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Berlin: Die Kunst des Ikebana: Ideen der japanischen Floristik

Berlin : Die Kunst des Ikebana: Ideen der japanischen Floristik

Wer in Deutschland einen Blumenstrauß kauft, will für sein Geld möglichst viele Blüten und aufwendige Formen bekommen. Gestecke für die Festtafel oder den Empfang werden über und über mit Blüten besetzt. In Japan geht es nicht um Anzahl der Blüten oder auffällige Farben. Fast puristisch wirkt Ikebana, eine japanische Kunst des Blumensteckens. Manchmal sieht man nur zwei Blüten und einen Zweig, die nicht mal wie gewohnt zusammengebunden sind.

Hier trifft das Sprichwort zu: Weniger ist mehr. Denn bei Ikebana geht es darum, lieber nur wenig zu sehen, aber dabei jede einzelne Blüte betrachten zu können und ihre Schönheit sowie vielleicht auch ihre Macken auszumachen. „Erst genaueres Schauen lässt die Vielfalt der Pflanzen in Linie, Farbe und Form, in Oberfläche, Größe und Charakter erfahren”, erklärt Marianne Pucks, Mitglied der Berliner Sektion von Ikebana International.

In einer flachen, mit Wasser gefüllten Schale werden die Blumen mit Hilfe eines Kenzans fixiert. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Die Leiterin einer eigenen Ikebana-Schule nimmt sich dafür viel Zeit beim Stecken, dreht und wendet die Pflanzen, um sie in die beste Betrachtungsposition im Gesteck zu bringen. Dafür gibt es klare Regeln. Es gibt drei Gestaltungsebenen: den Himmel, die Erde und die Menschheit. In der einfachsten Variante werden bei Ikebana nur drei Teile so geschnitten und in einer Vase oder einer Schale drapiert, dass sie diese drei Ebenen abbilden. „Die oberste steht für den Himmel, die mittlere für die Erde, die unterste für den Menschen”, erklärt Pucks die Grundregel.

Marianne Pucks aus Berlin beherrscht die Kunst des Ikebana und zeigt ihre Werke sogar in Ausstellungen. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Anfänger können das zum Beispiel umsetzen, indem sie einfach drei unterschiedliche Tulpen in drei Längen nehmen. Diese werden aufrecht mit Hilfe eines Kenzans - eines Blumenigels - in eine flache, mit Wasser gefüllte Schale gestellt. Eine etwas schwierigere Variante besteht aus zwei Zweigen und drei gleich langen Rosen. Letztere bilden gemeinsam die unterste Ebene, der hohe Zweig die oberste. Und der zweite Zweig wird so schräg gestellt, dass er mittelhoch im Gesteck positioniert ist.

In Seminaren lehrt Marianne Pucks die Gestaltungsregeln des Ikebana. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

„Je unterschiedlicher und ungewöhnlicher das Material ist, desto spannender wird es”, betont Pucks. Dafür wird genommen, was die Natur je nach Jahreszeit zu bieten hat - also die Pflanzen, die gerade im Garten Hochsaison haben, oder das, was man etwa bei Spaziergängen findet. Denn Ikebana - vor allem die klassischen Stile - will in der Jahreszeit bleiben.

Die Ikebana-Meisterin Marianne Pucks überlegt beim Gestalten von Gestecken nach Ikebana genau, wo sie Äste abschneidet und wie der Rest dann noch wirkt. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

„Man sagt, Ikebana lernt man mit den Füßen”, sagt Jörg Löschmann vom Ikebana-Bundesverband. Man wandert und schaut sich die Natur an. Auch die Formen können das ausdrücken: Für den Frühling stehen kräftige Kurven, der Sommer ein eher ausladendes Gesteck, erklärt Pucks. „Der Herbst ist dagegen ein spärliches, dürres Arrangement und der Winter schlafend und düster.”

Diese Grundform bauen Ikebana-Künstler natürlich zu allen möglichen Formen und Gestecken aus. Sogar riesige Installationen für Ausstellungen entstehen. Denn eigentlich ist Ikebana weniger Floristik, sondern eher eine Gestaltungskunst, sagt Löschmann. Viele der Gestecke wirken auch wie Skulpturen.

Aber dafür braucht es eine lange Ausbildung: Über Jahre eignet man sich in Kursen Basiswissen an, wird darin geprüft und erhält Diplome, erzählt Pucks. Man muss die Linienführung beherrschen und wissen, wie man das Beste aus den Pflanzen herausholt. Darauf deutet schon der Name Ikebana hin - die japanischen Zeichen für den Begriff stehen laut der Ikenobo Ikebana Gesellschaft Deutschland West für: „Blumen zu ihrer eigentlichen, schönsten Gestalt erwecken”.

Verschiedene Schulen und damit Stile haben sich im Laufe der Zeit herausgebildet. Während Pucks mit der Sogetsu-Schule der modernsten und damit liberalsten Richtung angehört, die sogar Materialen wie Plastik und Metall sowie avantgardistische Stile zulässt, folgen Löschmanns Arbeiten den Regeln der klassischen Ikenobo-Schule, des Stammbaums des Ikebana.

Für ihn ist es besonders wichtig, dass die Pflanzen in ihrem natürlichen Zusammenhang verwendet werden. „Im Handel bekommt man oft Blumen ohne ihre Blätter”, erklärt Löschmann. Beim Ikebana sollten sie aber möglichst mit verwendet werden. „So sieht nun mal eine Blume in der Natur auch aus.” Und ihr Zusammenhang muss stimmen: Will er in einem Gesteck eine Gebirgslandschaft abbilden, greift Löschmann etwa zu Latschenkiefern.

So kompliziert das alles klingen mag: Wer Ikebana erlernen möchte, kann schon in der ersten Unterrichtsstunde ein Gesteck anfertigen und mit nach Hause nehmen, erklärt Löschmann, der Kurse an einer Volkshochschule gibt. Auch bei Pucks sind Tagesseminare möglich.

(dpa)