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Berlin: Wohnen wie in Italien: Mit Experimentierfreude einrichten

Berlin : Wohnen wie in Italien: Mit Experimentierfreude einrichten

So wie Deutschland weltweit für seine Ingenieurskunst bewundert wird, so verneigen sich Einrichtungsliebhaber vor dem Design aus Italien. Viele der Leuchten und Möbel, die italienische Designer gestaltet haben, stehen in den Sammlungen bedeutender Museen.

„Ich würde den italienischen Stil als entspannt-elegant mit Mut zum Experiment beschreiben”, sagt Claudia Neumann, die italienische Designfirmen in der Kommunikation berät und das Buch „Design Lexikon Italien” verfasst hat.

Im Gegensatz zum eher nüchternen skandinavischen Stil haben Einrichtungsprodukte aus dem Süden immer eine künstlerische, poetische Note. Die Möbel sprechen vor allem Individualisten an, die viel Liebe zu Kunst und Kultur mitbringen. Revolutionär waren etwa Plastikmöbel wie die Container-Serie „Componibili” von Anna Castelli Ferrieri (Kartell). Die multifunktional einsetzbaren Baukastensysteme wirken wie Dosen. Gio Pontis Stuhl „Superleggera” sieht hingegen sehr leicht und filigran aus - und ist daher auch heute noch ebenso modern wie elegant.

Seine Hochzeit hatte das italienische Design in den 60er und 70er Jahren. Zu den auf der ganzen Welt bekannten Größen gehören Franco Albini, Enzo Mari, Joe Colombo, Vico Magistretti, Achille Castiglioni und Ettore Sottsass. „Die „Grandi Maestri” genießen in Italien bei den jüngeren Kollegen großen Respekt und werden geradezu verehrt”, erklärt Neumann. „Viele der heute erfolgreichen Designer einer jüngeren Generation haben bei den „Alten” gelernt: Konstantin Grcic bei Castiglioni, Patricia Urquiola bei Vico Magistretti, Ferruccio Laviani bei Michele De Lucchi.”

Das Triennale Museum in Mailand würdigte die großen Meister 2013 in einer umfangreichen Ausstellung. Dass deren Werke nun Museumsstücke sind, sagt aber auch etwas über die Relevanz des Stils aus. Die goldene Zeit des italienischen Designs ist Vergangenheit. Doch wie sieht Einrichtung aus Italien heute aus?

Die neue Generation hat Schwierigkeiten, Glanzpunkte zu setzen. „Die Masse der schon existierenden Produkte macht es für die junge Generation ungemein schwierig, etwas wirklich Innovatives und Kreatives zugleich zu erschaffen”, erläutert Claudio Feltrin, CEO des Herstellers Arper. „Obwohl die Produktionstechnologie heutzutage viel einfacher zugänglich ist, so ist doch die neue Herausforderung für junge Designer, etwas zu entwerfen, das eine wirkliche Relevanz und eine signifikante Funktion verbindet.”

Der derzeit wichtigste Vertreter einer jüngeren Generation ist Luca Nichetto. Auf der diesjährigen Möbelmesse IMM in Köln war der Designer eingeladen, ein ganzes Haus nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Er stellte Design-Klassiker wie das Regal „Veliero” von Franco Albini oder Joe Colombos Schreibtischcontainer „Boby” neben seine eigenen Arbeiten und die von jüngeren Kollegen. „Ich wollte zeigen, dass die Entwürfe meiner Generation neben der alten Meister bestehen können”, sagt Nichetto.

Er glaubt, dass sich das Design seiner Generation trotz der Übermacht der Tradition und der schwierigen Marktbedingungen behaupten kann. Das liegt auch daran, dass die Jungen von den positiven Folgen der Globalisierung profitieren können. „Viele ältere Designer haben einen klar erkennbaren Stil kreiert”, erläutert Nichetto. „Meine Generation kennt keine stilistischen Grenzen. Wir sind offen, auch weil wir uns viel stärker in einem internationalen Umfeld bewegen.”

Nichetto selbst lebt in Venedig und Stockholm. Er verbindet in seinen Entwürfen für Hersteller wie Venini, Gallery Pascale oder Salviati unterschiedliche Kulturen und Traditionen und entwickelt mit dem uralten Material Glas eine zeitgemäße Formensprache. Bei seinem Entwurf „Stewie” für Foscarini verwendet Nichetto auf ungewöhnliche Art Textilien. Unter Wärmeeinfluss formbares Polyethylen wird mit Stoff überzogen. Das Material wirkt so weich und warm. Die Leuchte selbst ist konkav geformt.

Großen Anteil an der Produktgestaltung haben in Italien die Herstellerfirmen. Sie gehen Projekte ebenso wagemutig und kreativ wie die eigentlichen Gestalter an. „Italien zeichnet sich durch die industrielle Tradition italienischer Handwerkskunst aus, durch eine hohe Fertigungskompetenz und durch die Fähigkeit, einen Entwurf industriell ? unter Einbeziehung der Bedürfnisse des Marktes ? zu interpretieren”, sagt Claudio Feltrin. Die Unternehmen sind bereit, auch Entwürfe umzusetzen, von denen andere glauben, sie seien nicht machbar oder nicht zu verkaufen. Und das zieht auch viele Designer in das Land.

Ein Beispiel für so eine Firma ist Mattiazzi aus dem Friaul. Das Familienunternehmen ist Spezialist für Holz und entwickelt bislang unbekannte Möglichkeiten, das Material zu verarbeiten. Zum Einsatz kommen dabei traditionelle Handwerkskunst genauso wie moderne computergesteuerte CNC-Technik. So entstehen faszinierende Produkte, wie die Stuhlserie „Osso” der Brüder Bouroullec aus Frankreich. Die Stühle sehen aus, als seien sie aus einem Stück gearbeitet. Tatsächlich gibt es Verbindungen zwischen den einzelnen Teilen, nur sind sie absolut unsichtbar.

Der aktuelle italienische Einrichtungsstil ist eine Absage an Wohnstereotypen. So experimentiert etwa Patricia Urquiola bei ihren Polstermöbeln für Moroso mit Textilien. Die Sitzschale des Sessels „Mafalda” hat Wellen, die durch eine besondere Drucktechnik entstehen. Naoto Fukasawas Sesselserie „Papilio” für B&B Italia ist hingegen ein Beispiel dafür, wie puristisch der Stil der Italiener auch sein kann. Die traditionellen Elemente eines Sessels - Füße und Armlehnen - sind komplett verschwunden. Übrig bleibt nichts anders als die pure Form und vollendete Eleganz.

(dpa)