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Berlin/Landsberg: So werden Kindersitze getestet

Berlin/Landsberg : So werden Kindersitze getestet

Lehne und Befestigungshaken machen einen stabilen Eindruck. Doch ob ein Autokindersitz tatsächlich etwas taugt, sieht man ihm meist nicht gleich an. Viele Eltern orientieren sich daher an Produkttests.

Das sei der richtige Weg, wenn seriöse Organisationen mit nachvollziehbaren Testverfahren dahinter stünden, sagt Georg Tryba von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Ein bekannter Test ist der gemeinsame von ADAC, Stiftung Warentest und weiteren Organisationen - vor kurzem gab es neue Ergebnisse. Aber wie kommen sie zustande?

Kurz vor dem Knall: Ein Prüfer bereitet Kindersitz und Dummy auf den nächsten Crashversuch vor.
Kurz vor dem Knall: Ein Prüfer bereitet Kindersitz und Dummy auf den nächsten Crashversuch vor. Foto: dpa

Der ADAC testet seit 2000 mindestens einmal im Jahr um die 30 Kindersitze aller Klassen - von der Babyschale bis zum Modell für Schulkinder. 2002 stieg die Stiftung Warentest ein, die bereits seit 1968 Erfahrungen mit Kindersitztests hat. Der ÖAMTC in Österreich und der Touring Club Schweiz (TCS) sind bei den Tests für den deutschsprachigen Raum ebenfalls mit von der Partie.

Wo rohe Kräfte walten: Auf Hochgeschwindigkeitsbildern von den Crashtests lässt sich gut erkennen, wie viel Rückhalt ein Kindersitz dem kleinen Passagier gibt.
Wo rohe Kräfte walten: Auf Hochgeschwindigkeitsbildern von den Crashtests lässt sich gut erkennen, wie viel Rückhalt ein Kindersitz dem kleinen Passagier gibt. Foto: dpa

„Wir prüfen immer die jeweils neuesten und besonders beliebte Modelle auf dem Markt”, erklärt Henry Görlitz, Projektleiter der Stiftung Warentest. Die Tester kaufen die Sitze anonym und regulär in mehreren Geschäften parallel ein. Die Hersteller können also nicht mogeln und ihnen Sitze unterjubeln, die nicht dem Serienmodell entsprechen. „Von einem Modell benötigen wir manchmal bis zu 25 Exemplare, um alle erforderlichen Tests damit machen zu können.”

Die spielen sich in mehreren Kategorien ab. „Wichtigste Säulen sind die Crashsicherheit auf der einen Seite sowie Handhabung und Ergonomie auf der anderen”, erklärt Andreas Ratzek. Der Ingenieur ist beim ADAC Projektleiter für Fahrzeugsicherheit und wirkt seit mehr als zehn Jahren an den Kindersitztests mit.

Im ADAC Technik Zentrum in Landsberg werden die beiden häufigsten Unfallsituationen simuliert: der Frontalcrash und der Seitenaufprall. „Pro Sitzmodell gibt es mehrere Durchläufe, zum Beispiel mit unterschiedlich großen Dummys, mit allen Befestigungsmöglichkeiten und auf mehreren Plätzen”, erzählt Ratzek. Für jeden Versuch wird ein neuer Sitz verwendet, die Prüfer erneuern jedes Mal die Gurte und Isofix-Halterungen im Wagen und tauschen die Fahrzeugsitze aus. Alle Kindersitze sollen die gleiche Chance bekommen, sich zu bewähren.

Beim Frontal-Crashtest kracht es mit Tempo 64, beim Seitenaufprall mit 50 km/h. Das ist der Standard der europäischen Prüforganisation Euro NCAP. Autos gehen dabei nicht kaputt - das wäre bei mehr als 200 simulierten Unfällen pro Testreihe mit 30 Sitzmodellen ziemlich teuer. Stattdessen werden die Kindersitze exakt nach Herstellervorgaben in einen wiederverwendbaren Prüfschlitten mit der Karosserie eines VW Golf VI eingebaut.

Nach jedem Crash begutachten Experten, ob Sitz, Halterungen und Gurte der Wucht des Aufpralls standgehalten haben. „Sensoren in den Dummys liefern Daten, die auf mögliche Verletzungen schließen lassen. Wir werten außerdem Hochgeschwindigkeitsaufnahmen aus, auf denen man zum Beispiel sehen kann, ob der Kopf des Dummys gegen die Rückseite des Beifahrersitzes geschlagen ist - das wäre schlecht”, sagt Ratzek.

Danach wird getestet, wie leicht sich die Sitze handhaben lassen. Dabei kommt es weniger auf Expertenwissen an - im Gegenteil: „Wir lassen Laien die Sitze nur mit Hilfe der Gebrauchsanweisung in einen zweitürigen Kleinwagen, einen kompakten Viertürer und einen Van einbauen und ihre Kinder darin anschnallen”, erklärt Görlitz. Experten beobachten, ob dabei Probleme auftreten oder Fehler gemacht werden. Was diese dabei zu sehen und manchmal auch an Flüchen zu hören bekommen, weil der Einbau nicht gleich klappt, bilde sehr gut ab, wie praxistauglich ein Produkt ist.

„Machen die Testpersonen gravierende Bedienfehler bei der Sitzmontage oder beim Anschnallen des Kindes, bedeutet das für das Produkt: mangelhaft”, betont Görlitz. Die Crashtest-Ergebnisse mögen dann noch so gut sein: „Ein Kindersitz, der sich nicht sicher einbauen und verwenden lässt, ist nutzlos und fällt deshalb durch.”

Die Profitester machen sich aber immer noch ein eigenes Bild von der Handhabung und Verarbeitung jedes Sitzmodells. Fallen ihnen dabei besonders gefährliche Mängel auf, treten sie auch mal sofort an die Hersteller heran und bringen eine Rückrufaktion in Gang. „Das ist bisher zweimal vorgekommen”, erinnert sich Andreas Ratzek: „Bei einem Modell verriegelte bei allen Exemplaren das Gurtschloss nicht richtig, bei einem anderen war der Gurt fehlerhaft befestigt.”

Seit 2011 lassen ADAC, Stiftung Warentest und Co. auch die Schadstoffbelastung untersuchen. „Das übernimmt ein unabhängiges Labor”, erklärt Görlitz. Ob Sitzbezüge oder Gurte: „Aus allen Teilen, auf denen das Kind sitzt, die es anfassen oder an denen es nuckeln kann, werden Proben herausgeschnitten.”

Die Chemiker suchen beispielsweise nach Schadstoffen, die krebserregend sind, das Erbgut schädigen können oder womöglich zu Unfruchtbarkeit, Nerven- oder Nierenschäden führen. Dazu zählen laut Görlitz Flammschutzmittel, Weichmacher oder auch aromatische Kohlenwasserstoffe - „die gehören in Benzin, aber nicht in einen Kindersitz”.

Werden solche Stoffe in bedenklicher Menge festgestellt, fällt ein Sitz im Test ebenfalls durch. Das sei laut Görlitz aber mittlerweile die Ausnahme: „Fast alle Hersteller sind da sehr auf einwandfreie Qualität bedacht, denn einen mit Schadstoffen belasteten Kindersitz werden sie nicht los - darauf reagieren Verbraucher extrem sensibel.”

Beim aktuellen Test gab es keine Gift-Patzer. Und im Ergebnis schnitt gut die Hälfte der 27 geprüften Modelle mit erfreulichen Noten ab: 12 bekamen ein „Gut”, 2 sogar ein „Sehr gut”. Von den übrigen sind 9 „befriedigend”. Für 4 gab es nur ein „Ausreichend”, darunter eine Babyschale, deren Gurt zu lang ist, um Neugeborene fest genug anschnallen zu können. Die getesteten Sitze kosten zwischen 99 und 448 Euro, wobei ein hoher Preis kein Garant für Qualität ist.

Laut Henry Görlitz entstehen beim Kindersitztest im Schnitt pro Modell inklusive Einkauf Kosten in Höhe von mehr als 10.000 Euro, die sich die Partnerorganisationen teilen. Das Prüfprozedere entwickeln die Verantwortlichen ständig weiter.

An den Testergebnissen könnten Eltern sich zwar orientieren - sie sollten aber nie blind nach Testsiegern greifen, warnt Ratzek. „Die mögen zwar die Bestnote haben, passen aber womöglich gar nicht ins jeweilige Auto.” Sein Tipp: Mit dem Wagen beim Fachhändler vorfahren, mehrere Modelle ausprobieren und das Kind Probe sitzen lassen. „Nur so finden Eltern heraus, welcher Kindersitz der richtige ist.”

(dpa)