Stuttgart: Ein sportliches Kraftpaket, das für Aufsehen und Herzklopfen sorgt

Stuttgart: Ein sportliches Kraftpaket, das für Aufsehen und Herzklopfen sorgt

Ein Mercedes-AMG GT übt in Kontaktfreudigkeit und charakterlicher Stärke. Kaum steht man mit dem charakteristischen Zweisitzer an einer Tankstelle oder Kreuzung, werden reihum Kameras und Smartphones gezückt, der Fahrer mit Fragen gelöchert.

Charakterstärke ist angesichts des Kraftpotenzials gefordert: Mit einem unbeabsichtigt heftigen Tritt auf das Gaspedal katapultiert man sich in Geschwindigkeitsbereiche jenseits aller Verkehrsregeln. Der 4,0-Liter-V8-Biturbo mit 462 PS und einem Drehmoment von 600 Newtonmeter sorgt für betörende Fahrleistungen und garniert sie mit einem verführerischen Klangerlebnis von tiefem Grollen bis wildem Brüllen.

Fragen nach dem Preis oder dem Spritverbrauch sind müßig. Der Zweisitzer mit seinem einzigartigen Design ist so sinnvoll wie ein Diamantcollier, aber für Menschen mit Benzin im Blut mindestens ebenso sinnlich wie verführerisch. Desgleichen sind Erkundigungen nach der Alltagstauglichkeit fehl am Platz. Wohl niemand benutzt den 143.424 Euro (Basispreis: 97.000 Euro) teuren Renner für die Fahrt zum Supermarkt.

Mit dem GT knüpft Mercedes an den legendären 300 SL aus dem Jahr 1954 an. Entwickelt und auf die Räder gestellt wurde der Roadster von der hauseigenen Tuningschmiede AMG - mit einem tiefen Griff in die Hightech-Kiste. Trockensumpfschmierung oder eine Antriebswelle aus Karbon sind dazu nur zwei Beispiele.

Eine Verteilung des Leergewichts von 1570 Kilogramm mit 47 Prozent vorn und 53 Prozent hinten lässt erahnen, welche Dynamik erfahrbar ist. Der makellos verarbeitete Zweisitzer kann sich sowohl bei den Fahrleistungen als auch fahrdynamisch mit den besten Sportwagen messen. Die Werte - von null auf Tempo 100 in vier Sekunden und 304 Kilometer pro Stunde Höchstgeschwindigkeit (km/h/Werksangaben) - sprechen für sich. Überholmanöver können somit extrem schnell absolviert werden.

Lässt man die Pferdestärken angaloppieren, dann fühlt man sich zu recht einem Formel-Eins-Piloten sehr nahe. Vertiefte Kenntnisse in Sachen Fahrphysik sollten dabei allerdings vorhanden sein. Speziell bei nasser Fahrbahn ist die Gefahr eines Drehers recht groß. Selbst im dritten Gang kann die Kraft nicht ohne korrigierende Maßnahmen der Traktionskontrolle oder des Fahrers schlupffrei übertragen werden.

Natürlich ist der Mercedes ein sehr sicheres Auto, das mühelos Kurven absolviert, bei denen andere sich längst in ihrem Grenzbereich oder jenseits dessen bewegen. Dank der fast optimalen Gewichtsverteilung sowie des niedrigen Schwerpunkts zeigt der AMG ein hervorragendes Kurvenverhalten. Erst bei sehr hohen Geschwindigkeiten neigt der Bi-Turbo dazu, dass ESP auf den Plan zu rufen. Insgesamt hält die Elektronik vier Fahrprogramme bereit, dazu eine Renn-Start-Funktion (Race Start). Trotz elektronischer Helfer muss man sich die verlockenden Fahrleistungen erst peu =E0 peu erarbeiten - und dies am besten auf einer abgesperrten Strecke.

Nutzt man den GT als Reisegefährt, zeigt sich rasch: Die Langstreckentauglichkeit wird durch das harte, auf Fahrdynamik ausgelegte Fahrwerk spürbar eingeschränkt, selbst wenn man den Fahrmodus Comfort gewählt hat. Doch diese Einschränkung empfindet man nicht als Manko, sondern man arrangiert sich rasch damit. Falls man mag, lässt es sich auch über den kaum vorhandenen Kofferraum mosern oder die sehr schlechte Rundumsicht. Einem GT-Fan wird das jedoch das Fahrvergnügen nicht versalzen - ebenso wenig wie ein Blick auf die Verbrauchsanzeige. Wer schier hemmungslos das vorhandene Potenzial abruft, braucht sich über Verbrauchswerte deutlich jenseits der 20-Liter-Marke nicht wundern. Wer es indes vernunftbetont angehen lässt, sieht im Display auch schon mal eine Zwölf vor dem Komma.

Unterstrichen wird der sportliche Charakter des AMG durch eine kompromisslose Keramik-Verbundbremsanlage (Aufpreis: 6950 Euro), eine höchst präzise Lenkung mit klarer Rückmeldung und ein ultraschnell agierendes Doppelkupplungsgetriebe. In Sachen Assistenzsystemen darf sich der Mercedes AMG GT bei der S-Klasse bedienen. Serienmäßig zählen dazu adaptiver Fernlicht-Assistent, Parktronic oder Spurhalte- und Totwinkelassistent sowie Verkehrszeichenerkennung.

Hat man sich auf den Fahrersitz gefädelt, findet man einen aufgeräumten und nicht mit Schaltern überfrachteten Innenraum vor, dessen Verarbeitung, Materialauswahl und Funktionalität kaum Wünsche offenlassen. Allenfalls vermisst man Staumöglichkeiten für den täglichen Krimskrams. Die typischen runden Luftdüsen und der freistehende Bildschirm auf dem Armaturenträger sind von anderen Mercedes-Modellen bekannt. Der Fahrer startet per Knopfdruck. Die Gänge sortiert er über Alu-Schaltpaddel hinter dem Volant. Das kann man machen, muss es aber nicht. Die Elektronik hält so ziemlich immer die passende der sieben Fahrstufen parat.

Ganz klar: Mercedes hat mit dem AMG GT Porsche im benachbarten Zuffenhausen im Visier und möchte im dortigen Terrain wildern. Das kann klappen, denn unterwegs recken auch schon mal Porsche-Fahrer den Daumen hoch.