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Kommentar zur allgemeinen Dienstpflicht: Zwingen hilft nicht

Kommentar zur allgemeinen Dienstpflicht : Zwingen hilft nicht

Gut ist bekanntlich manchmal das Gegenteil von gut gemeint. In die letzte Kategorie gehört der Vorstoß des Bundespräsidenten für die Einführung einer allgemeinen Pflichtzeit.

Steinmeier wird kaum die Idee verfolgen, Vierzigjährige in Pflegeheime zu schicken. Es geht also um junge Menschen, was die Sache nicht einfacher macht. Eine Dienstpflicht, ob nun in Uniform oder in der Pflegemontur, greift tief in die Freiheitsrechte der Betroffenen ein. Dafür braucht es gute politische Argumente, auch juristisch haltbare. Der bloße Gedanke, eine zunehmend auseinanderdriftende Gesellschaft auf diese Art ein Stück weit solidarischer zu machen und die Bürger mehr für soziale Themen zu sensibilisieren, reicht da bei weitem nicht. Der Vorschlag verkennt zudem, dass Engagement im Jahr 2022 anders buchstabiert wird als noch in den Achtzigern. Wer heute gegen die Klimakrise kämpft, im Naturschutz arbeitet oder Geflüchteten beim Deutschlernen hilft, macht dies freiwillig, in der Freizeit und meist außerhalb etablierter Strukturen. Es sind nicht wenige (Junge), die sich auf diese Weise engagieren, und sie tun es übrigens auch meist länger als ein Jahr. Der Bundespräsident wird es nicht beabsichtigen, aber sofort keimte in der Debatte der Verdacht auf, hier werde unter dem Etikett des Gemeinwohls und Gemeinsinns der Versuch unternommen, die Personallöcher in den Alten- und Krankenpflege zu stopfen. Diese Lücken werden sich aber nur durch eine bessere Bezahlung und vernünftige Arbeitsbedingungen schließen lassen. Wer mehr sozialen Einsatz fördern will, sollte eher das Freiwillige Soziale Jahr besser ausstatten. Denn vielfach müssen sich junge Leute aus rein finanziellen Gründen dagegen entscheiden.

Als Ersatz für die ausgesetzte Wehrpflicht taugt die Idee ebenso wenig. Wenn Deutschland angesichts der russischen Aggression sicherer werden soll, braucht es mehr und moderne Waffen. Zugleich aber auch Soldaten, die diese immer komplexeren Systeme beherrschen und bedienen können. Abschreckung ist heute eine Sache für spezialisierte Profis. Und nicht das Resultat einer möglichst großen Zahl von Reservisten, die irgendwann einmal gelernt haben zu schießen und sich im Wald nicht zu verlaufen. Wer eine Wiedereinführung des Wehrdienstes fordert, muss auch die Frage beantworten, wie und womit die systematisch kaputtgesparte Truppe eine – vernünftige – Ausbildung leisten soll. Sich für diese Gesellschaft zu engagieren, ist wertvoll und sinnvoll – und vielleicht wichtiger denn je. Erzwingen lässt sich Solidarität aber nicht.