Kreis Heinsberg: Professor plädiert für ein neues Menschenbild

Kreis Heinsberg: Professor plädiert für ein neues Menschenbild

„Warum Unglaubliches auf uns zukommt und wir uns nicht über alles freuen werden.“ So hatte Prof. Dr. Hermann A. Maurer aus dem österreichischen Graz seinen Vortrag im Rahmen der Sparkassen-Gespräche überschrieben, bei denen es in diesem Jahr um Nutzen und Risiken der digitalen Revolution geht.

„Langfristige Vorhersagen sind unmöglich“, erklärte der Infor­matikprofessor, der selbst ­Science-­Fiction-­ ­Literatur schreibt, gleich zu Beginn seiner Ausführungen in der Heinsberger Filialdirektion der Sparkasse. Den Beleg dafür lieferte er mit Vorhersagen aus der Vergangenheit, die ebenfalls nicht eingetreten seien, wie etwa Städte auf dem Meeresboden oder atombetriebene Eisenbahnen.

Dafür gebe es jedoch Laser und Internet, die nicht vorhergesagt worden seien. Gründe für diese Situation der „Unvorhersehbarkeit“ sieht Maurer im schnellen Anwachsen von Wissen. Die Akzeptanz technischer Entwicklungen hänge zudem von äußeren Umständen ab. So gebe es das fliegende Auto zwar schon, aber es finde keine Akzeptanz. „Wie soll man es denn zulassen?“ Da müsse schon eine neue Kategorie gefunden werden. „Aber wir wollen vielleicht solche Fahrzeuge gar nicht.“

Thesen würden viel zu schnell erstellt, warnte er und wagte dann gleich selbst eine. „Ohne Handy werden wir uns in fünf oder zehn Jahren nackter fühlen als ohne Unterhose!“ Die Entwicklung werde viel rascher weitergehen, als wir jetzt annehmen würden. „Wir bilden uns ein, das Wichtigste schon zu wissen, aber in Wirklichkeit wissen wir fast nichts!“ Sogar ein Grashalm sei da intelligenter. Er könne das mit der Photosynthese. Alle Versuche, sie künstlich herzustellen, seien bisher gescheitert. „Ein Grashalm ist intelligenter als wir Menschen zusammen.

Ziel müsse sein, nicht krampfhaft Energie zu sparen, sondern mehr davon zu produzieren. Kohlendioxid dürfe nicht als Feind betrachtet werden, sondern als Rohstoff, zum Beispiel langfristig für die Produktion von Nahrungsmitteln. Als weitere, wichtige Forschungsgebiete benannte er die Geothermie oder das Fracking. Da müsse ein Umdenken erfolgen, denn Fracking sei auch durchführbar ohne die Beimischung von Chemikalien.

Nicht zu verachten seien auch die Möglichkeiten der Fusionsenergie, der Verschmelzung von Wasserstoff zu Helium, „wie es die Sonne macht“, so Maurer. Ein­blicke gab der Wissenschaftler in die Erforschung von Graphen, ­einer Modifikation von Kohlenstoff mit zweidimensionaler Struktur, nutzbar zum Beispiel als Superfilter. Wie Science-Fiction muteten seine Informationen über den geplanten Rohstoffabbau auf Asteroiden oder über ein Generationen-Raumschiff an.

In der weiteren Entwicklung der Forschung würden Durchbrüche eher durch Gruppen als durch Einzelne möglich, zeigte sich Mauer überzeugt.

Dabei würden soziale Netzwerke helfen, auf der anderen Seite bringe die Informationstechnologie aber auch Gefahren mit sich. Cyberangriffe auf Computersysteme oder den Ausfall des Internets nannte er als Beispiele.

Auf Dauer werde ein neues Menschenbild gebraucht, so Maurer. „Der Mensch muss nicht mehr nur biologisch, sondern als Symbiose zwischen Biologie und Technik gesehen werden, mit seinen Werkzeugen, intern und extern, mit Herzschrittmacher intern zum Beispiel oder mit Brille und Hörgerät extern.

(anna)
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