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Langenburg/Graz: Gärtnern mit dem Mondkalender: Esoterik oder nützlicher Einfluss?

Langenburg/Graz : Gärtnern mit dem Mondkalender: Esoterik oder nützlicher Einfluss?

Dem Mond werden geheimnisvolle Kräfte zugesprochen. Er soll den Schlaf rauben können, Geburten beschleunigen und Diäten oder Operationen beeinflussen. Auch im Garten wird er gerne als Helfer genutzt. Seit Jahren gibt es einen boomenden Markt für Mondkalender. Darin können Hobbygärtner Anleitungen und Ratschläge finden, wann sie im Mondverlauf welche Aufgaben erledigen sollen.

Was steckt dahinter? Die Anziehungskraft des Mondes wirkt sich auf Wasser aus. Das kennt man von den Gezeiten der Meere, erläutert Manfred Neuhold, Kulturanthropologe und Fachbuchautor aus Graz. Diese Kraft wirke sich auch auf die auf- und absteigenden Säfte der Pflanzen aus. Daraus wird abgeleitet, wann der richtige Zeitpunkt für bestimmte Arbeiten ist.

Versuche im Obstbau haben laut Neuhold gezeigt, dass ein Schnitt bei Vollmond die Bäume im darauffolgenden Jahr eher verkümmern lässt und sie weniger Früchte tragen. „Gut ist der Schnitt aber bei Neumond”, sagt der Autor eines Mondkalenders. Denn dann sind die Adern nicht so prall mit Wasser gefüllt, und folglich tritt weniger Saft aus den Schnittwunden aus.

Einer der neuzeitlichen Pioniere des Mondkalenders bei der Gartenarbeit war Rudolf Steiner (1861-1925), Begründer der Anthroposophischen Gesellschaft. Er empfahl die Aussaat einige Tage vor Vollmond. Dann drängt das Wasser besonders stark in die Blätter, erläutert Neuhold. Eine weitere Expertin, Lili Kolisko (1899-1976), griff die Theorie Steiners auf und legte Versuche an. Sie beobachtete, dass zwei Tage vor dem Vollmond ausgesäte Gemüse, Kräuter, Getreide und Zierpflanzen besser keimten und größer wuchsen.

Die Idee vom Einfluss des Mondes auf die Natur und den Menschen geht mindestens bis auf die Römer zurück, erläutert der Kulturanthropologe. Brunhilde Bross-Burkhardt, promovierte Agrarwissenschaftlerin und Fachbuchautorin aus Langenburg (Baden-Württemberg), berichtet, dass es in 500 Jahre alten Büchern Hinweise gibt, dass die Menschen den Einfluss des Mondes und der Planeten auf Pflanzen beachteten. „Aber dann glaubte niemand mehr an Mond- und Gestirnseinflüsse, es hat Jahrhunderte nach der Aufklärung niemanden interessiert.”

Erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts entdeckten anthroposophisch orientierte Gärtner die Vorstellungen von den Mond- und Gestirnskonstellationen wieder, überprüften die Theorien und interpretierten sie laut Bross-Burkhardt neu. Seit den 1980er Jahren boomen Mondkalender in den Ratgeber-Abteilungen der Buchhandlungen.

Untersucht wurde zunächst vor allem die Frage, ob der Mond durch seine Lichtwirkung Pflanzen besser gedeihen lassen kann. Aber wie bei gesundheitlichen Aspekten auch sei der Einfluss des Mondes auf die Pflanzen nicht gesichert wissenschaftlich belegt, sagt Kritikerin Bross-Burkhardt. Er könne in den meisten Punkten auch nicht wissenschaftlich belegt werden, weil das physikalisch schlicht nicht möglich ist. „Theoretisch ist der Einfluss des Mondlichts denkbar. Aber es ist im Vergleich zum Sonnenlicht so schwach, dass der Einfluss auf das Wachstum daher völlig zu vernachlässigen ist.”

Fachbuchautor Neuhold erklärt, dass sich „ein großer Teil des Wirkungskomplexes des Mondes nicht naturwissenschaftlich exakt nachweisen lässt beziehungsweise niemand dafür nötige Forschung finanziert”. Vielmehr handele es sich bei den Informationen des Mondkalenders um „tradiertes Erfahrungswissen”. Und er ergänzt: „Beim Gärtnern mit dem Mondkalender kommt es natürlich nicht bloß auf den richtigen Zeitpunkt nach dem Mondkalender an. Es müssen auch die Witterung und der Boden - und noch so manches andere - passen.”

Der große Teil der Mondkalender bezieht die Tierkreiszeichen mit ein. Viele berufen sich auf die Angaben von Maria Thun (1922-2012). Sie ging davon aus, dass der Mond zu bestimmten Zeiten an bestimmten Tierkreisbildern vorbeizieht und sich zu diesen Konstellationen der Planeten bestimmte Kräfte auf die Pflanzen spiegeln. Ein Beispiel: Steht der Mond vor den Sternbildern Stier, Jungfrau und Steinbock, begünstige das die Wurzelbildung. Auf die Bildung der Früchte könne sich der Mond vor den Sternbildern Widder, Löwe und Schütze auswirken.

Über diese Theorie wird besonders kontrovers diskutiert. Laut Bross-Burkhardt widerspricht diese Vorstellung jeglicher naturwissenschaftlicher Kenntnis. Wissenschaftler befassten sich damit gar nicht erst. „Das ist reine Esoterik”, sagt die Agrarwissenschaftlerin, die vor langer Zeit einmal einen Kurs bei Maria Thun besucht hat. „Das entspricht dem Glauben an Horoskope.” Mondbuchautor Neuhold stimmt dem zu: „Sternzeichen gehören zur Astrologie und haben mit dem Mondkalender nichts zu tun.” Allerdings betont er, dass Sternbilder, die der Mond auf seiner Bahn um die Erde durchläuft, sehr wohl eine Bedeutung hätten.

Doch trotz aller Kritik schreibt Bross-Burkhard Mondkalender, die im Handel erhältlich sind, nicht ganz ab: „Auch wenn es vor allem ein Geschäftsmodell ist: Dahinter stehen oft Menschen, die wissen, wie man mit Pflanzen umgeht”, sagt sie. „Man kann sich daher schon an den Mondkalender halten. Es ist nicht komplett verkehrt, was darin steht.” Denn wie jeder Gartenratgeber auch listet ein Mondkalender saisonal ohnehin übliche Aufgaben auf.

So sieht das auch Isabelle Van Groeningen von der Königlichen Gartenakademie in Berlin-Dahlem: Der Mondkalender helfe auf jeden Fall dabei, zu entscheiden, welche Aufgaben an dem betreffenden Tag im Garten ausgeführt werden sollten. Als Beispiel nennt die Gartengelehrte: an einem Wurzeltag Radieschen aussäen.

Auch Bross-Burkhardt hält viel von dieser Idee: Der Mondkalender könne gut als eine Art Gedankenstütze dienen. Allerdings müssten sich Hobbygärtner nicht genau an tägliche Vorgaben halten. Und: „Hobbygärtner sollten sich bei ihrer Gartenarbeit zuallererst nach dem Wetter, den Bodenverhältnissen und den normalen Abläufen richtigen - so wie es die Profis auch tun.”

(dpa)