Leserbriefe zu Continental: „Politische Entscheidungen kritisch betrachten“

Leserbriefe zu Continental : „Politische Entscheidungen kritisch betrachten“

Die CDU – unter anderem NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und Aachens OB-Kandidat Harald Baal – hat in Zusammenhang mit der drohenden Schließung des Continentalwerkes auch massive Kritik an grüner Politik geübt. Was zahlreiche Reaktionen unsere Leserinnen uns Leser hervorgerufen hat.

Daniel Schwarz schreibt: Harald Baal muss sich politisch in einer sehr verzweifelten Position befinden, wenn er der ungewählten Kandidatin Keupen die Schließung von Continental Aachen vorwirft. Erstens fahren E-Autos auch auf Reifen und zweitens könnte man glauben, dass der langjährige Karrierepolitiker Baal recht häufig bei der Industrie antichambiert hat, um den (allfälligen) Wandel menschlich mit zu gestalten. Oder hat der Vorstand in Hannover etwa einfach vor der Entscheidung zur Schließung auf Baals beratende Empfehlung zum menschlich gestalteten Wandel verzichtet?

August Dederichts schreibt unter anderem: „Erst Herr Baal, nun Herr Laschet tadeln die Grünen wegen ihrer angeblichen Anti-Auto-Politik, die zur drohenden Schließung des Conti-Werkes in Aachen beitrage. Den wahren Hintergrund wollen die Herren Christdemokraten offenkundig nicht erwähnen. Die deutsche Autoindustrie hat sich ihre gegenwärtigen Probleme größtenteils selbst zuzuschreiben, und reißt ihre Zulieferer mit. Mit jahrelangen Betrugsmanövern hat man gemeinsam den Unwillen zur Verbesserung der Luftqualität für uns alle demonstriert. Und dafür sollen jetzt die Aachener Grünen verantwortlich sein? Vertrauensverlust und rückläufige Zulassungszahlen haben sich die Hersteller allein selbst zuzuschreiben. Durch Covid-19 und "home office" kräftig unterstützt regt sich auch endlich die Einsicht, dass wir nicht so viele Autos auf unseren Straßen brauchen. Bei Werksschließungen wie der in Aachen verkündeten spielt schließlich auch der Preisdruck in der gesamten Branche eine wichtige Rolle. Den aber übt jeder einzelne Käufer aus, der für das neue Auto möglichst wenig ausgeben will und wochenlang über Rabatte verhandelt.

Felix Kruff schreibt: In der aktuellen Diskussion um die mögliche Schließung des Continental-Reifenwerks glänzt Herr Baal nur mit Billig-Polemik. Anstatt wie der noch amtierende OB Marcel Philipp um ein breites gesellschaftliches Bündnis zur Unterstützung der Continental-Belegschaft zu werben, greift Harald Baal in die tiefschwarze CDU-Mottenkiste und kritisiert den Lieblingsfeind vieler Christdemokraten – die Grünen. Er behauptet ernsthaft, dass die Grünen für die Schließung des Werks mitverantwortlich sind und ignoriert dabei, dass ultrakapitalistische Strategien eines Global Players hinter der beabsichtigten Schließung stecken. Es ist der verzweifelte Versuch eines gescheiterten OB-Kandidaten, das Wahlruder nach einer Klatsche im ersten Wahlgang noch herumzureißen.

Dass ihm jetzt sein Parteifreund Armin Laschet bei diesem durchschaubaren Wahlkampfmanöver mit ähnlicher Kritik an den Grünen zur Seite springen muss, unterstreicht einmal mehr das bisher argumentativ dürftige und schwache Auftreten von Harald Baal im OB-Wahlkampf und lässt zugleich an der objektiven Rolle des Landesvaters Laschet zweifeln.

Ursula Alt meint: Herr Baal beleidigt die Intelligenz der Wähler, wenn er für die voraussichtliche Schließung des Aachener Continental Werks grüne Ideologie verantwortlich macht. Ist er wirklich so unwissend, dass er sich nicht schämt, so eine primitiven Argumentation für seinen Wahlkampf zu benutzen? Ein Conti-Mitarbeiter hat gesagt, in China ist ein großes modernes Werk entstanden, in dem die Leute für eine Schale Reis am Tag arbeiten. Die Abwanderung in Billiglohnländer, um mehr Profit zu erzielen ist kein neues Phänomen. Auch E-Autos fahren auf Gummireifen. Die Leerstände in der Innenstadt sind schließlich unter der Politik von CDU und SPD entstanden. Wenn die Grünen jetzt 39 Prozent der Wählerstimmen bekommen haben, dann wollen diese Wähler eine andere Politik als bisher.

Heinz Jürgen Eschweiler schreibt: Was den Automobilbau und seine Nebenindustrien in Deutschland betrifft, so müssen einige Vorgänge und politische Entscheidungen kritisch betrachtet werden. Zum einen war es die blasierte Arroganz deutscher Hersteller von hirnrissig übermotorisierten Fahrzeugen, mit denen man glaubte, über die technologischen Fortschritte ausländischer Hersteller erhaben zu sein. Als diese Karre bereits im Dreck stand, versuchten VW und Konsorten sich mit krimineller Dreistigkeit, Lug und Betrug davonzustehlen. Die Rede ist vom Abgasskandal. Und schließlich hatte man die Hilfe zumeist konservativer Politik und ihrer parlamentarischen und ministeriellen Vertreter unterstützend im Rücken. Spritfressende sogenannte Premiumfahrzeuge wurden mit steuerlicher Sonderbehandlung bedacht, so daß Kleinwagen relativ schlechter besteuert wurden als Großfahrzeuge.
Wenn Herr Baal die Ursachen für die befürchtete Schließung eines Conti-Werkes in Aachen sucht, so braucht er nur in den eigenen Reihen zu forschen, wo Fahrzeughersteller unter dem Schutz vor allem christlich konservativer Politik in die technologische Sackgasse produzierten. Bekanntlich gab es Kreuzzüge, welche marodierend umherzogen, Europa nie verlassen haben und wieder am Ausgangsort endeten. So ähnlich ist es mit der Kreuzzugstheorie des Herrn Baal.

Gerd Stybor kommentiert: Die Äußerungen des OB-Kandidaten Baal, in denen er die Grünen indirekt für die wahrscheinliche Schließung des Uniroyal-Werks in Aachen mitverantwortlich macht, sind nicht nur eine Unverschämtheit, sondern zeugen auch von geballter Inkompetenz und lassen sich auch durch die Tatsache, dass hier ein Wahlverlierer, der nicht einmal in seinem eigenen Wahlkreis punkten konnte, hilflos um sich schlägt, entschuldigen!

Thomas Berrenberg: „Kompetenz statt Ideologie", so der Titel des neuen Wahlplakates von Bürgermeisterkandidat Baal. Schaut man sich die Innenstadt an, so kann man über eine solche Hybris nur den Kopf schütteln. Herr Baal ist seit vielen Jahren Vorsitzender des Planungsausschusses der Stadt Aachen, wohin uns seine „Kompetenz" gebracht hat, mag jeder selbst entscheiden, der z.B. durch die Adalbertstraße hinunter an zahlreichen Leerständen vorbei zum städtebaulich katastrophalen und gestrigen Aquis Plaza spaziert.
Und jetzt sollen die Grünen auch noch verantwortlich für die angedrohte Schließung des Conti-Werkes sein. Diese zu befürchende Schließung hängt doch viel mehr mit der durch die Autoindustrie verpennte Verkehrswende zusammen. Und diese unbedingt notwendige Entwicklung mahnt die „Partei der Ideologen“ bereits über einen langen Zeitraum an. Nichts ist passiert. Frau Keupen verweist zurecht darauf, dass auch E-Autos und mit Wasserstoff getriebene Busse Reifen benötigen.

Erika Marner schreibt: Es hat mich sehr erschrocken, in der Zeitung lesen zu müssen, dass der OB-Kandidat Harald Baal sich zur Aussage hat hinreißen lassen, die möglicherweise bevorstehende Schließung des Conti-Werkes hänge mit der „grünen Ideologie“ zusammen. Obwohl Harald Baal sicher genau weiß, dass das es eher mit ungezügeltem Rambo-Kapitalismus zu tun hat. Seine Aussage ist in meinen Augen perfide und hängt wohl eher mit seiner Enttäuschung zusammen, im ersten Wahlgang von Frau Sibylle Keupen überflügelt worden zu sein.

Grit Klostermann: Wie verzweifelt muss Herr Baal über das schlechte CDU-Wahlergebnis sein, um die Absicht, Continental zu schließen, den Grünen in die Schuhe zu schieben? Wie geschockt muss er sein von den Verlusten, um seine frühere moderate Haltung zur Verkehrspolitik sofort abzulegen wie einen alten Hut? Ein gesundes Werk soll geopfert werden, um in Osteuropa mehr Profit zu machen, und die Grünen sind schuld? Das glaubt Herr Baal doch selbst nicht.

Sven Schniedermann kommentiert: Von welchen „grünen Ideologien“ schreibt Herr Baal? Er baut hier ein nicht existentes Feindbild auf. Das ist ein sogenannter „Red Herring“. Ein Ablenkungsmanöver von der Thematik an sich. Er betrachtet nicht die Möglichkeit, dass viele Automobilzulieferer den Strukturwandel verpennen, da die Autoindustrie in Deutschland weniger als in anderen Nationen auf Innovationen angewiesen ist. Das ist auf Bundesebene maßgeblich auf die CDU zurückzuführen. Herr Baal sollte dies ebenfalls anklagen, wenn er in der Diskussion ernst genommen werden will. Ansonsten bleibt seine Argumentation ein Lehrbeispiel für Innovationsverweigerung.

Jutta Drießen schreibt: Ich selber bin eher der CDU als Gesamtpartei zugewandt. Aber auch die Grünen machen einen guten Job. Dass Herr Baal nun jedoch die Gegenpartei als Sündenbock für den geplanten Abgang Contis aus Aachen zum Wahlthema macht, ist – mit Verlaub gesagt – billig. Wir alle wissen, warum es Continental trotz schwarzer Zahlen aus unserem Heimatort weg zieht. Den günstigeren Lohn- und Produktionskosten im asiatischen und auch russischen Raum ist hier nicht entgegen zu kommen. Lieber Herr Baal, Sie sind jetzt gerade politisch in die Enge getrieben und versuchen verzweifelt, Wähler zu mobilisieren. Aber bitte nicht so!