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Berlin: Innere Werte erhalten: Kunststoffpflege bei Oldtimern

Berlin : Innere Werte erhalten: Kunststoffpflege bei Oldtimern

Ein Spalt im Lenkrad, verbogene Handschuhfachklappen oder Risse in den Kunstleder-Sitzbezügen: Solche Schäden treten bei Autos in der Regel erst im gehobenen Fahrzeugalter auf. Nach Jahren tritt dann deutlich zutage, was UV-Strahlung und Temperaturunterschiede den Kunststoffen im Auto anhaben können.

Die Alterung lässt sich nur bedingt aufhalten. Kunststoff gehört seit den 1960er Jahren zu den meistverwendeten Materialien bei der Ausstattung von Fahrzeuginnenräumen. Als Armaturenbrett, Hutablage, Lenkrad, bei den Türgriffen oder Sitzbezügen findet er sich in vielen Old- und Youngtimern wieder, wobei sich der Geschmack der Autokäufer mit der Zeit verändert hat.

„Während heute ein Trend zu helleren, dekorativen und haptisch angenehmen Oberflächen zu verzeichnen ist, waren die 60er bis 90er Jahre von funktionellem Innendesign geprägt, das mit dunklen oder schwarzen Oberflächen am Armaturenbrett einherging”, sagt Jürgen Bühring. Er ist Leiter der Entwicklung bei der Benecke-Kaliko Group, einem Unternehmen, das Kunstleder-Produkte für die Automobilbranche herstellt.

Oberklasse-Fahrzeuge erhielten meist Innenausstattungen aus Leder, für die Brot-und-Butter-Autos verwendeten die Hersteller preiswertere Materialien. „Die Alterung der Kunststoffe wurde früher manchmal bereits kurz nach dem Ablauf der Gewährleistungsdauer sichtbar”, erläutert Bühring. Als Beispiele nennt der Experte Risse in der Oberfläche der Instrumententafel, im Bezugsmaterial von Sitzen oder an Schaltsäcken.

Aber typische Alterserscheinungen treffen auch bessere Materialien. „Verzogene Kunststoffabdeckungen oder farbliche Veränderungen der Kunststoffoberflächen sind nur einige Anzeichen für die veränderte Substanz”, erläutert Bühring.

Die Symptome sind vielfältig. „Weich-PVC wird durch das Verdampfen der früher verwendeten Weichmacher hart, spröde und rissig”, erklärt Volker Wachtendorf von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM). „Das kann zu schmierigen Oberflächen und Geruchsbelästigungen im Innenraum des Autos führen.” Daneben geht die Alterung bei allen Kunststoffen mit Zerfallsprozessen im Inneren einher. Das zeigt sich, wenn zum Beispiel PVC-Schaum in Polstern zu Staub zerfällt.

„In den meisten Fällen beginnt die Schädigung auf der Oberfläche mit Mattwerden, Vergilben oder Vergrauen”, beschreibt Wachtendorf die ersten Anzeichen von Schäden durch Sonneneinstrahlung. Auch hohe Luftfeuchtigkeit und Nässe könnten zum beschleunigten Zerfall einiger Kunststoffe oder zum Befall durch Schimmelpilze führen. Darüber hinaus kann auch eine mechanische Belastung wie Abrieb Alterungsschäden vorantreiben.

Handelt es sich um Schäden an der Kunststoffummantelung von Lenkrädern, lassen sich diese laut Gundula Tutt gut beheben. Sie ist Oldtimer-Restauratorin in Vörstetten-Schupfholz nahe Freiburg. „Risse oder Fehlstellen im Kunststoff lassen sich auf dem inneren Metallkern mit speziellen Materialien ausbessern.”

Patentrezepte zum Ausbessern gibt es aber nicht. „Je nachdem, wodurch die Schäden entstanden sind und wie weit sie fortgeschritten sind, muss individuell über die Vorgehensweise bei einer Reparatur entschieden werden”, sagt Tutt. Als wichtigste vorbeugende Maßnahme empfiehlt sie, den Oldtimer in der Garage abzudecken.

Ein Fahrzeug ist demnach bei Lagerung im Dunkeln, bei niedrigen konstanten Temperaturen, mäßiger Luftfeuchtigkeit und möglichst wenig mechanischer Belastung am besten konserviert. „Die Vermeidung von direktem Sonnenlicht oder Hitze ist hilfreich”, erklärt die Spezialistin. „Allerdings hilft ein solch schonender Umgang lediglich, den Prozess möglichst lange hinauszuzögern.” Irgendwann ist dann ein Austausch des entsprechenden Teils nicht mehr zu vermeiden.

Blinkerabdeckungen oder Schaltknäufe können in einer Form neu gegossen werden, die man von einem Originalteil abnimmt. In Zukunft könnte auch 3D-Druck als Verfahren für individuelle Nachfertigungen interessant werden, vermutet die Restauratorin. Auch Schaumstoffe könnten auf diese Art nachgefertigt werden, sofern noch Vorlagen oder Abmessungen als Vorgaben vorhanden sind.

Pflege- und Reinigungsmittel wie beispielsweise Cockpitsprays haben laut Gundula Tutt eine rein kosmetische Wirkung, sie füllen lediglich die Mikrorisse an der Oberfläche und lassen das Material vorübergehend dunkler, farbstärker und glänzender aussehen.

„Wichtig ist, dass keine Lösemittel in den Produkten enthalten sind”, warnt der Diplom-Ingenieur für Chemietechnik Richard Hanauer, Entwickler bei einem führenden Pflegemittelhersteller. Vorsicht ist bei der Anwendung von Pflegemitteln auf Lenkrad und Pedalen geboten. Hier rät der Experte, nur Produkte zu verwenden, die das vorhandene Material schonend reinigen und keinen rutschigen Film bilden.

(dpa)