Staatliche Hilfen für Rentner: Wenn nichts mehr übrig bleibt

Staatliche Hilfen für Rentner : Wenn nichts mehr übrig bleibt

Eine Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass in den kommenden 20 Jahren deutlich mehr Rentner auf staatliche Hilfe angewiesen sein werden.

Im Konjunkturaufschwung der vergangenen Jahre sind die Bezüge der 21 Millionen Rentner jeweils deutlich erhöht worden, gleichzeitig jedoch hat das Altersarmutsrisiko zugenommen. Das zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, die am Donnerstag veröffentlicht wurde. Demnach könnte der Anteil der von Altersarmut bedrohten Rentner von derzeit 16,8 auf 21,6 Prozent im Jahr 2039 steigen. Als armutsbedroht gelten in der Studie Menschen, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens oder monatlich weniger als 905 Euro netto einnehmen. 2020 allerdings können sich die aktuellen Rentner erneut auf eine stattliche Erhöhung ihrer Bezüge von voraussichtlich fünf Prozent freuen.


Wie kommt das Institut zu seinen Ergebnissen?

Basis der Studie sind Simulationsrechnungen der Alterseinkommen 2015 bis 2050. Grundlage dieser Rechnungen sind repräsentative Daten privater Haushalte, über die das DIW verfügen kann, weil im Rahmen seines sogenannten sozio-ökonomischen Panels (SOEP) etwa 30.000 Personen in 12.000 deutschen Haushalten regelmäßig und fortlaufend nach ihren Einkommen befragt werden. Berechnet hat das DIW den gesamten zukünftigen Einkommensmix im Alter – bestehend aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge.


Was sind wesentliche Ergebnisse?

Derzeit ist das Problem der Altersarmut noch begrenzt – jedenfalls, wenn man es nur an der Zahl derer bemisst, die staatliche Grundsicherung im Alter beziehen. Das sind derzeit erst 3,2 Prozent aller Menschen im Rentenalter. Allerdings liegt die Dunkelziffer der Berechtigten deutlich höher. Schätzungen gehen laut DIW davon aus, dass zwei Drittel derer, die eigentlich bedürftig wären, die Grundsicherung nicht beantragen. Selbst wenn die Konjunktur stabil bleibt, die Arbeitslosigkeit nicht zunimmt und die Regierung alle bereits beschlossenen Rentenverbesserungen beibehält, wird laut DIW in 20 Jahren jeder fünfte ältere Mensch von Altersarmut bedroht sein.


Was sind die Gründe für wachsende Altersarmut?

Das Institut nennt vor allem zunehmend gebrochene Erwerbsbiografien. Wegen vorübergehender oder längerer Arbeitslosigkeit haben Betroffene zu wenig in die Rentenkasse eingezahlt. „Vom Anstieg der Altersarmut sind geringqualifizierte, Alleinstehende, Personen mit längerer Arbeitslosigkeit und Menschen mit Migrationshintergrund überdurchschnittlich stark betroffen“, schreiben die Studienautoren. Ein besonders starker Anstieg des Armutsrisikos sei in Ostdeutschland zu erwarten, weil dort viele Erwerbsbiografien nach der Wende unterbrochen wurden.


Wie wirkt sich das auf die Grundsicherung im Alter aus?

Durch das wachsende Armutsrisiko steigt laut der Studie auch der Anteil derer, die von der Grundsicherung im Alter abhängig sein werden. Bei der Berechnung geht das DIW davon aus, dass 100 Prozent der Berechtigten sie auch beziehen. Dies entspricht nicht der Realität, war für die Berechnungen als Annahme aber notwendig. Lag die Grundsicherungsquote nach der DIW-Annahme bisher bei etwa neun Prozent, steigt sie bis 2024 stark an und liegt bis Ende der 2030er Jahre bei etwa zwölf Prozent aller Rentner. „Überdurchschnittlich stark steigt der Bedarf an Grundsicherungsleistungen in den ersten Jahren bei jüngeren Alterskohorten, so das Institut. Nehme man an, dass Arbeitsverhältnisse künftig weniger standardisiert und stabil seien, klettere der Anteil derer, die 2039 von der Grundsicherung abhängig seien, sogar auf 13,4 Prozent.


Ist die Grundrente ein wirksames Instrument gegen Altersarmut?

Nach den Ergebnissen des DIW taugt die geplante Grundrente der Koalition nur bedingt, um Altersarmut und den Anstieg der Grundsicherungsempfänger zu begrenzen. Zwar ließe sich der Anteil der armutsgefährdeten Rentner durch die Grundrente auf 18,4 statt 21,6 Prozent im Jahr 2039 begrenzen, wenn sich die SPD damit durchsetzen würde, keine Bedürftigkeitsprüfung einzuführen. Allerdings wäre die Grundrente dann auch „nicht hinreichend zielgenau“, weil viele Bezieher in Haushalten lebten, deren Einkünfte über dem Grundsicherungsniveau liegen. Würde man die Grundrente aber mit einer Bedürftigkeitsprüfung einführen, wie es die Union fordert, würde der Anteil der armutsgefährdeten Rentner 2039 wiederum bei 21,2 Prozent liegen, so das DIW. Viele Betroffene würden zudem nicht das Kriterium der Grundrente erfüllen, 35 Jahre für die Rente eingezahlt zu haben.


Was schlägt das Institut vor?

Studienleiter Christof Schiller schlägt vor, die Mindestzahl der Versicherungsjahre zu verringern, die man vorweisen muss, um die Grundrente zu erhalten. Zudem sollte auf die Bedürftigkeitsprüfung verzichtet und stattdessen nur eine einfache Einkommensprüfung für die Grundrente eingeführt werden. Ein wirksameres Mittel gegen Altersarmut sei zudem, höhere Freibeträge für die private Altersvorsorge bei der Grundsicherung im Alter einzuführen.

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