Beginn des 2. Weltkriegs: Wie Europa in Flammen aufging

Beginn des 2. Weltkriegs : Wie Europa in Flammen aufging

Am 1. September vor 80 Jahren beginnt mit dem Überfall von Nazi-Deutschland auf Polen der Zweite Weltkrieg. Schon lange vor dem Angriff auf Polen gab es Alarmzeichen. Hätte Hitler gestoppt werden können? Heute ist immer noch so manches offen.

Der 1. September 1939 beginnt in Berlin als „grauer, wolkenverhangener Morgen“, notiert William Shirer in seinem Tagebuch. Shirer ist ein amerikanischer Radiojournalist. Die Menschen wirken auf ihn teilnahmslos, als er für eine Live-Reportage durch die deutsche Hauptstadt fährt. In der Nähe von Shirers Unterkunft im Hotel „Adlon“ ist auf einer Baustelle die Frühschicht am Werk. Kein Arbeiter habe die Sonderausgaben der Zeitungen wohl gelesen, beobachtet der Korrespondent in seinem „Berlin Diary“. Dabei entfesselt Deutschland gerade die Apokalypse.

Seit Wochen stehen die Zeichen auf Krieg, eine Invasion Polens soll unmittelbar bevorstehen. Täglich hetzt die NS-Presse gegen den Nachbarstaat. Noch am Vorabend hat Reichskanzler Adolf Hitler hektisch die Vorbereitungen für einen Überfall vorangetrieben. Um 21 Uhr wird im Radio sein „16-Punkte-Plan“ vorgelesen. Darin fordert Hitler, Danzig müsse wieder ins Reich zurückkehren, das benachbarte Gdingen könne polnisch bleiben.

Nach dem Ersten Weltkrieg war Danzig zur Freien Stadt erklärt und von Deutschland abgetrennt worden. Die Hafenmetropole steht seitdem unter Aufsicht des Völkerbundes und dem Schutz von Polen und Briten.

London stuft Hitlers Vorschläge als gemäßigt ein. Britische Diplomaten reden auf die polnische Regierung ein, die Bedingungen doch zu akzeptieren. Warschau hält den Plan dennoch für unannehmbar.

Hitlers Täuschungsmanöver

Und Hitler meint es ohnehin nicht ernst. „Ich brauchte ein Alibi, vor allem dem deutschen Volke gegenüber, um ihm zu zeigen, dass ich alles getan habe, den Frieden zu erhalten. Deshalb machte ich diesen großzügigen Vorschlag.“ Das soll der Diktator später gesagt haben, wie sein Dolmetscher Paul Schmidt in seinen Memoiren festhält.

Hitler kann sich gewiss sein: Die britischen Außenpolitiker, so schreibt im Rückblick der englische Historiker Martin Gilbert, sind nicht bereit, für die drohende deutsche Annexion Danzigs in den Krieg zu ziehen.

Gegen 22.30 Uhr berichtet der Rundfunk in Deutschland über Grenzzwischenfälle, darunter einen bewaffneten, angeblich polnischen Überfall auf einen deutschen Sender im oberschlesischen Gleiwitz sowie Zwischenfälle im Grenzort Hochlinden. Das „Unternehmen Tannenberg“ ist da im Gange. Reinhard Heydrichs Reichssicherheitshauptamt hat das Täuschungsmanöver von langer Hand vorbereitet. SS-Männer werden in polnische Uniformen gesteckt. Leichen unter anderem von ermordeten KZ-Insassen werden an Orten des Geschehens ausgelegt, um Todesopfer vorzugaukeln.

Unten links: Beim Einmarsch in Polen beseitigen Soldaten der deutschen Wehrmacht Schlagbäume an der Grenze. Foto: dpa

Die angebliche, polnische Provokation liefert Hitler den Vorwand zum Generalangriff. „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen. Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten“, verkündet er im Reichstag in Berlin. Hitler nennt eine um eine Stunde abweichende Uhrzeit, aber niemand traut sich, ihn zu korrigieren. Weil bereits 100 Abgeordnete zum Militär einberufen wurden, muss Hermann Göring leere Plätze mit NS-Parteifunktionären auffüllen lassen.

Adolf Hitler ist jedoch alles andere als euphorisch. Mit dem Zurückweisen der Forderungen aus dem „16-Punkte-Plan“ zerschlägt sich die Hoffnung, Großbritannien aus dem Konflikt herauszuhalten. Ein Zweifrontenkrieg scheint der deutschen Seite kaum mehr zu vermeiden. Hitler hält dennoch an der „restlosen Zertrümmerung“ Polens fest.

Am 3. September erklärt Frankreich Deutschland den Krieg. In London verkündet Premier Neville Chamberlain im Parlament ebenfalls den Kriegszustand.

Die Welt war hinterher anders

Der Zweite Weltkrieg – er verändert die Welt für immer. Bis zur Kapitulation Japans am 2. September 1945 sterben um die 55 Millionen Menschen oder gar mehr. Mit der Wehrmacht als Komplizin und Mittäterin werden etwa sechs Millionen Juden ermordet, mehr als drei Millionen sowjetische Soldaten verlieren in Kriegsgefangenschaft ihr Leben. Am Ende liegt Europa in Trümmern, das britische Empire geht allmählich zu Ende, die USA steigen zur Weltmacht auf.

Zwar beginnt der Weltkrieg nicht als Weltkrieg, sondern stellt sich den Beobachtern zunächst als Grenzstreit dar. Doch Hitler hat schon früh die Weichen gestellt für eine Auseinandersetzung kontinentalen Ausmaßes. Mit Polen als Anfangs-Gegner kann er dabei auf das Wohlwollen eines Großteils der deutschen Eliten setzen.

Wie kein anderes Land steht der Nachbarstaat für die empfundene Schmach, die Rechte, Konservative und Militärs mit dem Versailler Friedensvertrag nach dem Ersten Weltkrieg verbinden. Dazu kommen alte, tief sitzende antislawische und antisemitische Ressentiments.

Polen verdankt seine Unabhängigkeit genau dem Friedensvertrag, der Deutschland schmerzliche Gebietsverluste aufgebürdet hat. „Polens Existenz ist unerträglich, unvereinbar mit den Lebensbedingungen Deutschlands“, erklärt Reichswehrchef Hans von Seeckt schon 1922. Auch viele Mitglieder des ostelbischen Landadels wünschen sich ein koloniales Reich unter deutscher Herrschaft.

Angesichts eines solch offen geäußerten Expansionswillens: Wie sollen die Westmächte auf Hitler reagieren? Klar ist: Der Weg in den mörderischen Flächenbrand ist auch von Illusionen, Fehleinschätzungen und falschen Hoffnungen über die wahren Absichten des Diktators bestimmt, der immer wieder seinen Friedenswillen beteuert.

Zwar lösen politische Propaganda-Erfolge wie das Referendum im Saargebiet 1935 sowie die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht und der Ausbau eines Heeres auf 550.000 bewaffnete Männer Unruhe in Europas Hauptstädten aus. England, Frankreich und Italien verurteilen auch die faktische Aufkündigung des Friedensvertrags. Doch sie unterlassen konkrete Schritte, um Hitler zu stoppen. Im Juni 1935 schließen England und Deutschland sogar ein Marineabkommen ab. Deutschland darf seine Flotte auf bis zu 35 Prozent der britischen Stärke ausbauen.

Solche Zugeständnisse ermutigen Hitler geradezu. Im März 1936 rücken Truppen in die entmilitarisierten linksrheinischen Gebiete vor. Sie waren nach dem Ersten Weltkrieg als Pufferzone gegen einen von Frankreich befürchteten erneuten Angriff Deutschlands eingerichtet worden. Auch diese Besetzung wird von England und Frankreich hingenommen. „Weder Drohungen noch Warnungen werden mich von meinem Weg abbringen“, sagt Hitler am 14. März 1936 in München.

Rechts: Hitler wird auf dem Flugplatz in Warschau von den siegreichen Truppen empfangen. Foto: dpa

Zwei Jahre später, im März 1938, marschieren Hitlers Truppen in Österreich ein, ohne auf Widerstand zu stoßen. Kurz danach bejubeln ihn bis zu 250.000 Menschen in Wien.

Die Spannung ist hoch, trotzdem verkündet der britische Premier Chamberlain sein „Peace for our time“ – die Hoffnung auf Frieden –, als er am 30. September 1938 in Heston bei London aus einem Flieger steigt. Er hält das Abkommen in der Hand, das er in München mit Hitler unterschrieben hat. Zuvor hat er mit Italiens Duce Benito Mussolini und dem französischen Premier Edouard Daladier seine Zustimmung zur Abtrennung der sudetendeutschen Gebiete aus der Tschechoslowakei gegeben. Die Staatsmänner hoffen noch immer, so Hitler zu besänftigen.

Es ist nicht mehr lange hin, dann steht Europa in Flammen. Spätestens jetzt erweist sich die „Appeasement“-Politik, die Beschwichtigungspolitik, als stumpfe Waffe gegen einen zu allem entschlossenen, skrupellosen Machthaber.

Hitlers „Kombination von Einschüchterung und Erpressung“ hat nach den Worten des britischen Historikers Ian Kershaw, der eine große Biografie des Diktators verfasste, erst die Brüchigkeit der europäischen Ordnung nach dem Ersten Weltkrieg sichtbar gemacht. Als die Westmächte erkennen, mit wem sie es wirklich zu tun haben, sind sie längst nicht mehr in der Lage, Hitler zu bändigen.

Hitlers Drehbuch zum Krieg

„Nachdem alle politischen Möglichkeiten erschöpft sind, um auf friedlichem Weg eine für Deutschland unerträgliche Lage an seiner Ostgrenze zu beseitigen, habe ich mich zu einer gewaltsamen Lösung entschlossen“, verkündet der „Führer“ in der Geheimen Weisung Nr. 1. Im Morgengrauen des 1. September tritt der „Fall Weiß“ ein. Der Erlass kann als Hitlers Drehbuch zum Krieg gelesen werden. „Im Westen kommt es darauf an, die Verantwortung für die Eröffnung von Feindseligkeiten eindeutig England und Frankreich zu überlassen“, heißt es dort. Geringfügige Grenzverletzungen seien zunächst rein örtlich zu beantworten.

Dann greifen gegen 4.40 Uhr deutsche Kampfflugzeuge die Stadt Wielun in Polen an. Wenig später eröffnet das Schiff „Schleswig-Holstein“ das Feuer auf den polnischen Stützpunkt auf der Danziger Westerplatte.

Rund 1,5 Millionen deutsche Soldaten sind bereit. Im „Blitzkrieg“ überrollen die Truppen die polnischen Linien. Nach zwei Wochen stehen die Deutschen vor Warschau. Bomber sorgen für die Zerstörung der polnischen Hauptstadt. Millionen werden sterben. Im Krieg, so schreibt der Historiker Ian Kershaw, findet der Nationalsozialismus zu seinem wahren Kern.