Rapper und Slam Poet Quichotte im Interview

Rapper und Slam Poet Quichotte im Interview : Was reimt sich eigentlich auf Bordstein?

Eine Frage, die sich der Stand-Up-Künstler, Rapper und Slam Poet Quichotte, früher gestellt hat. Mit der Suche nach Doppel- und Dreifachreimen auf Alltagsgegenstände beginnt der Slam Poet und Rapper damals sein Spiel mit den Wörtern. Mit uns spricht er über seine gerappten Hausaufgaben, seine Freestyle-Einlagen und seine Kappe als täglichen Begleiter.

Du rappst, seit du 14 bist. Was war der Name deines ersten Rapsongs?

Quichotte: Ich weiß, dass einer der ersten Songs „Der Baum, der am Rand steht“ hieß. Das ist der erste, an den ich mich noch erinnere. Das war ein sehr gesellschaftskritischer Song, der aus der Sicht eines Baumes geschrieben ist. Der Baum beobachtet, was in der Welt passiert, er ist sehr alt und selbstlos, und er  wirft den Menschen vor, dass sich mit jeder Generation die schlechten Sachen wiederholen.

Wer war die erste Person, der du etwas vorgerappt hast?

Quichotte: Das war meine Schulklasse. Damit ging’s los. Ich habe die Hausaufgaben in Rap-Form geschrieben und habe die dann vorgetragen.

Warst du da nicht aufgeregt?

Quichotte: Ich weiß nicht, warum, aber ich hatte damals überhaupt keine Aufregung. Es war eher so, dass ich das unbedingt jemandem zeigen wollte. Je besser ich wurde, desto aufgeregter wurde ich auch.

Quichotte hatte schon immer den Drang, seine Texte einem Publikum vorzutragen. Foto: Fabian Stuertz

Wie gehst du damit um, wenn dich jemand kritisiert?

Quichotte: Leider sagen einem die Leute fast nie, wenn sie etwas nicht mögen. Wo ich das wirklich mitbekommen habe, war bei meinen ersten Freestyle-Übungen. Das habe ich mit meinem Kumpel und Kollegen Flo, der auch mit bei meinen Shows ist, wahnsinnig viel gemacht. Und die ersten zwei Jahren muss das grottenschlecht gewesen sein. Da gab’s auch Klassenkameraden, die meinten „Was macht ihr da für einen Scheiß?“

Du musstest dir das Freestyle-Rappen aneignen. Wie viel Arbeit steckt dahinter?

Quichotte: Es gibt dieses große Mysterium von Talent und so. Klar, es gibt Leute, die haben ein gutes Taktgefühl und bringen viele Basics mit. Ich würde aber behaupten, dass es für jeden harte Arbeit ist und Training bedarf, um wirklich exzellent darin zu werden. Zu den wahnsinnig talentierten Menschen würde ich mich nicht zählen, ich habe zwar ein sehr gutes Taktgefühl, aber ich habe durch die Masse an Übung gelernt. Ich hatte viel Zeit in meinem 25-Einwohner-Dorf und habe jeden Tag stundenlang vor mich hingerappt. Das ist einfach harte Arbeit, die mir aber super viel Spaß gemacht hat. Das große Mysterium von der Muse, die einen küsst, halte ich für völlig übertrieben. Das ist echtes Handwerk.

Wie hast du trainiert?

Quichotte: Ich habe das gar nicht bewusst gemacht. Ich bin draußen rumgelaufen und habe zum Beispiel das Wort Bordstein gedacht, als ich an einem vorbei gegangen bin. Und dann habe ich versucht, darauf Doppelreime zu finden. Oder ich bin durch die Landschaft gelaufen und habe darüber gerappt. Daraus ergibt sich dann das Freestylen. Für mich ist es irgendwie viel leichter, über Sachen zu rappen, die gerade im Moment im Raum passieren, als über abstrakte Themen. Weil jeder Gegenstand, den ich sehe, für mich sofort in ein Wort übergeht.

Deinen Künstlernamen hast du ja schon super lange, wie kamst du drauf?

Quichotte: Ich habe das Buch ,Don Quichotte‘ gelesen und fand den Charakter total interessant und außerdem fand ich den Schriftzug und den Buchstaben Q gut.

Wann kam zum Rap der Poetry Slam dazu?

Quichotte: Als ich 25 war, also so vor zehn Jahren. Ich habe schon während ich Lieder geschrieben habe, auch immer mal wieder Gedichte verfasst. Ich hatte einen Liedtext auf dem Schreibtisch liegen, der sich nicht vertonen ließ. Ich fand den aber trotzdem gut und wollte den vortragen. Und dann hat mich ein Bekannter auf einen Slam aufmerksam gemacht. Der erste Auftritt war dann so vor 50 oder 60 Leuten, und von da an war ich infiziert von der Kleinkunst.

Du hast ja super viel Persönliches in deinem Programm – hast du Angst, dass dir irgendwann mal die Themen ausgehen, weil du alles von dir erzählt hast?

Quichotte: Ja das ist tatsächlich ein Aspekt. Wobei, ich glaube, über meine Kindheit auf dem Land könnte ich noch drei Programme machen. Die Frage ist eher, ob ich das dann nochmal aufrollen möchte. Aber das Gute ist, dass ich nicht auf ein bestimmtes Thema festgelegt bin. Es gibt Rollen-Comedians, die zum Beispiel als Hausmeister oder so auftreten, und dann muss man alles in dieses Thema pressen. Das ist bei mir zum Glück nicht der Fall, und deshalb kann ich auch alle gesellschaftlich relevanten Themen, die mir selbst am Herzen liegen, verarbeiten.

War schon mal aus deinem Umfeld jemand sauer, weil sie sich in deinen Texten wiedergefunden haben?

Quichotte: Das ist bis jetzt tatsächlich noch nicht passiert. Das liegt aber bestimmt auch daran, dass ich mit sowas sehr sensibel umgehe. Ich habe ein Buch übers Landleben geschrieben, das ist dann natürlich schwierig. Ich habe alle Namen geändert, aber die Leute haben sich trotzdem wiedererkannt – zum Glück habe ich keinen negativen Satz gehört.

Hast du einen Ort, wo du deine Texte schreibst?

Quichotte: Im Moment in der Bahn. Das liegt aber nicht daran, dass das ein so wahnsinnig inspirierender Ort ist, sondern einfach daran, dass ich zurzeit zu Hause keine Ruhe habe mit meinen zwei kleinen Kindern.

Wie lange arbeitest du an einem Programm?

Quichotte: Ein Jahr. Wenn ich Premiere mit dem neuen Programm habe, fange ich mit dem nächsten direkt an.

Hast du einen Glücksbringer, wenn du auf die Bühne gehst?

Quichotte: Glücksbringer würde ich so nicht sagen, aber die Kappe ist zum Beispiel mein Ding. Die ist quasi mit mir verwachsen. Meine Frau hat mir irgendwann mal einen Stofftier-Esel geschenkt, der dafür steht, dass ich so viel unterwegs bin. Der ist auch immer mit dabei.

Wie oft verwendest du deine Texte wieder?

Quichotte: Das ist total unterschiedlich. Es gibt welche, die ich nur ein Mal vortrage. Meinen letzten Punkt im Programm zum Beispiel habe ich jetzt aber bestimmt schon 200 Mal ausgepackt. Es gibt einige, die immer Lacher erzeugen und die laufen sicherlich auch mal 20 Jahre.

Nervt dich das nicht, sooft ein und denselben Text vorzutragen?

Quichotte: Wenn‘s richtig gut ist, nicht. Wenn ich jetzt einen Song hätte, den ich richtig kacke finde, die Leute würden ihn aber völlig feiern, dann würde ich ihn trotzdem nicht spielen. Ich mache nichts, worauf ich keinen Bock habe. Wenn ich eine Nummer spielen würde, auf die ich keine Lust hätte, würden die Leute das auf jeden Fall merken

Was war dein schlimmstes Erlebnis auf einer Bühne?

Quichotte: Einmal bin ich auf der Bühne fast kollabiert. Das war so einen Mischung aus einer Panikattacke und den ganzen Tag schlecht gegessen und getrunken. Mir wurde dann unfassbar schlecht, ich habe mein eigenes Wort nicht mehr verstanden. Ich bin dann mitten im Text von der Bühne geleitet worden, das war echt fatal. Aber dass ich mit irgendwas abgeschmiert bin, das passiert schon mal. Mittlerweile weiß ich, welche Texte gut funktionieren und weiß, welche Sachen ich bei welchen Veranstaltungen nutzen kann.

Und dein tollstes Erlebnis?

Quichotte: Mein Auftritt in der Elbphilharmonie war für mich unfassbar krass. Eine Sternstunde ist aber auch, wenn ich bei der Premiere eines neuen Soloprogramms merke, dass es gut läuft. Dann weiß ich: Für das nächste Jahr habe ich echt ein gutes Programm, mit dem ich rumziehen kann.

Angenommen du hast mal einen schlechten Tag: Was machst du dann?

Quichotte: Was ich mir dann meistens sage, ist, dass es jetzt gar nichts bringt, wenn ich mein schlechtes Gefühl nach außen transportiere. Wenn ich mir dann vor Augen führe, dass wir in einem total künstlerischen und künstlichen Raum sind, hilft das. Da zählen nur die Dinge, die ich erfinde und vortrage. Ich bin dann abgekoppelt von den schlechten Dingen, die ich tagsüber erlebt habe.

Du bist eigentlich fertig ausgebildeter Lehrer: Warum hast du dich für die Bühne und gegen die Klasse entschieden?

Quichotte: Das klingt total abgedroschen, aber man muss sagen, dass das ganz klar eine Entscheidung für eine Sache war und nicht gegen eine andere. Es war immer mein Traum, mit meiner Kunst mein Geld zu verdienen. Und demzufolge war für mich klar, dass ich das jetzt machen muss, weil es sonst zu spät ist. In dem Bereich musste ich mich erst mal vernetzen und etwas aufbauen. Es ist eine relativ lange Ochsentour, auch finanziell. Du bist super viel unterwegs, musst Klinkenputzen, Auftreten in Jottwede für einen Appel und ein Ei und dir Leute erspielen. Das macht man einfach nicht mehr, wenn man 40 ist.

Wenn du an Aachen denkst und das in einem Wort beschreiben müsstest, was wäre das dann?

Quichotte: Das ist schwer… Ich weiß nicht, ob das jetzt so positiv rüberkommt, wie ich das meine, aber ich würde sagen: gemütlich. Weil ich einfach wahnsinnig viele Sachen hier erlebt habe, die total gemütlich und schön waren. Ich bin zum Beispiel mit meiner damaligen Band zwei Mal in einem Irish Pub aufgetreten, das war toll. Ich war in der Bar „zuhause“ das ist ja schon Gemütlichkeit par excellence. Und das Franz ist toll, das liebe ich. Es ist einfach alles sehr entspannt hier.