1. Politik

Tag der Pressefreiheit: Wie die Redefreiheit in Russland abhanden kommen konnte

Tag der Pressefreiheit : Wie die Redefreiheit in Russland abhanden kommen konnte

Wiktor Chrul ist Anfang März aus Russland geflohen, ein potentieller Job hat ihn auch für einige Tage nach Aachen geführt. Der Universitätsprofessor und Journalist sieht die Gefahr, dass er in seiner Heimat hart bestraft wird – weil er die Wahrheit sagt.

Wo Wiktor Chrul in den nächsten Tagen sein wird, weiß er nicht. Vielleicht Bochum, vielleicht Luxemburg, vielleicht auch Vilnius. Der Universitätsprofessor sucht nach einem Job, in Europa, in den USA, Hauptsache nicht in Russland. Als Spezialist auf dem Gebiet Medienethik kann und will er schließlich nicht verschweigen, was wirklich in der Ukraine geschieht. Doch genau das müsste er, wollte er weiterhin sicher in Russland leben. Deshalb hat er das Land Anfang März verlassen. Auf seiner ungewissen Reise hat er auch einige Tage in Aachen verbracht. Multimedia-Volontärin Svenja Stühmeier hat sich mit ihm zum Tag der Pressefreiheit über die Situation der Medien in Russland unterhalten.

Herr Professor Chrul, was bedeutet Pressefreiheit für Sie?

Wiktor Chrul: Ich habe 1981 begonnen, Journalismus zu studieren, in der Sowjetunion. Journalisten wurden damals zwar als „Diener der Partei” betrachtet. Aber der Beruf hat mir zu einem gewissen Grad erlaubt, meine Meinung auszudrücken und die Wahrheit zu berichten. Ein Zitat von Nick Davies fasst die Aufgabe von uns Journalisten meiner Meinung nach perfekt zusammen: „Der Hauptzweck eines Journalisten besteht darin, den Menschen die Wahrheit über wichtige Dinge zu sagen.“ Pressefreiheit ist notwendig, damit Wahrheit vermittelt werden kann, denn Wahrheit ist ein fundamentaler Wert für Menschen. Diese Suche nach der Wahrheit begleitet mich schon mein ganzes Leben lang. Deswegen bin ich auch aus Russland geflohen. Weil es dort nicht möglich ist, die Wahrheit zu sagen.

Wie hat sich die Situation der Presse in Russland entwickelt, seitdem Sie journalistisch arbeiten?

Chrul: In der Sowjetunion hatten Menschen keine Möglichkeit, Freiheiten auszuleben und zu genießen. Mit dem Fall der Berliner Mauer kamen allerdings diese Freiheiten. Plötzlich, unerwartet. Wir haben damals auch Pressefreiheit erlangt. 1991 wurde vielleicht das liberalste Gesetz für Medien verabschiedet. Es war als Gesetz für Journalisten gestaltet, das sie vor Politikern und Herausgebern geschützt hat. Wir haben große Meinungsvielfalt genossen. Diese goldene Ära des Journalismus endete jedoch schon Anfang der 2000er Jahre. Die Redefreiheit wurde schrittweise von der Regierung reduziert.

Wie?

Chrul: Als Wladimir Putin 2000 an die Macht kam, hatte er Angst vor den Medien, denn sie waren kritisch und in gutem Zustand. Sie hatten Einfluss auf die Menschen. Er hat entschieden, Kontrolle über die Medien zu erlangen. Und der beste Weg, dies zu tun, ist, sie zu besitzen. Die russische Regierung und der russische Präsident haben also keine direkte politische Kontrolle übernommen, wie in der Sowjetunion, sondern Kontrolle mittels ökonomischer Instrumente. Damals wurde zum Beispiel der größte und kritischste Fernsehsender, NTV, von Gazprom gekauft. Andere größere Häuser wurden von Oligarchen gekauft, die dem Präsidenten gegenüber loyal waren. So wurden Medien stark für politische Zwecke genutzt. Kritische Medien sind Schritt für Schritt von der Bildfläche verschwunden. Wenn du die Wahrheit mit Lügen ersetzen willst, musst du zuerst die Medien kontrollieren und sie dann nutzen, um Lügen zu verbreiten.

Sie sind allerdings nicht schon vor einigen Jahren ausgewandert, sondern erst jetzt, nachdem Russland die Ukraine erneut angegriffen hat. Was hat sich mit diesem Angriffskrieg 2022 verändert?

Chrul: Am 4. März wurde ein neues Gesetz erlassen, das war ein großer Einschnitt. Es stuft Informationen über den Krieg, die nicht mit den Aussagen des Verteidigungsministeriums übereinstimmen, als falsch ein. Alle, die die Regierung oder das Militär kritisieren oder auch nur diese “Spezialoperationen” als Krieg bezeichnen, können nun bestraft werden. Entweder mit hohen Geldstrafen oder mit bis zu 15 Jahren Haft. Das ist ein großes Risiko für mich, denn ich bin freimütig und kritisiere scharf, was passiert ist. Ich habe Russland am 8. März verlassen.

 Wiktor Chrul hat einige Tage in Aachen verbracht. Momentan ist er europaweit auf Jobsuche.
Wiktor Chrul hat einige Tage in Aachen verbracht. Momentan ist er europaweit auf Jobsuche. Foto: Svenja Stühmeier

Wäre es nicht sinnvoller gewesen, in Russland zu bleiben und mit Ihren Publikationen eine Stimme gegen die Regierung und die abhängigen Medien zu etablieren?

Chrul: Das habe ich schon öfter von Menschen aus dem Westen gehört. Wenn du dort mit der Regierung unzufrieden bist, gehst du auf die Straße und protestierst. In Russland funktioniert das aber nicht. Es wurden Tausende Demonstranten festgenommen, die gegen den Ukraine-Krieg protestiert haben. Mit deinem Gegner musst du die Sprache sprechen, die er versteht. Ich will jedoch nicht die Sprache der Gewalt und des Terrorismus sprechen, die von der russischen Regierung verstanden wird. Das ist nicht meine Art. Ich will nicht den Rest meines Lebens im Gefängnis verbringen. Ich bin kein Kämpfer, sondern Universitätsprofessor und Journalist. Deswegen halte ich es weiter für sinnvoll, die Wahrheit darüber zu erzählen, was in Russland und der Ukraine passiert, jetzt eben einem anderen Publikum. Ich sehe das als meine Mission an.

Wie nehmen Sie das Verhalten anderer Journalisten seit Kriegsausbruch wahr?

Chrul: Diejenigen, die nicht Teil dieser riesigen Lüge über den Krieg sein wollen, haben ihren Job gewechselt oder bearbeiten zumindest unpolitische Themen, wie etwa Kultur oder Sport. Aber natürlich arbeiten sie auch dann noch für Staatsmedien. Andere sind aus Russland geflohen.

Inzwischen geht durch die Medien, dass 80 Prozent der Russen Putin unterstützen. Schätzen Sie diese Zahl als realistisch ein?

Chrul: Ich kann nicht sagen, ob es wirklich 80 Prozent sind und warum die Menschen diese Position in Umfragen vertreten. Vielleicht aus Angst, vielleicht, weil es keine richtige politische Partizipation in Russland gibt. Was ich jedoch sagen kann: Die Anzahl derer, die Putin unterstützen, ist sehr hoch. Und die Anzahl derer, die gegen den Krieg protestieren, liegt bei 15, maximal 20 Prozent. Es geht nicht um präzise Zahlen, sondern um die Relation.

Warum funktioniert Propaganda so gut in Russland?

Chrul: Viele Russen haben sich Ende der 1990er Jahre nach der Sowjetunion gesehnt, sie waren nostalgisch. Und das war sehr schlecht für die Meinungsfreiheit. Sie haben geglaubt, dass sie Führung brauchen. Ordnung war ihnen wichtiger als Freiheit. Das russische Volk hat in großen Teilen eine sehr schwache Medienkompetenz. Viele Menschen sind Informationen gegenüber sehr unkritisch. Sie nutzen nur eine Quelle, vergleichen und überprüfen sie nicht und haben auch ein sehr großes Vertrauen in offizielle Medien. Und wenn du vertraust und gleichzeitig nur eine Quelle hast, bist du ein einfaches Ziel für Propaganda. Ein weiteres Problem ist Selbstzensur. Die Leute wollen nicht darüber nachdenken, was wahr und richtig ist. Sie haben Angst vor der Wahrheit. Denn es ist viel komfortabler, einfach zu glauben, was im Fernsehen gezeigt wird.

Warum wollen junge Menschen in Russland noch Journalisten werden?

Chrul: Bei meiner ersten Vorlesung im ersten Semester habe ich meine Studierenden immer gefragt, wer von ihnen als Journalist arbeiten möchte. Ich sah immer weniger Hände. Viele junge Menschen haben inzwischen die Motivation, Journalismus zu studieren, damit sie das Wissen und das Handwerk im PR-Bereich anwenden können. Sie nutzen ihre Fähigkeiten also nicht, um die Wahrheit zu finden und sie zu verteidigen, sondern um etwas zu machen, das nichts mit der Wahrheit zu tun hat. Die Studierenden sind aufgewachsen, als Putin schon an der Macht war. Sie kennen nur einen Präsidenten. Nur das Einparteiensystem. Ich bin allerdings sehr froh darüber, dass meine besten Studierenden für oppositionelle Medien wie zum Beispiel Meduza, Nowaja Gaseta oder die Deutsche Welle arbeiten. Sie sind motiviert, die Wahrheit zu entdecken und darüber zu berichten. Aber sie sind jetzt in der Minderheit.

Wie berichten die wenigen oppositionellen russischen Medien?

Chrul: Sie sind ins Ausland geflohen, wie zum Beispiel Meduza, oder sie haben ihre Berichterstattung ins Netz verlagert. Heute ist es dank der Technologien viel einfacher, trotz der russischen Regierung Zugang zu oppositionellen Quellen zu erhalten, zum Beispiel via VPN.