Paris/Aachen: Das „Vélo“ erobert den Verkehrsmoloch zurück

Paris/Aachen: Das „Vélo“ erobert den Verkehrsmoloch zurück

Radfahren in der Städteregion ist vielerwegs eine Zumutung, nicht nur im pulsierenden Aachen. Man wage sich nur mal in Würselen auf den Radweg der durchaus breiten Aachener Straße: Mitten darauf finden sich Ampelmasten, Verkehrsschilder und Laternenpfähle, die auch noch mit quer angebrachten Werbeplakaten bestückt sind.

Es entsteht eine Slalompiste, verstärkt durch besonders kurvenreiche Wegführung und den Konfliktkurs mit Fußgängern, für die auf der Kirmes als Geisterbahn Geld genommen würde. An mindestens einer Stelle ist der Radweg hier sogar zwischen Straße und einem belebten Bus-Wartehäuschen platziert. Absurd!

Mit dem Leihfahrrad über die Pariser Prachtstraße: AN-Mitarbeiter Bernd Müllender im Selbstversuch auf den völlig verstopften Champs-Élysées. Das Erfolgsmodell aus der französischen Hauptstadt wird mittlerweile überall in Europa kopiert. Foto: Müllender

All solche Wege hat, auch in Aachen und anderswo, irgendwer vor Jahrzehnten geplant und gebaut — so ahnungslos wie ignorant. Immer nach dem Motto: Ach ja, Fahrräder! Wo quetschen wir die bloß noch hin? Dabei ist selbst das große und gleichzeitig enge Aachen eine Kleinstadt — verglichen etwa mit dem Moloch Paris.

Leihfahrräder alle 300 Meter

Paris hat eine ungeheure Wohndichte. Entsprechend hoch ist die Zahl der Autos und damit seit jeher das Verkehrschaos, unter dem Anwohner, Flaneure, Velo-Mutige und die Wagenlenker selbst leiden. „Das Auto“, befand deswegen 2007 der Bürgermeister, „hat in der Großstadt keine Zukunft mehr.“

Und also schuf die rot-grüne Stadtregierung Vélib, ein Kunstwort aus Vélo und Liberté, Fahrrad und Freiheit. Schier überall stehen die Räder, viele Dutzend teilweise an fast 2000 Stationen. Anfangs waren es 10 000 Stück, heute sind es mehr als 20 000. Die Stationen liegen innerstädtisch maximal 300 Meter auseinander. Vélib ist ein Joint Venture der Stadt mit einer Tochter des auch in Aachen umtriebigen Werberiesen JCDecaux, der das System betreibt, die Räder zahlt und wartet. Im Gegenzug hat Decaux für zehn Jahre die Vermarktungsrechte an 1600 elektronischen Werbetafeln bekommen.

Das Tagesticket für jedermann kostete anfangs 1 Euro, jetzt 1,70 Euro (Jahresabo 29 Euro). Die Fahrten selbst sind umsonst, sofern sie nicht länger als 30 Minuten dauern. Erst dann kostet es extra, jede halbe Stunde mehr, und zwar stark progressiv. Die Idee ist genial: Du sollst das Rad nutzen statt es zu besitzen, und möglichst bald an einer beliebigen Station wieder zurückgeben. Alles funktioniert elektronisch vollautomatisch.

Klobig und schwer ist so ein Pariser Velo, ungefedert, 26er Räder, drei Gänge, mäßige Bremsen, Dauerlicht, vorne ein Einkaufskorb, der dicke Sattel leicht verstellbar. Bequem ist anders, aber sie rollen. Der Verkehr ist darwinistisch, rücksichtslos. Radfahrer sind ganz unten in der Hierarchie. Erster Lernschritt: Rot ist die Farbe von d´amour, aber doch kein Stoppsignal! Die ersten knapp 30 Minuten sind fast vorbei - also schnell weg mit dem Rad. Station Champs-Élysées, kurze Pause, neues Rad, der Triumphbogen vor mir. Weiter zum Eiffelturm. Zur Rush Hour werden die Straßen noch voller. Von Trocadero geht es die Avenue President Wilson temporeich auf der Busspur runter, die ganze Allee vorbei an einer zweispurigen, bewegungslosen und vor sich hinstinkenden Bricolage de Blech. An der Place de la Concorde gelingt das Meisterstück: Hinein in die zehnspurige Kurverei in einer Fahrtrichtung, und dabei Linksabbiegen. Und durch. Durchpusten. Pause. Erst mal ein Seine-Besuch. Dann ein neues Rad, das sechste.

Vélib war, abgesehen von ärgerlichem Vandalismus, von Anfang an eine Erfolgsgeschichte. Jeden Tag hat das System mindestens 50 000 Nutzer. Längst spricht man von Velorution, der Fahrrad-Revolution. Die Stadtverwaltung von Paris hat projektbegleitend richtig geklotzt: Tausende Parkplätze in Dutzenden Straßen wurden zurückgebaut, 370 Kilometer zusätzliche Radwege geschaffen, dazu viele Busspuren für Pedaleure freigegeben und gut markiert. Die Erfahrung zeigt: Die Platzhirsche auf den Busspuren (Busse, Taxis) akzeptieren einen als Radler sogar in ihrem Verkehrsbiotop.

Der Politologe Dr. Weert Canzler vom Wissenschaftszentrum Berlin forscht seit vielen Jahren zu urbaner Mobilität. Er findet den Pariser Erfolg „höchst erfreulich und erstaunlich“. Erstaunlich, weil gerade Paris vor Vélib „bis auf ein paar mutige Kuriere ganz ohne Radverkehr gewesen ist. Jetzt trauen sich auch viele andere private Radfahrer auf die Straße. Ein enormer Sprung.“ Junge Leute, sagt Canzler, wachsen heute mit Vélib auf, nehmen sich bei Bedarf eines so selbstverständlich wie den Einkaufswagen im Supermarkt.

Ende 2011 kam in Paris Autolib dazu, mit Elektro-Autos zum Stundenpreis ab acht Euro. Zum Start waren es 350 Fahrzeuge, nach einem Jahr sind es schon über 2000. All das helfe, so Canzler, der doppelten Bemühung in der Verkehrspolitik: Es motiviere zum Ausstieg aus den privaten Dreckschleudern und entlaste in Spitzenzeiten die überfüllte Metro. „So wie es London großflächig auch vorhat.“

Oder wie es andere Städte mit automatischen Leih-Netzen für jeweils tausende Fahrräder längst nachgemacht haben: Lyon, Kopenhagen, Barcelona, Wien, Brüssel oder Antwerpen. London übrigens war die erste Olympia-Stadt der Moderne ohne Verkehrskollaps während der Spiele: Dank happiger City-Maut, ausgebauter U-Bahn, Leihfahrzeugen, Radsystemen und intensiver Informationspolitik.

Auch in Aachen werden Straßen hier und da rückgebaut und neue Radwege eingerichtet. Manche Vorhaben gelingen auch, wie weitgehend an der Normaluhr. Andere Vorhaben gehen bizarr daneben. Beim Neubau Zollernstraße sind seit September Radwege aufgepinselt, als wolle man die Pedaleure direkt in den Tod jagen: Von der Normaluhr stadtauswärts endet der Radweg vor einer Warnbarke mit einem letzten Schlenker nach links hinein in die Autospur. Wer hier wie von Amts wegen geplant fährt, bringt sich in Lebensgefahr, zumal es flott bergab geht.

Weiter unten auf der Gegenseite wurde, statt den Radweg langsam neben den Parkstreifen zu führen, eine ähnlich wilde enge S-Kurve markiert, und das auch noch neben der Linksabbieger-Markierung Bachstraße. Völlig grotesk. Es ist hier so unübersichtlich eng, weil genau an dieser Stelle ein neuer Parkplatz vor einer Bordstein-Absenkung eingerichtet ist. Das ist schlicht gegen die Straßenverkehrsordnung gebaut — nachzulesen unter § 12, (3), 5. Mit Gruß aller Rolli-Fahrer. Die Stadt Aachen will fahrradfreundlich sein — und unterlässt einen ganz schlichten Minimalservice. An Sackgassenschildern oder bei zeitweiligen Sperrungen fehlt der einfach aufklebbare Hinweis (wie seit Jahrzehnten etwa in Krefeld und anderswo), dass der Weg für Fußgänger und Radfahrer durchaus frei ist. Das ist meist der Fall, aber eben nicht immer. Vereinzelt gibt es auch in Aachen solche Hinweise, Beispiel: Melatener Straße stadtauswärts Richtung Klinikum. Auf das Konzept wären sie in Schilda stolz: An der Ecke Halifaxstraße steht zunächst das Schild Sackgasse für alle. Eine Kreuzung weiter wird es ergänzt: Fußgänger und Radfahrer frei. Wie schön. An der Brückenbaustelle über den Ring, noch mal 150 Meter weiter, ist wieder alles anders: Für Radfahrer gesperrt, steht da extra. Schiebend und schleppend ging es besonders steile 40 Stufen bergab.

Radfahrer sind das Freiwild im Verkehr. Oft sollen sie sich Wege mit Fußgängern teilen — meist unzumutbar für beide Seiten.

Platzhirsche auf vier Rädern

Zwischen Autos und Parkstreifen, also auf die Straße — schon besser. Nur herrschen da die Platzhirsche auf vier Rädern — eine Unaufmerksamkeit kann Krankenhaus bedeuten. Der Rest ist banale Ignoranz: Mülltonnen — ab damit auf den Radstreifen. Im Winter leiden gerade Radler unter Schnee und Matsch, die das Fortkommen gefährlicher machen als für rundumgeschützte Autos. Geräumt werden Radwege fast nie. Im Gegenteil: Sie dienen bis zum nächsten Tauwetter als Lagerfläche für Schnee, der von der Auto-Fahrspur zur Seite geschoben wurde. Den Rest erledigen die Autofahrer selbst, die Schnee und Eis von ihren geparkten Blechfreunden auf Rad- und Fußwegen entsorgen.

Kann es da wundern, wenn sich gerade in der kalten Jahreszeit Menschen vermehrt hinters Steuer setzen? Mögen Autos in urbanen Räumen auch keine Zukunft haben, die Gegenwart nutzen sie noch reichlich aus. Und wenn es als eifersüchtiger Staubürger ist, der die flinken, flexiblen Radler vorbeiflitzen sieht.