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Aldenhoven/Aachen: Von den Tiefen des Bergwerks ins Weltall

Aldenhoven/Aachen : Von den Tiefen des Bergwerks ins Weltall

Wo einst gut 40 Jahre lang wertvolle, energiereiche Steinkohle aus tiefen Flözen und Schächten ans Tageslicht geholt wurde, ist von dieser dunklen Vergangenheit fast nichts mehr zu erahnen. Die überirdischen Zeugnisse wie der mächtige Betonförderturm sind längst gesprengt und entsorgt. Die riesige Bergehalde in der Nähe weist noch auf die frühere industrielle Nutzung hin.

Zudem wurde im Eingangsbereich ein Kohleförderwagen platziert — ein bescheidener Erinnerungsposten an die damalige große Zeit. Und so hat auch Dr. Frank-Josef Heßeler (34) diese Ära, die vor mehr als 20 Jahren — am 18. Dezember 1992 — auf der Zeche Emil Mayrisch des Eschweiler Bergwerks-Vereins (EBV) zu Ende ging, natürlich nicht miterlebt. „Ich kenne das Gelände nur als Brache“, erzählt der junge Oberingenieur am Institut für Regelungstechnik (IRT) der RWTH Aachen bei einem Ortstermin.

50-Meter-Riese: Frank-Josef Heßeler am Fuß des einzigen Pseudoliten, der neugebaut werden musste.
50-Meter-Riese: Frank-Josef Heßeler am Fuß des einzigen Pseudoliten, der neugebaut werden musste. Foto: Berthold Strauch

RWTH Aachen stark engagiert

Noch ein wenig provisorisch verkabelt: die von der Bremer EADS Astrium gebauten Spezialempfänger. Das Unternehmen fertigt auch die Satelliten.
Noch ein wenig provisorisch verkabelt: die von der Bremer EADS Astrium gebauten Spezialempfänger. Das Unternehmen fertigt auch die Satelliten. Foto: Berthold Strauch

Jetzt liegt es an dem gebürtigen Bad Honnefer, der in Langerwehe lebt, den seit dem Ende des Bergbaus im damaligen Aachener Revier vielbeschworenen Strukturwandel ein ganz entscheidendes Stück anzuschieben und damit zum Erfolg zu führen.

Aus dem Bergwerk im Ortsteil Siersdorf der Gemeinde Aldenhoven ist ein Industriepark geworden — der immer noch reichlich Platz für Neuansiedlungen bietet. Eine Handvoll Betriebe sind die Pioniere auf dem riesigen Areal.

Für den erhofften, vielversprechenden Durchbruch steht insbesondere ein Begriff: ATC. Dahinter steckt ein attraktives Stück Hochtechnologie, an der die Aachener Eliteuniversität kräftig mitgestaltet. Denn unter Federführung der RWTH nimmt das Aldenhoven Testing Center, so die Erklärung dieser Abkürzung, in gut einer Woche eine wichtige Hürde: den offiziellen ersten Spatenstich für das neue Mobilitäts-Testzentrum für die nächste Fahrzeug-Generation, das dort entstehen soll. Heßeler arbeitet bereits seit 2008 an diesem Projekt mit. Es geht um die Verbesserung der aktiven und passiven Fahrzeugsicherheit durch die Entwicklung und Erprobung moderner Assistenzsysteme. Ferner werden Forschungsvorhaben hybride Antriebskonzepte und Brennstoffzellensysteme zum Thema haben, genauso wie Fragestellungen der Elektromobilität.

In der ersten Bauphase wurde dort bereits die sogenannte Fahr-Dynamikfläche aus dem Boden gestampft. Sie ist 38.000 Quadratmeter groß und kreisrund, bei einem Durchmesser von 210 Metern. Seit 2009 ist sie in Betrieb.

Action auf der Filmautobahn

Deren Bau war eine echte technische Herausforderung: Zu den Vorgaben der Ingenieuren gehörte eine höchste Ebenheit, eine gleichmäßige Verdichtung und erstklassige Oberflächeneigenschaften des Asphalts. Auf dem Kreisel sind Testfahrzeuge der Aachener Hochschule unterwegs. Aber auch Automotive-Dienstleister wie die Aachener FEV oder TRW aus Koblenz nutzen die Versuchsfläche etwa für Fahrwerksabstimmungen.

Nichts zu tun mit dem ATC hat übrigens die unmittelbar benachbarte „Filmautobahn“, auf der zum Beispiel RTL häufig Szenen seiner Actionserie „Alarm für Cobra 11“ drehen lässt.

Aber ähnlich hitzig dürfte es ab Anfang 2014 auch im ATC zugehen. Dafür gebaut werden ein rund zwei Kilometer langer Ovalkurs mit Steilkurven, die einen Neigungswinkel von bis zu 50 Grad aufweisen werden, der das ATC quasi umschließt, eine Bremsstrecke, eine Schlechtwegstrecke, eine „Handlingstrecke“ — ein kleiner Rundkurs mit verschiedenen Radien, der das Testen des Fahrverhaltens und Fahrwerks in Extremsituationen wie auf einer Rennpiste erlaubt — sowie eine Hügellandschaft mit Anstiegen von fünf, zwölf und 30 Prozent errichtet.

Rund 9,5 Millionen Euro werden in die Realisierung des Aldenhoven Testing Centers investiert. Davon steuert das Land Nordrhein-Westfalen 80 Prozent hinzu. Bei der Trägerschaft des ATC ziehen drei RWTH-Institute an einem Strang: neben dem Institut für Regelungstechnik, das von Professor Dirk Abel geleitet wird, das Institut für Kraftfahrwesen (IKA) von Professor Lutz Eckstein sowie das Institut für Verbrennungskraftmaschinen (VKA) von Professor Stefan Pischinger.

Dieses Trio stellt jeweils einen Geschäftsführer des ATC: für das IRT Dr. Frank-Josef Heßeler, für das IKA Diplom-Ingenieur Maciej Folanski als Sprecher und für das VKA Dr. Martin Nijs. Sie laden gemeinsam zum Spatenstich am Mittwoch, 10. April, nach Siersdorf ein. Die Muttergesellschaft des ATC ist das Automotive Innovation Center (ACI), das mit 51 Prozent die Mehrheit hält, während der übrige Teil in Händen der RWTH ist.

Gleich am Eingangsbereich zum Industriepark Emil Mayrisch und dem neuen Mobilitäts-Testzentrum dürfte den Besuchern nächste Woche vielleicht ein kleines Straßenschild auffallen: Es weist die frühere Zechenzufahrt nun als „Galileo-Allee“ aus. Dahinter steckt ein kräftiges Stück Zukunftsmusik, an dem bald schon dort gearbeitet werden soll.

Satelliten-Navitation Galileo

Galileo steht für ein neues satellitengesteuertes Navigationssystem, das Europa unabhängig vom US-dominierten GPS machen soll. Bis zum Ende des Jahrzehnts soll es voll einsetzbar sein. In Aldenhoven wird jetzt schon an konkreten Anwendungen für Fahrzeuge gearbeitet. „Galileo Above“ heißt dieses Projekt, „Anwendungszentrum für bodengebundenen Verkehr“ — sprich: Autos.

In Aldenhoven sollen Aufgabenstellungen wie diese geprüft werden: Ein Fahrzeug weicht auf der Straße automatisch vor einem Hindernis aus — etwa ein Stauende —, ohne den Gegenverkehr zu gefährden, wenn das System einen drohenden Crash erkennt. Satelliten liefern das exakte Signal zur Ortung des Autos.

Um solche Alltagssituationen ausprobieren zu können, sind Sendeanlagen — die „Pseudoliten“ — installiert worden. Sie simulieren Signale, als kämen sie direkt aus dem Weltall. Nur ein einziger Turm musste dafür neu errichtet werden. Zudem können vier RWE-Hochspannungsmasten und ein Fabrikkamin mitgenutzt werden. Mindestens vier Signalträger sind zur präzisen Ortung notwendig.