen die Schüler. Regelmäßig bieten sie seit Mai 2012 in derzeit 14 NRW-Schulen Beratungsstunden an. Was die Schüler wollen, wovon sie träumen, was sie gut können - das versuchen die Talentscouts mit den Schülern herauszuarbeiten.

Dass die Schüler später studieren, ist aber nicht zwangsläufig das Ziel der Talentförderer. „Wir sagen den Schülern niemals: „Du schaffst das nicht””, sagt Yilmaz. „Aber wir wissen auch, dass ein Studium sich nicht für jeden eignet.” Talente möchte er entdecken, helfen, Träume zu verwirklichen. Das kann auch in einer Ausbildung münden, dann vermittelt Yilmaz an Berufsberater. Wichtig sei, dass die Schüler lernen und tun, was ihnen Spaß macht, sagt Yilmaz: „Denn nur wer mit Spaß dabei ist, kann wirklich gut in etwas werden.”

So richtig konkret sind Svenjas Träume von ihrer Zukunft noch nicht. Doch gerade in diesem Punkt will Suat Yilmaz die Schüler unterstützen. „Wo siehst du dich in Zukunft, auch nach den Dienstjahren bei der Bundeswehr?”, fragt der Talentförderer die Schülerin. „Vielleicht in einer weißen Uniform an Bord eines Kreuzfahrtschiffes?” Noch sind ihre Pläne nicht ausgereift. Aber mit Yilmaz Anregungen weiß sie, wie es weitergehen soll: Bis Mitte Januar soll sie mit einem Berater der Bundeswehr gesprochen haben.

Beratung, aber auch Motivation will Suat Yilmaz den Schülern bieten. Die Herkunft der Schüler spielt dabei keine Rolle. „Ich will nicht in Kategorien wie mit oder ohne Migrationshintergrund denken”, sagt Yilmaz. Talent finde sich in allen Menschen, unabhängig von der Herkunft. Natürlich sei Integration auch ein zentrales Thema bei seiner Arbeit und eines, bei dem Bildung eine gewichtige Rolle spiele, sagt er. Das beschränke sich nicht auf Herkunftsländer der Schüler, ihrer Eltern oder Großeltern.

Unabhängig von Herkunft und Milieu sollen die Schüler von den Gelsenkirchener Talentscouts gefördert werden. Ab der 9. Klasse kann die Beratung einsetzen, meist treffen sie die Schüler aber in der 11. oder 12. Klasse. Die Unterstützung der Talentförderer endet jedoch nicht mit dem Eintritt ins Studium. Immer noch bekommt Yilmaz Anrufe von Studenten: Mal um sein Netzwerk für einen Praktikumsplatz zu nutzen, mal nur, um ihn auf dem neuesten Stand zu halten. Deutschlandweit sind sie mit diesem langfristigen Ansatz einzigartig.

Mehr als 500 Schüler hat der Talentscout in seiner Datenbank, beraten hat er noch viele mehr. Doch ihm genügt das nicht: Er wünscht sich, dass mehr Hochschulen Talentförderer wie ihn einsetzen. Und da er mit ganzem Herzen aus dem Ruhrgebiet stammt, darf all das gern von NRW ausgehen: „Wir haben allein im Ruhrgebiet mehr als fünf Millionen Menschen, da steckt jede Menge Talent drin.”

(dpa)