Frankfurt: IAA: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Frankfurt: IAA: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Die Dampflokomotive ist sein mahnendes Beispiel: Über 100 Jahre war sie buchstäblich am Zug. Heute dagegen fahren die Züge elektrisch oder mit Diesel, sagt Dieter Zetsche, und die Dampfloks stehen im Museum. „Das wird uns nicht passieren”, ist der Daimler-Chef überzeugt und erklärt damit einen der großen Trends bei der Internationalen Automobilausstellung (IAA), die noch bis zum 25. September läuft.

125 Jahre nach seiner Premiere erfindet sich das Auto neu und macht sich fit für eine Zeit, in der die Straßen voller, die Ressourcen knapper und die Umweltbelastungen immer größer werden.

Wo man auf der Messe in Frankfurt auch hinschaut, sieht man mehr oder minder ferne Visionen von sauberen Stromern, die geräuschlos über die Straßen und durch die Städte surren. „Zukunft serienmäßig” lautet das Messemotto nicht umsonst, wenngleich zum Beispiel der umweltorientierte Verkehrsclub VCD bemängelt, dass von serienmäßig kaum die Rede sein könne. Schon heute müsse man Spritspartechniken oft noch extra bezahlen, kritisiert der Verein.

Und die Auto-Zukunft könnte die Kunden teuer zu stehen kommen, lernt man beim Messerundgang. Denn selten sind es technologische Fragen, die noch zu lösen sind. Meist stehen die hohen Kosten für Akkus, Elektroantriebe und den zwingend nötigen Leichtbau einer schnellen Serienfreigabe im Wege.

Dennoch stützt ein Messerundgang den Eindruck, die Ära der Akku-Autos habe begonnen. Schließlich gibt es von Audi bis VW kaum eine Marke, die kein Elektroauto auf die IAA gestellt hat - von den vielen elektrischen Exoten neuer Kleinserienhersteller ganz zu schweigen. Und tatsächlich kann man Stromer wie den Opel Ampera, den Renault Twizy oder Mitsubishi i-Miev schon kaufen.

Zahlreiche weitere Elektrofahrzeuge sind kurz vor der Serieneinführung: Mercedes zum Beispiel zeigt in Frankfurt die dritte Generation des elektrischen Smart, die im nächsten Jahr zu den Händlern kommt. VW verspricht für 2013 einen elektrischen Up und einen Golf mit Akku-Antrieb, und bei BMW dreht sich alles um den I3, der in zwei Jahren in den Handel kommt.

Doch unmittelbar vor Messebeginn trübte eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft die Euphorie: Das von der Bundesregierung ausgegebene Ziel von einer Millionen Elektroautos bis 2020 sei unter anderem wegem der hohen Kosten für die Elektrofahrzeuge nicht zu halten, fürchten die Analysten. Der Opel Ampera zum Beispiel ist mit über 40.000 Euro mehr als doppelt so teuer wie ein Astra, und beim BMW i3 sind die Bayern nach Presseberichten schon froh, wenn sie ihn billiger anbieten können als einen konventionellen Fünfer.

Dennoch denken die Hersteller schon weiter und zeigen auf der IAA viele ausschließlich elektrische Visionen für die ferne Zukunft. Ganz groß heraus kommen dabei die Kleinen: Hightech-Seifenkisten für die Metropolen von morgen wie der VW Nils, der Opel RAKe oder das Audi Urban Concept sollen auf schmaler Spur den Dauerstau auflösen und Fahrspaß im Stadtverkehr ermöglichen.

Zwar sehen die Ein- oder Zweisitzer aus, als wären sie gerade einem Captain-Future-Comic entsprungen. Und Opel-Chef Friedrich-Karl Stracke spricht auch erst einmal von einem Appetitanreger, mit dem er die Akzeptanz eines solchen Konzeptes ausloten wolle. „Doch das ist mehr als eine Fingerübung”, sagt Audi-Entwicklungschef Michael Dick: „Technisch wären wir schon in zwei, drei Jahren soweit”.

Dass die Zukunft nicht nur den Schmalspur-Autos gehört, beweist Mercedes mit der Studie F125. Die fast fünf Meter lange Limousine mit den riesigen Flügeltüren gilt den Schwaben als die S-Klasse von übermorgen und beweist mit ihrem Brennstoffzellen-Antrieb, dass Besserverdiener auch in 10 oder 20 Jahren nicht auf Luxus und Leistung verzichten müssen. Immerhin bietet sie mehr Komfort als eine Hotelsuite, schafft über 200 km/h - und verbraucht umgerechnet auf Diesel weniger Sprit als ein Smart.

Die IAA spannt aber auch den Bogen zwischen Wunsch und Wirklichkeit und rückt neben Studien und Showcars eine Reihe greifbarerer Neuheiten ins Rampenlicht. Auch hier sind es allerdings die kleinen Autos, die in diesem Jahr groß herauskommen: Allen voran der VW Up, der noch im Dezember für 9850 Euro in den Handel kommt und als neues Einstiegsmodell von VW das Reich der Zwerge aufmischen soll. Dass es bei einem Modell nicht bleiben soll, zeigen gleich sechs VW-Studien, die nicht nur saubere, sondern auch sportliche Motoren avisieren und bis auf den Buggy und das Segler-Cabrio allesamt das Zeug zur Serie haben.

Ebenfalls kleine Autos mit großen Ambitionen zeigt Fiat mit dem neuen Panda, Kia mit der zweiten Generation des Rio und Toyota mit der dritten Auflage des Yaris. Familienväter lockt die IAA mit Autos wie dem neuen Opel Zafira oder der zweiten Generation der Mercedes B-Klasse, die beide Fortschritt zum Nulltarif bieten sollen: Hier wie dort wird zumindest das Basismodell zu einem unveränderten Preis angeboten. Ins Gelände geht es mit der Mercedes M-Klasse oder dem Mazda CX-5. Die Kompaktklasse wird mit dem sportlichen Astra-Ableger GTC bei Opel, dem neuen i30 bei Hyundai, dem Beetle R von VW, dem 174 kW/250 PS starken Focus ST bei Ford oder dem nächsten Honda Civic noch voller.

Egal ob elektrisch angetrieben oder konventionell motorisiert - Effizienz ist das bestimmende Thema. Doch ein paar Marken tanzen aus der Reihe. Das eine tun ohne das andere zu lassen, ist das Motto für Autos wie den offenen Mercedes SLS AMG oder den Ferrari 458 Spider. „So ganz darf der Spaß schließlich nicht auf der Strecke bleiben”, sagt der Analyst Nick Margetts vom Marktbeobachter Jato Dynamics.

Doch selbst die Vollgas-Front bröckelt und entdeckt den Verbrauch als Argument. So feiert Porsche den neuen 911 nicht nur als nächstes Kapitel einer Legende. Mit Blick auf einen Verbrauch von 8,2 Litern sprechen die Schwaben auch von einem der sparsamsten Sportwagen aller Zeiten. Noch deutlicher ist der Sinneswandel der PS-Branche beim Tuner Brabus: Zwar steht dort mit dem 588 kW/800 PS starken und 370 km/h schnellen Rocket die angeblich schnellste Limousine der Welt. Doch neben dem schwarzen Renner auf Basis des Mercedes CLS parkt in reinem Weiß noch eine Mercedes E-Klasse. Die ist zwar nicht ganz so schnell, aber fast genauso kräftig. Und statt Sprit tankt sie Strom.

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