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„Wohne lieber ungewöhnlich“ – Teil 8 der Serie​

„Wohne lieber ungewöhnlich“ – Teil 8 : Ja, da wohnt tatsächlich jemand drin!

Jeder kennt es, Aachener sowieso. Und fast jeder hat sich schon mal beim Vorbeifahren gefragt: Was verbirgt sich hinter der dunkelgrünen Tür des kleinen Zollhauses an der Königstraße 75, Ecke Junkerstraße? Wir lüften das Geheimnis.

Ein freistehendes Einfamilienhaus in top City-Lage mit eigenem Parkplatz sowie Garten zur alleinigen Nutzung – das sind erst einmal die nüchternen Fakten zu diesem einzigartigen Objekt in unmittelbarer Nachbarschaft zum „Langen Turm“. Doch genau wie das höchste Bauwerk der äußeren ehemaligen Stadtmauer beherbergt auch das kleine Zollhaus Königstor an der mittelalterlichen „Via Regia“ nicht nur eine interessante Geschichte und einige Überraschungen, sondern seit 1945 auch immer wieder wechselnde Bewohner.

Im Jahre 2009 erwarb der Aachener Werner Jacobs die klassizistische Immobilie, der Zufall wollte es so. Jacobs entdeckte die Verkaufsanzeige in der Samstagsausgabe der Aachener Zeitung und kontaktierte den Eigentümer per Telefon. Er war der erste – es gab noch neun weitere Interessenten – und erhielt den Zuschlag. „Ich habe mit dem Besitzer auch nicht groß verhandelt“, gesteht er. Zwei Tage später war die Sache unter Dach und Fach, oder besser gesagt: Das Zollhaus Königstor gehörte Werner Jacobs. Noch im Jahr des Kaufes hat Werner Jacobs das Anwesen aufwändig saniert, es hatte tatsächlich ganze elf Jahre leer gestanden. „Das war ein richtiges Loch“, erinnert er sich.

Wer an die grüne Tür an der Königsstraße klopft, der wartet meist vergeblich auf Einlass. Wenn man Glück hat, hören die Bewohner die Klopfgeräusche und blicken aus dem seitlichen Küchenfenster. Denn der vordere Eingang ist nichts anderes als schöner Schein. Das gesamte Häuschen steht unter Denkmalschutz, so dass an der Fassade nichts verändert werden darf. Erst, wer den Weg entlang des Stellplatzes durch ein schmiedeeisernes Tor auf das 141 Quadratmeter große begrünte Grundstück findet, dem offenbart sich der zweite „richtige“ Zugang zum Zollhaus Königstor. Doch halt!

Es wäre ein kulturelles Vergehen sofort einzutreten – nicht nur wegen des alten Baumbestandes rings um die Immobilie, vielmehr, weil sich das Gebäude auf der Rückseite an einen Rest der historischen Stadtmauer, die Ende des 12. Jahrhunderts als zweiter innerer Mauerring erbaut wurde, schmiegt. Die Lage hat einen bestimmten Grund: Das Zollhaus diente einst als Wachhaus zur Unterbringung der Wachmannschaft, die die Kontrollstellen zur Zollerhebung besetzte. Bis ins 20. Jahrhundert befand sich dort eine Steuererhebungsstelle mit städtischem Steueraufseher. Nach 1945 zog ein Milchgeschäft ein, und heute nun ein junges Pärchen.

Im Inneren des Bauwerkes, das im Jahr 1836 vom Aachener Stadtbaumeister Franz A. Leydel (von ihm stammt auch der Hotmannspief-Brunnen) errichtet wurde, fallen als erstes die grünen, terracottafarbenen und beigen Tonplatten ins Auge – original aus dem 19. Jahrhundert, versteht sich –, die den Boden des Eingangsbereiches sowie der Küche bedecken. Daneben liegt auch ein rund 150 Jahre alter Steinboden im Badezimmer. Als das Bad im Jahr 2009 renoviert wurde, hat der Eigentümer Herr Jacobs Wert darauf gelegt, historische antike Materialien zu integrieren.

Eichenparkett wurde für die anderen Zimmer als Bodenbelag benutzt. Moment mal, andere Zimmer? Plural? Exactement! Das Wohnzimmer neben der Küche und – was keiner erwartet von der Straßenansicht des Zollhauses – das obere Stockwerk. Von der Küche ragt eine tannengrüne Treppe in die erste Etage, und wie es sich für eine fast 200 Jahre alte Holzanfertigung gehört: leicht schief, mittig abgelaufen, etwas abgesackt und wundervoll knarrend.

In der „Beletage“ ist Raum für zwei Schlafzimmer oder, wie es sich die jetzigen Mieter eingeteilt haben, für einen Schlaf- und einen Hobbybereich mit je zwei schmucken Fenstern in Form eines Dreiviertelkreises. Doch damit nicht genug: Denn wenn es nach oben geht, warum sollte es dann nicht auch noch nach unten gehen? Eine ebensolche tannengrüne Treppe führt von der Küche in den „Wein- und Vorratskeller“, wie das Gewölbe liebevoll von Herrn Jacobs genannt wird. Herrn Jacobs‘ ganzer Stolz ist dieses Häuschen mit der Nummer 75 an der Königsstraße. Ihm ist stets daran gelegen, das alte Aachen und die alte Zeit zu erhalten: „Ich liebe solche Häuser. Und das Zollhaus ist ein besonderes Schätzchen.“ Und dank Werner Jacobs ist aus dem alten Schätzchen wieder ein Schmuckkästchen geworden ...

Hier geht es zur Bilderstrecke: Leben im kleinen Zollhaus Königstor