Kreis Heinsberg: Pusch schlägt den Bogen von der Braunkohle bis zum Ehrenamt

Kreis Heinsberg: Pusch schlägt den Bogen von der Braunkohle bis zum Ehrenamt

„Die strukturelle und infrastrukturelle Verbesserung ist augenfällig. Wirtschaftlich und arbeitsmarkttechnisch steht der Kreis Heinsberg hervorragend da.“ Dies stellte Landrat Stephan Pusch (CDU) im Kreistag bei seiner traditionellen Rede zum Jahresabschluss fest.

Zu verdanken sei dies den vielen gemeinsamen Anstrengungen unter dem Oberbegriff „Strukturwandel“. Vor allem die Infrastruktur habe eine enorme Verbesserung erfahren. Die Eröffnung der B 56 n im Frühjahr und die gute Nutzung dieser Straße hätten gezeigt, wie notwendig die Schaffung dieser Verkehrsader gewesen sei. Auch die B221n mache Fortschritte, so dass die komplette Erschließung durch Fernstraßen sowohl in Ost-West- wie in Nord-Süd-Richtung bald gegeben sein werde. Das Kreisstraßennetz werde entsprechend angepasst, „so dass wir hier für die Zukunft das Ergebnis haben werden, auf dem die weitere Entwicklung des Kreises basieren wird“.

Flankierend sei die Neuordnung der Wirtschaftsförderung zu erwähnen, so Pusch. Die in die Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Heinsberg (WFG) integrierte Förderung des Tourismus sei nunmehr mit der neuen Marke „Heinsberger Land — erfrischend entspannt“ und der Anbindung an den Niederrhein-Tourismus auf ein neues erfolgversprechendes Gleis gesetzt worden.

„Als im Juli das größte Radrennen der Welt, die Tour de France, in Düsseldorf startete, da rückte der Fokus für einige Minuten auch auf den Kreis Heinsberg“, blickte der Landrat zurück. „Dem Streckenverlauf geschuldet, lenkte dieses Sportereignis den Blick auch auf eines unserer größten Probleme: den Tagebau Garzweiler.

Um es noch einmal zu sagen: Wir haben es mit einer gewissen Bitternis geschluckt und uns einer vermeintlichen energiepolitischen Notwendigkeit auf Basis einer demokratisch gefassten Entscheidung gebeugt und hingenommen, dass Tausende von Menschen ihre Heimat im Kreis Heinsberg verlieren und ein beträchtlicher Teil der Stadt Erkelenz zugunsten der Energiegewinnung aus heimischen Bodenschätzen zunächst einmal planmäßig zerstört wird.“ Die Braunkohlediskussion sei 2017 leider an einem Punkt angelangt, an dem sie - beispielhaft für die Abhandlung politischer Streitthemen - einen für viele normale Bürgerinnen und Bürger verwirrenden Verlauf nehme.

Da seien die Diskussionen um Kohlendioxid und Klimawandel und um den sogenannten Kohleausstieg. Da seien Entscheidungen, Garzweiler II in verkleinerter Form weiterzuführen. Und da seien — durchaus verständlich — auch Braunkohlegegner, die sich gar nicht mit den rheinischen Tagebauen abfinden wollten. „Letztere verkomplizieren die Diskussion dennoch sehr stark, indem sie den Protest teilweise nicht auf dem Boden des Gesetzes artikulieren.“ Das errege zwar Aufmerksamkeit, werde der Sache vermutlich aber nicht dienen. Insofern sei er froh, dass das sogenannte Klimacamp zumindest im Kreis Heinsberg zwar für Aufsehen, nicht aber für negative Schlagzeilen gesorgt habe, sagte Pusch.

„Heimatvertriebene des 21. Jahrhunderts“

Den Menschen aus Borschemich, Immerath, Keyenberg, ­Kuckum, Unter- und Oberwestrich, Berverath, Lützerath und ­einigen anderen Höfen und Weilern würden weder die Diskussionen noch die Proteste nützen. „Sie sind die Heimatvertriebenen des 21. Jahrhunderts“, so Pusch. „Und ob ein großer See als Folgenutzung des einst fruchtbarsten Gebietes, das das Rheinland zu bieten hatte, ein Trost sein wird, wage ich zu bezweifeln. Das Thema Braunkohle und Folgenutzung wird uns weiter sachlich und emotional beschäftigen. Wir sind gezwungen, aus der Situation für die Zukunft das Beste zu machen.“ Und das werde auch die Aufgabe der kommunalen und regionalen Politik sein.

„Ehrenamt ist das Herz, ist der Puls unserer Gesellschaft“, habe ein kluger Mensch einmal anlässlich einer Ehrung von Ehrenamtlern gesagt. Das stimme, so der Landrat. „Unser Staat verlässt sich in vielen Bereichen auf Ehrenamtler. Und wir müssen uns auch fragen lassen, wie es in vielen Bereichen aussehen würde, wenn es keine Ehrenamtler gäbe.“

Pusch verwies auf die vielen Vereine und auf den sozialen Bereich. Der Feuerschutz liege weitestgehend in Händen von freiwilligen Feuerwehrleuten. „Im Katastrophenschutz sind wir weitestgehend auf ehrenamtliche Kräfte angewiesen.“ Das Ehrenamt sei einer der besonderen Werte: „Menschen setzen sich mit besonderen Talenten und Fähigkeiten für andere Menschen ein. Das ist Nächstenliebe par excellence.“ Ehrenamt sei eine Aufgabe, die Sinn und Bestätigung bringe. Es sei anstrengend, aber es könne auch etwas sehr Schönes und Erfüllendes sein.

Und Ehrenamt sei keine Frage von Alter, Geschlecht oder ethnischer Herkunft. Der Landrat dankte allen Menschen im Kreis Heinsberg, die sich 2017 in irgendeiner Weise ehrenamtlich engagiert hätten. Er würde sich freuen, wenn diesen vorbildlichen Menschen 2018 weitere folgen würden, „die sich ebenfalls entschließen, ehrenamtlich tätig zu werden“. Und wenn er appelliere, sich ehrenamtlich zu betätigen, dann schließe er die Kommunalpolitik ausdrücklich mit ein. „Denn schließlich geht es darum, was vor unserer Haustür passiert und wie es in Zukunft vor unserer Haustür aussehen soll.“ Die Kommunalpolitik sei nicht für bestimmte Menschen reserviert. Die demokratischen Regeln seien bekannt, aber mitmachen könne tatsächlich jeder.

(disch)
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