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Berlin: Wie Frauen in den 60ern und 70ern für ihre Rechte kämpften

Berlin : Wie Frauen in den 60ern und 70ern für ihre Rechte kämpften

Abschaffung des Paragraphen 218, gleicher Lohn für gleiche Arbeit und Freigabe der Antibabypille — die Forderungen der Neuen Frauenbewegung in den 1960er und 1970er Jahren waren vielfältig. Vor allem aber ging es um eines: die Aufhebung der jahrhundertelangen Vormachtstellung des Mannes und die vollständige Gleichstellung der Geschlechter in allen Lebensbereichen.

Eine erste große Frauenbewegung hatte es in Deutschland bereits Mitte des 19. Jahrhunderts gegeben. Ausgehend vom Gedankengut der Aufklärung forderten Frauen damals, dass der dort propagierte Grundsatz der Freiheit und Gleichheit auch für Frauen gelten müsse. Größte Errungenschaft der damaligen Aktivitäten war das Frauenwahlrecht. Jäh unterbrochen durch den Nationalsozialismus nahm die Frauenbewegung dann erst ab 1968 wieder Fahrt auf.

In der Pillendebatte und der Diskussion um Abtreibungen steht der Schutz des ungeborenen Lebens im Mittelpunkt — aber auch das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Foto: dpa

Der Tomatenwurf

Sie ist noch heute die bekannteste Feministin Deutschlands: Alice Schwarzer. Außerdem ist sie Gründerin und Herausgeberin der Frauenzeitschrift „Emma“. Foto: dpa

Er gilt als Auftakt zur großen Frauenbewegung in der neuen Bundesrepublik: der Tomatenwurf. Im September 1968 hielt die Filmemacherin und Autorin Helke Sander eine Rede bei der Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS). Sie sprach dort als Vertreterin des neu gegründeten Aktionsrats zur Befreiung der Frau. Sie beschuldigte die SDS-Männer, in ihrer Gesellschaftskritik nicht weit genug zu gehen, weil sie die Diskriminierung der Frauen ignorierten. Da die Genossen nicht über Sanders Rede diskutieren wollten und einfach zur Tagesordnung übergingen, warf eine Mitstreiterin als Zeichen des weiblichen Protestes Tomaten in Richtung Vorstandstisch.

Die Aktion selbst und auch deren Verbreitung durch die Medien waren der Auslöser dafür, dass sich vermehrt feministische Frauengruppen an Universitäten und in Städten bildeten, die die Öffentlichkeit mit teilweise spektakulären Aktionen auf Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen aufmerksam machten.

„Wir haben abgetrieben!“

Am 6. Juni 1971 erschien der „Stern“ mit dem Titel „Wir haben abgetrieben!“. 374 Frauen — darunter Senta Berger und Romy Schneider — bekannten sich dazu, gegen den Paragraphen 218, das Abtreibungsverbot, verstoßen zu haben. Sie brachen damit nicht nur ein Tabu, sondern gaben öffentlich zu, sich strafbar gemacht zu haben. Initiatorin der Aktion war die Journalistin Alice Schwarzer, die die Idee von den Französinnen übernommen hatte. Diese hatten im „Nouvel Observateur“ ebenfalls öffentlich erklärt, dass sie abgetrieben hatten.

Im Zuge dieser Kampagne gründeten sich immer mehr Aktionsgruppen, die ihre Proteste schließlich in einem übergeordneten Gremium „Aktion 218“ koordinierten. Das Gremium forderte im Juli 1971 vom damaligen Bundesjustizminister Gerhard Jahn, den § 218 aus dem Strafgesetzbuch zu streichen, den Schwangerschaftsabbruch von Fachärzten vornehmen zu lassen sowie die Abtreibung und„die Pille“ als Kassenleistung festzuschreiben.

Am 26. April 1974 entschied sich der Bundestag mit knapper Mehrheit für eine Fristenregelung, nach der Schwangerschaftsabbrüche grundsätzlich bis zur zwölften Schwangerschaftswoche straffrei sein sollten. Diese Regelung wurde jedoch ein Jahr später für verfassungswidrig erklärt. Somit steht auf Schwangerschaftsabbruch grundsätzlich auch heute noch eine Freiheitsstrafe — jedoch mit drei Ausnahmen: Bis zur 12. Woche ist eine Abtreibung straffrei, wenn die Schwangere den Abbruch wünscht und vorher an einem Beratungsgespräch teilgenommen hat oder wenn sie Opfer einer Sexualstraftat geworden ist. Aus medizinischen Gründen ist eine Abtreibung während der gesamten Schwangerschaft möglich.

Die Antibabypille

Ein entscheidender Schritt auf dem Weg hin zu mehr Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Frau war die Antibabypille, auch „die Pille“ genannt. Am 18. August 1960 kam das Mittel „Enovid“ in den Vereinigten Staaten als erste Antibabypille auf den Markt. Die Berliner Schering AG entwickelte fast zeitgleich das Präparat „Anovlar“ und startete am 1. Juni 1961 den Verkauf. „Die Pille“ wurde jedoch zunächst nur verheirateten Frauen mit mehreren Kindern verschrieben und sollte offiziell bei Menstruationsbeschwerden helfen. Dass sie auch empfängnisverhütend wirkt, tauchte nur in der Packungsbeilage als Nebenwirkung auf.

In Deutschland nimmt heute laut einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) mehr als jede zweite Frau zwischen 18 und 49 Jahren die Pille. Allerdings machen sich junge Frauen mittlerweile mehr Gedanken zu den Langzeitfolgen. Sie empfinden die Pille als Einschränkung ihrer sexuellen Begierde, wollen Nebenwirkungen wie Depressionen oder ein erhöhtes Thromboserisiko nicht länger hinnehmen und möchten nicht allein für die Verhütung verantwortlich sein.

Frauenhäuser und Beratungszentren

Die internationale Frauenbewegung thematisierte Ende der 1960er Jahre erstmals öffentlich das weit verbreitete, aber bis dahin oft verschwiegene Problem von Gewalt gegen Frauen auch in Ehe und Partnerschaft. 1971 gründete Erin Pizzey in London ein Frauenzentrum, das sich zum ersten Frauenhaus weltweit entwickelte und Frauen, die Opfer von Gewalt geworden waren, Zuflucht und Hilfe bot. Köln und Berlin folgten 1976.

Dazu, dass auch in zahlreichen anderen Städten Frauenhäuser eröffneten, trug wesentlich das Internationale Tribunal „Gewalt gegen Frauen“ 1976 in Brüssel bei, an dem 2000 Frauen aus 33 Staaten teilnahmen.

Kultur, Politik und Frauenfußballverbot

Auch im kulturellen Bereich gab es Neues: Es entstanden reine Frauen-Theatergruppen, -Bands oder -Kabaretts. Außerdem gab es erstmals Frauenverlage und Frauenbuchläden von Frauen für Frauen. Dazu kamen überregionale Zeitschriften, die bekanntesten sind „Emma“ und „Courage“.

Im Jahr 1972 wurde dem Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit die Zuständigkeit für alle Frauenfragen übertragen. Die damalige Ministerin Käthe Strobel setzte sich erstmals für ein modernes Rollenbild der Frau und für das Recht auf persönliche und berufliche Entfaltung von Ehefrauen ein. Verheiratete Frauen benötigten noch bis 1977 die Erlaubnis ihres Ehemannes, wenn sie einen Beruf ausüben wollten.

Zu Beginn der 70er Jahre hob dann auch der Deutsche Fußballbund (DFB) auf seinem Verbandstag in Travemünde endlich das Frauenfußballverbot von 1955 auf. Damals meinte man, der Kampf um den Ball schade der weiblichen Anmut. Körper und Seele erlitten unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletze Schicklichkeit und Anstand.

Nach dem Einlenken des DFB bildeten sich auf lokaler Ebene schnell erste Ligen. 1974 fand die erste offizielle deutsche Fußball-Meisterschaft für Frauen statt. Doch noch im Jahr 1989, zum ersten EM-Titel, schenkte der Verband den Spielerinnen ein Kaffeeservice.